MAN Steyr: Wolf bedauert abschlägiges Votum. Die Belegschaft des MAN-Werks in Steyr hat in einer Urabstimmung mit knapp 64 Prozent gegen eine Übernahme durch Investor Siegfried Wolf gestimmt. Wolf ließ nach dieser deutlichen Abfuhr wissen, er nehme das zur Kenntnis und bedauere das Ergebnis. Die MAN-Zentrale in München will das Werk, wo inklusive Leihpersonal rund 2.300 Leute beschäftigt sind, nun schließen. Der Betriebsrat gibt sich nach wie vor kämpferisch, auch die Politik forderte weitere Gespräche.

Von APA / NÖN.at. Update am 08. April 2021 (15:46)
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Wolf wollte das Werk übernehmen, aber von der aktuell knapp 1.900 Personen zählenden Stammbelegschaft rund 1.250 Leute behalten. Zudem hätten die Verbleibenden mit Gehaltseinbußen rechnen müssen. Daher wurden die Mitarbeiter von ihrer Vertretung zur Urabstimmung gebeten. 94 Prozent der 2.356 stimmberechtigten MAN-Mitarbeiter und Leasingkräfte nahmen teil. Sie votierten zu 63,9 Prozent mit "Nein", zu 34,9 Prozent mit "Ja", der Rest war ungültig. Wolf hätte sich "ungeteilte Zustimmung" gewünscht, aber zumindest zwei Drittel angepeilt.

"Ich kann dieses Votum heute nur mit großem Bedauern zur Kenntnis nehmen", so Wolf, er habe "viel Herzblut" in dieses Projekt investiert, aber auch er habe "das Rad der Zeit nicht zurückdrehen, sondern nur ein solides, durchdachtes Konzept für die Zukunft entwickeln" können. Ob das nun einen endgültigen Rückzug bedeutet, blieb offen, scheint aber naheliegend. Die MAN-Zentrale in München ließ wissen, dass man nun die Schließung anpeile. In Konzernkreisen war die Rede von einer "Selbstmord-Wahl" und einer "Wahl für die Schließung des Standorts".

Die Gewerkschaft kritisierte am Donnerstag die "mangelnde soziale Verantwortung" des Konzerns, der die Produktion nach Polen verlagere, wo "die Menschen um nicht einmal vier Euro Mindestlohn arbeiten müssen", wie PRO-GE-Bundesvorsitzender Rainer Wimmer und GPA-Bundesgeschäftsführer Karl Dürtscher sagten. Bei MAN heißt es hingegen, man sei "wegen des guten Konzepts und aus Verantwortung für den Standort Steyr" bei den Zugeständnissen ohnehin über die Schmerzgrenze gegangen. Jedenfalls muss der Sozialplan nun neu ausgehandelt werden. Aus dem MAN-Umfeld heißt es, dass selbst bei gleich großem Topf weniger pro Kopf herauskommen werde, weil das Geld ja auf mehr Leute aufgeteilt werden müsse. Nachdem MAN die Standortgarantie bis 2030 gekündigt hat, will die Gewerkschaft vor Gericht ziehen, sobald es zu betriebsbedingten Kündigungen kommt. Der Konzern ist aber optimistisch, dass diese Klage keine Aussicht auf Erfolg haben würde, die Belegschaftsvertretung sieht das naturgemäß ganz anders.

Die Belegschaftsvertretung startet nun mit einem neuen Betriebsratschef in die weitere Zukunft. Am Donnerstag wurden die Mitarbeiter offiziell informiert, dass der bisherige Stellvertreter Helmut Emler den bisherigen Vorsitzenden Erich Schwarz ablöst. Schwarz, der zuletzt Wortführer der Proteste war und sich stets skeptisch gegenüber Wolfs Plänen geäußert hatte, geht in Pension. Das war zwar schon lange bekannt, der Zeitpunkt des Wechsels sorgte aber bei der Konzernzentrale für Stirnrunzeln. Für Emler ist es noch nicht gegessen, dass das Werk geschlossen wird: "Als Betriebsrat werden wir morgen beginnen, mit MAN das Gespräch zu suchen", kündigte er an und betonte, dass man in Steyr derzeit Vollauslastung habe. Ziel sei eine Lösung wie in Deutschland, wo die ursprünglichen Sparpläne entschärft worden sind.

Im Vorjahr war bekanntgeworden, dass MAN im Zuge eines riesigen Spar- und Umstrukturierungsprogramms Tausende Stellen weltweit einsparen und das Werk in Steyr bis 2023 schließen will. Ende September kündigte MAN die Standortgarantie, die den Bestand des Unternehmens in Steyr bis zumindest 2030 sichern hätte sollen. Schließlich trat Ex-Magna-Chef Siegfried Wolf mit seiner WSA Beteiligungs GmbH als Interessent auf den Plan. Er wollte von der aktuell knapp 1.900 Personen zählenden Stammbelegschaft rund 1.250 Leute übernehmen, denen allerdings eine bis zu 15-prozentige Kürzung des Nettoeinkommens gedroht hätte. Im Gegenzug hätte es Bleibeprämien von 10.000 Euro und einen Sozialplan gegeben. Die Abstimmung der Belegschaft ist zwar nicht rechtsverbindlich, allerdings hatte Wolf immer betont, dass er die Zustimmung der Belegschaft brauche.

Offen ist, ob noch Chancen für das Projekt des "Green Mobility"-Konsortiums rund um den Industriellen Karl Egger (KeKelit) bestehen. Mit diesem hatte die Belegschaftsvertretung geliebäugelt, die MAN-Zentrale hatte es hingegen als zu wenig konkret abgetan und nicht ins Auge gefasst. Nach dem Votum in Steyr sagte ein Sprecher des Konsortiums am Donnerstag, man sei natürlich jederzeit weiterhin zu Gesprächen mit MAN bereit.

Die Politik appellierte am Donnerstag nach kurzer Schockstarre an MAN, weiter für Gespräche offen zu sein. Es gehe nicht nur um die Absicherung der Arbeitsplätze im Werk, sondern auch um den Standort Oberösterreich an sich, betonten etwa LH Thomas Stelzer und Wirtschaftslandesrat Markus Achleitner (beide ÖVP). Wie sehr eine Schließung nicht nur die rund 2.300 Beschäftigten, sondern die ganze Region betreffen würde, zeigt eine kürzlich veröffentlichte Studie des Leiters der Initiative Wirtschaftsstandort OÖ, Friedrich Schneider. Demnach drohe ein BIP-Rückgang von 957 Mio. Euro und der Verlust von 8.400 Arbeitsplätzen - inklusive der Jobs im MAN-Werk.