US-Vertreter: Iran schoss Boeing wahrscheinlich ab. US-Regierungsvertreter glauben, dass eine Rakete der iranischen Luftabwehr zum Absturz einer ukrainischen Passagiermaschine mit 176 Toten am Mittwoch geführt hat. US-Offizielle sagten am Donnerstag, die Boeing 737-800 sei sehr wahrscheinlich versehentlich von der iranischen Luftwaffe abgeschossen worden. Iranische Behörden bekräftigten indes, dass eine technische Ursache zum Absturz geführt habe.

Von APA, Redaktion. Erstellt am 09. Januar 2020 (19:17)
Vorläufigen Bericht zur Absturzursache liegt vor
APA/dpa/ag.

Ein US-Behördenvertreter wies darauf hin, dass US-Satelliten kurz vor dem Absturz den Abschuss zweier Raketen und danach Hinweise auf eine Explosion registriert hätten. Washington glaube, dass es sich um einen versehentlichen Abschuss gehandelt habe. Das Pentagon wollte sich nicht zu den Entwicklungen äußern.

Auch aus Sicherheitskreisen hieß es, die USA prüften die Möglichkeit, dass die Boeing 737 versehentlich abgeschossen wurde. US-Präsident Donald Trump sagte, jemand könnte einen Fehler gemacht haben. Er habe das Gefühl, dass etwas sehr Schreckliches passiert sei. Details nannte er nicht.

Iranische Behörden hatten hingegen am Donnerstag erneut bekräftigt, dass eine technische Ursache zu der Katastrophe geführt habe. Laut iranischen Ermittlern befand sich die Unglücksmaschine vor dem Absturz auf dem Rückweg zum Flughafen. "Wegen eines technischen Defekts hat die Maschine Feuer gefangen, und dies führte zum Absturz", sagte Verkehrs- und Transportminister Mohammed Eslami der Nachrichtenagentur ISNA.

"Wissenschaftlich gesehen ist es unmöglich, dass eine Rakete die ukrainische Maschine getroffen hat, deshalb sind solche Gerüchte unlogisch", zitierte die iranische Nachrichtenagentur Irna am Donnerstag den Chef der iranischen Luftfahrt-Behörde, Ali Abedzadeh.

Die Behörden im Iran hatten bereits kurz nach dem Absturz am Mittwoch von einem technischen Defekt gesprochen, ohne aber zu erklären, worauf sie sich dabei beriefen. Irans Präsident Hassan Rouhani forderte vom Verkehrsministerium und der Luftfahrtbehörde eine lückenlose Aufklärung. Eslami sagte, die Spekulationen über einen "verdächtigen" Absturz und die Gerüchte über einen Abschuss der Boeing 737 oder über eine Terroroperation seien falsch.

Im Fokus der Untersuchungen steht die Frage, weshalb die Maschine der Ukraine International Airlines (UIA) kurz nach dem Start auf ein offenes Feld nahe dem Teheraner Vorort Parand stürzte. Kiew schickte eigene Experten in den Iran. Das US-Außenministerium forderte eine "umfassende Zusammenarbeit" bei der Untersuchung zur Absturzursache.

Die Ermittler wollen nun den kurzen Flug von Teheran in die ukrainische Hauptstadt Kiew rekonstruieren. In einem am Donnerstag veröffentlichten vorläufigen Bericht der iranischen Luftfahrtbehörde hieß es, die Maschine habe versucht, zurück zum Flughafen zu fliegen. Augenzeugen hätten berichtet, die Maschine habe gebrannt. Als sie am Boden aufschlug, sei sie explodiert - wohl weil das Flugzeug große Mengen Kerosin getankt hatte.

Augenzeugen am Boden und an Bord eines zweiten Flugzeugs, das sich zu Beginn des Unglücks über der ukrainischen Boeing befand, berichteten laut der iranischen Zivilluftfahrt-Organisation (CAO) von einem Feuer an Bord der Unglücksmaschine, das an "Intensität zunahm". Kurz nach Beginn des Brands sei die ukrainische Maschine abgedreht. Sie verschwand demnach bei einer Flughöhe von 8.000 Fuß (2.400 Metern) von den Radarschirmen, doch habe der Pilot keinen Notruf abgesetzt.

Die Experten erhoffen sich mehr Informationen durch die Auswertung der beiden Black Boxes mit den Flugdaten. Die Boxen enthalten die Flugdatenschreiber und einen Stimmenrekorder mit Aufnahmen der Gespräche im Cockpit. Diese sollten nach gründlichen Untersuchungen an die Ukraine übergeben werden, kündigte die Luftfahrtbehörde an. Die Geräte seien aber beschädigt worden.

Kiew zieht momentan vier Versionen in Betracht: Alexej Danilow vom ukrainischen Sicherheitsrat schrieb auf Facebook, es sei möglich, dass die Maschine von einer Rakete des russischen Typs "Tor" getroffen worden sei. Deshalb seien Experten an der Untersuchung beteiligt, die bereits 2014 beim Abschuss des malaysischen Fluges MH17 durch eine Flugabwehrrakete über der Ostukraine ermittelt hätten. Geprüft werden auch ein Zusammenstoß mit einem Flugobjekt wie etwa einer Drohne, ein Triebwerkschaden und ein Terroranschlag.

Der Absturz der Maschine geschah in einer politisch aufgeheizten Zeit im Nahen Osten. Der Konflikt des Iran mit den USA hatte sich zuletzt zugespitzt. US-Präsident Donald Trump schlug am Mittwochabend aber moderatere Töne an: Er kündigte zwar neue Wirtschaftssanktionen gegen den Iran an, aber keine Militärschläge.

Die Ukrainer gedachten am Donnerstag der 176 Todesopfer. Präsident Wolodymyr Selenskyj rief einen Tag der Trauer aus. Die Fahnen wehten auf halbmast. In den Fernsehprogrammen und im Radio sollte auf Unterhaltungsformate verzichtet werden. Am Kiewer Flughafen Boryspil legten viele Menschen Blumen nieder. Dort hätte die Maschine eigentlich am Mittwochmorgen gegen 8.00 Uhr Ortszeit landen sollen.

Bei der Gedenkzeremonie am Flughafen von Kiew rief Präsident Selenskyj erneut dazu auf, keine Spekulationen zu den Absturzursachen zu verbreiten. Priorität sei es, die wahren Gründe für den Absturz herauszufinden. An den Ermittlungen vor Ort und der "Entschlüsselung der Flugschreiber" beteiligten sich nach seinen Angaben 45 ukrainische Behördenvertreter und Experten.

Der kanadische Premierminister Justin Trudeau erklärte, seine Regierung werde gemeinsam mit ihren internationalen Partnern dafür sorgen, "dass dieser Absturz gründlich untersucht und die Fragen der Kanadier dazu beantwortet werden". Nach iranischen Angaben telefonierte Außenminister Mohammad Javad Zarif am Donnerstag mit seinem kanadischen Kollegen Francois-Philippe Champagne.

Teheran hatte sich am Mittwoch geweigert, die Flugschreiber den USA oder Boeing zur Auswertung zu überlassen. Außer den USA sind nur wenige Länder technisch zu einer Analyse der Black Boxes in der Lage, darunter Deutschland und Frankreich.

In Kanada lebt eine große Zahl von Iranern, für die UIA spezielle Angebote mit Zwischenstopp in Kiew im Programm hat. Rund 30 von ihnen stammten aus dem westkanadischen Edmonton und seiner Umgebung, wie ein Vertreter der dortigen iranischen Gemeinde mitteilte. Mindestens 25 Passagiere waren der halbamtlichen iranischen Nachrichtenagentur ISNA zufolge minderjährig. 13 Opfer waren Studenten der renommierten Sharif-Universität für Technologie in Teheran.