Der Künstler: Vorbild in der Krise. Bryan Benner spricht vor dem nächsten Auftritt über die Offenheit der Waldviertler und den Umgang mit Unsicherheit.

Von Karin Widhalm. Erstellt am 28. Oktober 2020 (03:14)
Bryan Benner hat zwei große Vorbilder: Franz Schubert und William Shakespeare: „Sie haben eine radikale Empathie besessen und dadurch war es ihnen möglich, die Perspektive von zahlreichen Leuten einzunehmen, ohne dass es gekünstelt wirkt.“
Theresa Pewal

Bryan Benner, in Florida aufgewachsen, hat ein musikalisches Vorbild, den jeder Österreicher kennt: Franz Schubert. Aber sich selbst sieht er als Volkslieder-Macher – und mit seinen Songs, seinem feinen Bariton und der Gitarre in den Händen kann er das Publikum in seinen Bann ziehen. Wie Schubert mit dem Volkslied in Verbindung steht und was das alles mit dem Waldviertel zu tun hat, erzählt der 32-Jährige der NÖN.

NÖN: Sie sind in Florida geboren, waren in Kalifornien, Schottland, Italien und seit 2011 sind Sie in Österreich: Welche Musiklandschaft begeistert Sie am meisten?

Bryan Benner: Grundsätzlich ist es bei mir so, dass mich die klassische Musik generell und Franz Schubert im Speziellen begeistern, dazu kommt noch die Volksmusik. Das sind eigentlich zwei Genres: Sie sind in den letzten 60 oder 70 Jahren auseinandergedriftet und daher ganz verschieden. Aber ich liebe sie beide gleich viel und ich sehe mich als Brücke zwischen diesen beiden Welten.

Viele Österreicher denken bei Volksmusik wohl zuerst an Andreas Gabalier oder Helene Fischer. Was ist für dich Volksmusik?

Benner: Gabalier oder Fischer sind für mich Schlager, das hat nur oberflächlich etwas mit Volksmusik zu tun. Nein, das ist nicht das, was ich meine. Volksmusik ist für mich, wenn ein Volk wie z. B. die Schotten mit Musik etwas auf ihre eigene Art ausdrückt und etwas kollektiv aufarbeitet, wie etwa ein Trauma, ob im guten oder schlechten Sinn. Das gibt es auch heutzutage - Gangsta-Rap ist für mich nämlich auch eine Art Volksmusik. Mich interessieren aber die älteren Wurzeln, das Zusammensitzen und die Tradition – und das findet man in fast jedem Land.

„Die Wandervögel“ sind Bryan Benner (Mandoline, Gesang, Gitarre), David Stellner (Gitarre, Gesang), Raphael Widmann (Geige, Gesang) und Wolfgang Schöbitz (Kontrabass, Gesang).
Katharina Löffelmann

Ich bin auf die österreichische, deutsche und jüdische Musiktradition durch die süddeutsche Gruppe „Zupfgeigenhansel“ gestoßen. Sie waren eine sehr erfolgreiche Gruppe und haben es nach dem dunklen Kapitel des Zweiten Weltkrieges als eine der ersten Gruppen wieder „gewagt“, die deutschsprachige Volksmusik zu spielen. Es war sehr wichtig, die eigenen musikalischen Wurzeln von dieser Art „Besetzung“ zu befreien und die eigene Kultur besser kennenzulernen.

Sie schreiben Songs, seit Sie 15 sind: Was sind Ihre Inspirationsquellen?

Benner: Für mich gibt es nur zwei Künstler, die eine ganz besondere Qualität haben: William Shakespeare und Schubert. Das waren Leute, die nicht nur begabt waren, schreiben und komponieren konnten. Sie haben eine radikale Empathie besessen und dadurch war es ihnen möglich, die Perspektive von zahlreichen Leuten einzunehmen, ohne dass es gekünstelt wirkt: Hirte und König, Frau und Mann, jung und alt, alle möglichen Lebensarten, Berufe, Situationen. Es kommt so rüber, als hätten sie es selbst spüren können. Deshalb bleiben die Stücke von Shakespeare so greifbar, weil sie sich mit den wichtigsten Themen des Lebens beschäftigen, und deshalb ist Schubert als Liedermacher ein großes Vorbild für mich als Songwriter.

Welche Songs schreiben Sie derzeit?

Benner: Ich bin gerade in einer spannenden Phase, ich habe verschiedene Crowdfunding-Aktionen und verkaufe sehr viele Auftragslieder. Das ist eine Herausforderung: Die Auftraggeber schicken mir eine Mail, in dem sie beschreiben, worum es in dem Lied gehen soll. Ich muss mir die Situation dann auch für mich selber vorstellen können und ein schönes Lied daraus machen; damit beschäftige ich mich am meisten. Ich habe über die Geschichte von Ikarus einen Song geschrieben, dann Lieder für Hochzeiten, Scheidungen, Begräbnisse und ich muss noch drei Lieder schreiben über Tiere: für einen Hund, eine Katze und ein Huhn. Das gehört nicht zu meinem Œuvre, ich schreibe wie in meinem neuen Album über die Familie, das Erwachsenwerden – und andere langweilige Themen (lächelt) .

Was bedeutet das Waldviertel für Sie? Hat die Region ihren eigenen Spirit?

Benner: Auf jeden Fall. Zwei meiner langjährigsten österreichischen Kollegen - David Stellner und Raphael Widmann von den Wandervögeln - kommen aus Waidhofen und durch sie bin ich mit Region sehr verbunden. Wir hatten oftmals die Chance, viel im Waldviertel unterwegs sein zu können, dadurch habe ich sehr viele Leute kennengelernt, auf und hinter der Bühne.

Ich bin immer begeistert von der Offenheit des Waldviertler Publikums, gleichzeitig von ihrem Anspruch. Ich habe das Gefühl, sie erkennen, wenn etwas gut ist. Wenn sie etwas schön finden, sind sie voll und ganz dabei. Man bringt sie zum Mitklaschten und das ist dann eine schöne musikalische Begleitung, die man bekommt. Und das passt gut zur Volksmusik: Das sind Menschen, die einen leichten Zugang zu dieser Musik haben, zur Liebe, Freude, Trauer, Hungersnot, Natur. Ich habe das Gefühl, dass die Waldviertler viele Themen sehr gut verstehen können. Und dass sie mich als Ausländer akzeptiert haben, ist schön. Ich fühle mich geschätzt hier.

Wie erleben Sie das Coronajahr? Ist es eine Herausforerung?

Benner: Das glauben die meisten, aber für uns Freischaffende ist die Unsicherheit kein neuer Wegbegleiter. Ich mache mir mehr Sorgen um die Leute, die es gewohnt sind, zu wissen, was morgen kommt. Natürlich werden Konzerte abgesagt und andere kommen spontan dazu, aber wir sind sehr flexibel und können mit den Gegebenheiten, wie sie sind, umgehen. Ich würde mir wünschen, dass wir Künstler noch mehr als Vorbild gesehen werden: Wir schauen mit Kreativität, Mut und Flexibilität, wie wir das Beste aus einer ganz komischen Situation machen können.

Treten Sie zum ersten Mal für die „*SZENE Waldviertel“ auf?

Benner: Unter diesem Namen „*SZENE Waldviertel“ und mit meinem Projekt „Late-Night Liederabend with Bryan Benner“, ja. Bei „Szene Bunte Wähne“ war ich schon viele Male mit den „Wandervögeln“ dabei. Ich bin ein großer Fan von Festivalleiter Stephan Rabl, ich schätze ihn sehr, weil er so viel Kultur und so viele Künstler ins Waldviertel bringt. Das ist wirklich eine große Leistung. Ich schätze seine Vision und freue mich, wenn ich mitmachen darf.