Schlepperprozess in Kecskemet hat begonnen. Unter regem Medieninteresse ist am Mittwoch in Kecskemet in Ungarn der Prozess gegen eine Schlepperbande gestartet.

Von Redaktion, APA. Erstellt am 21. Juni 2017 (09:51)

Die zehn Männer, die schwer bewacht in den Saal geführt wurden, sollen für den schrecklichen Erstickungstod von 71 Flüchtlingen in einem Kühl-Lkw verantwortlich sein, deren Leichen im August 2015 an der Autobahn bei Parndorf im Burgenland entdeckt worden waren.

Insgesamt elf Beschuldigten wird u.a. qualifizierter Mord und Schlepperei im Rahmen einer kriminellen Vereinigung vorgeworfen. Zehn von ihnen nahmen auf der Anklagebank Platz. Ein Bulgare ist noch auf der Flucht. Alle Beschuldigten sind in Ungarn unbescholten.

Die Angeklagten kamen in Handschellen und begleitet von teils vermummten Justizwachebeamten vom nahe liegenden Gefängnis in das Gericht in Kecskemet. Sie mussten sich durch die Menge von zahlreichen Fotografen und Kameraleuten bahnen. Rund 100 Journalisten waren extra zum Prozess in Kecskemet angereist, für rund 80 Zuhörer war in dem historischen Gerichtssaal Platz. Nach rund einer Stunde wurde mit dem Verlesen der Anklage begonnen.

Vier Angeklagte wurden nicht nur wegen Mitgliedschaft einer Schlepperorganisation angeklagt, ihnen wird auch qualifizierter Mord vorgeworfen, was in Ungarn eine weitaus höhere Strafe bedeutet. Im Fall der erstickten Flüchtlinge handelte es sich nämlich nicht nur um mehrfachen Mord, unter den Opfern waren auch Kinder, was eine solche Qualifikation rechtfertigt. Die Staatsanwaltschaft beantragte bei den vier Haupttätern lebenslanges Zuchthaus. Dabei handelt es sich um den Bandenboss, einen 30-jähriger Afghanen, seinen 30-jährigen Stellvertreter, einem Bulgaren, dem 26-jährigen Fahrer des Kühl-Lkw und einem 39-jährigen Begleiter (beide Bulgaren).

Die Bande soll laut Anklage mehr als 1.200 Menschen illegal nach Westeuropa gebracht haben. Dabei kassierte allein der Bandenchef mehr als 300.000 Euro. Seit Juni 2015 schmuggelte die Gruppe verstärkt Flüchtlinge von Serbien über Ungarn nach Österreich bzw. Deutschland. 31 solcher Fahrten konnte die Staatsanwaltschaft in Ungarn nachweisen.

Der 30-jährige Chef der Schlepperbande kassierte nicht nur die Gelder, sondern organisierte gemeinsam mit seinem Stellvertreter und einem 52-jährigen bulgarisch-libanesischen Staatsangehörigen von Februar bis August 2015 die Fahrten. Der 52-Jährige war fünf Jahre lang Autohändler in Kecskemet, ehe er zur Bande stieß. Meist verwendeten sie Lieferwagen, die für den Personentransport völlig ungeeignet waren, "geschlossen, dunkel und luftlos", so beschrieb es die Staatsanwaltschaft. Die Flüchtlinge seien "unter überfüllten, unmenschlichen und qualvollen Umständen gereist".

Am Anfang schleppte die Bande 20 bis 40 Migranten pro Auto. Doch aufgrund des hohen Drucks wurden immer öfter Fahrzeuge mit mehr Fassungsvermögen besorgt. Am Ende waren es rund 100 Flüchtlinge, die mit nur einem Transport nach Westeuropa gebracht wurden. Diese Fahrten wurden zur Qual für die Geschleppten. Begleitet wurden die Schleppungen von sogenannten Vorläuferwagen, die die Gegend auskundschafteten.

Die Verhandlung wurde unter dem Vorsitz von Richter Janos Jadi geführt. Am 22., 23., 29. und 30. Juni sind weitere Prozesstage geplant, danach wird der weitere Prozessplan fixiert. Ein Urteil soll noch in diesem Jahr gefällt werden.