Integration am Arbeitsmarkt: „Kann Familie erhalten". Immer mehr Flüchtlinge fassen in der Arbeitswelt im Bezirk Horn Fuß.

Von Thomas Weikertschläger. Erstellt am 06. März 2019 (04:19)
Dieter Schewig
Sultana Karimi (Mitte) hat noch keinen positiven Asylbescheid. Sie will aber nicht untätig herumsitzen, sondern engagiert sich zur Freude von Renate Ableidinger und Elisabeth Winkler im Horner Henry Laden.

Einfach arbeiten und etwas Nützliches mit ihrer Zeit und ihren Fähigkeiten anfangen – auch wenn geflüchtete Menschen vielfach als „Zuwanderer ins Sozialsystem“ bezeichnet werden, schaut die Realität in vielen Fällen anders aus. Auch im Bezirk Horn gibt es zahlreiche Beispiele, die aufzeigen, dass geflüchtete Menschen, die oft erst seit Kurzem in Österreich leben, sich bereits bestens in den Arbeitsmarkt integriert haben und für viele Firmen in der Region zu unverzichtbaren Mitarbeitern geworden sind.

Der Horner Fotograf Dieter Schewig portraitiert in seinem Projekt „we just want to work here“ rund 25 Menschen, die in den letzten drei Jahren vor Krieg und Unterdrückung vor allem aus Afghanistan, Irak, Iran und Syrien geflüchtet sind. Sie alle haben unterschiedliche Fluchtgeschichten, haben Schlimmes miterlebt, die einen sind glücklich und haben schon Asylbescheide, die anderen sind schon zermürbt vom jahrelangen Warten darauf.

„Was sie aber gemeinsam haben: Die meisten wünschen sich nichts sehnlicher, als arbeiten zu dürfen. Sie wollen der Gesellschaft etwas zurückgeben, was sie an Offenheit, Spontanhilfe und langjähriger Unterstützung erfahren haben“, sagt Schewig, der mit dem Verein „Willkommen Mensch! in Horn“ seit der großen Flüchtlingswelle 2015 zahlreiche Menschen in Horn betreut.

„Ich fühle mich so gut, wenn ich arbeite.“ Hanna Hassanpour ist über ihren Job bei McDonalds in Horn froh. Eigentlich wollte sie Krankenschwester werden

Einer, der es vor Kurzem geschafft hat, sich aus der Mindestsicherung zu verabschieden und auf eigenen Beinen zu stehen, ist der 27-jährige Afghane Sayed Noor Jamshedi. Sayed ist seit 2015 in Österreich und lebt mit seiner Frau in Gars.

Dieter Schewig
Sayed Noor Jamshedi arbeitet im Logistikzentrum der Firma Kiennast in Gars – und steht damit finanziell auf eigenen Beinen.

Er und seine Frau haben in dieser Zeit erfolgreich alle Deutschkurse absolviert, auch private österreichische Nachbarhilfe genossen und haben mittlerweile einen dreijährigen Sohn, der in Horn auf die Welt gekommen ist. Der Bub besucht dort den Kindergarten und wird von den Eltern sowohl deutschsprachig, als auch englisch und farsi erzogen.

Sayed arbeitet seit einiger Zeit im Logistikcenter der Firma Kiennast in Gars. „Ich verdiene jetzt genug, um meine Familie erhalten zu können“, sagt Sayed. Er möchte seiner Frau, die derzeit auf der Suche nach einer Lehrstelle ist, später auch ein Studium ermöglichen.

Nicht mehr wegzudenken ist auch Shams Karimi aus der Bäckerei Riederich in Horn. Die Bäckerei Riederich bietet seit geraumer Zeit jungen Flüchtlingen die Möglichkeit, eine Bäcker-Lehre zu absolvieren (die NÖN berichtete).

Dieter Schewig
Shams Karimi ist einer von zwei Lehrlingen in der Bäckerei Riederich in Horn, die noch keinen positiven Asylbescheid haben.

Shams hatte seit seiner Ankunft in Österreich den Wunsch, eine Bäcker- oder Kochausbildung zu absolvieren. Auch sein Deutsch hat sich mittlerweile stark verbessert, nebenbei besucht er die Schule und geht seiner Box-Leidenschaft nach. Wie er das alles schafft? „Selbstorganisation und Konsequenz sind das Um und Auf“, so der zielstrebige junge Mann.

Auch Shams Mutter Sultana ist auf dem besten Weg, auf eigenen Beinen zu stehen – auch wenn ihr Asylverfahren nach drei Jahren immer noch nicht abgeschlossen ist. Auch wenn sie aus diesem Grund keine öffentlichen Deutschkurse oder Schulungen besuchen darf und keine Arbeitserlaubnis hat, bringt sie sich freiwillig und ehrenamtlich beim Henry Laden des Roten Kreuzes in Horn ein. Jeden Montag steht Sultana im Geschäft, übernimmt Spenden, berät und bedient Kunden, ordnet, sortiert.

„Und ich erfahre von meinen Kollegen Wertschätzung für meine Arbeit – das ist im Moment viel mehr wert als Geld“, sagt Sultana. Deutsch lernt sie in Kursen, die von Freiwilligen abgehalten werden. Ihre beiden Töchter besuchen übrigens die NMS bzw. das Gymnasium in Horn. Dass sie selbst Kopftuch trägt, sieht sie nicht als Widerspruch. Sie forciert die Ausbildung ihrer Töchter, um ihnen eine gute Zukunft bieten zu können – nach dem Motto: Nicht, was auf dem Kopf ist, sondern was darunter ist, zählt.

Neben weiteren Beispielen von geflüchteten Menschen, die als Friseure, Fahrer oder als Bauarbeiter bei Firmen im Bezirk Horn arbeiten, hat auch Hanna Hassanpour aus eigenem Antrieb „Karriere“ im Bezirk Horn gemacht.

Dieter Schewig
„We just want to work here“: Hanna Hassanpour arbeitet seit Herbst bei McDonalds in Horn. Ehrenamtlich war sie auch im Stephansheim in Horn engagiert.

Die junge Frau ist vor rund zweieinhalb Jahren nach Österreich gekommen und hat zunächst ein Praktikum im Stephansheim in Horn absolviert und ist dann dort als „Ehrenamtliche“ hängen geblieben. Der Wunsch, Krankenschwester zu werden, hat sich zwar – zumindest vorläufig trotz positiver Aufnahmsprüfung in der SOB Horn aus bürokratischen Gründen – zerschlagen, Hannas Engagement tat dies keinen Abbruch. Sie bewarb sich bei McDonalds, wo sie seit Herbst als motivierte Mitarbeiterin geschätzt wird. Für sie ist der Job das große Glück: „Ich fühle mich so gut, wenn ich arbeite.“