Bachmann-Preis geht an Ferdinand Schmalz. Der bisher vor allem als Dramatiker bekannte Steirer Ferdinand Schmalz wurde am Sonntag im ORF-Theater Klagenfurt mit dem 41. Ingeborg-Bachmann-Preis ausgezeichnet.

Von Redaktion, APA. Erstellt am 09. Juli 2017 (15:17)
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Der Preis ist mit 25.000 Euro dotiert

 Er siegte im Stechen bei der öffentlichen Jury-Abstimmung gegen den sonst auf Englisch schreibenden John Wray. Der Austro-Amerikaner durfte sich mit dem erstmals vergebenen und mit 12.500 Euro dotierten Deutschlandfunk-Preis trösten.

Mit seinen Stücken wie "am beispiel der butter", "dosenfleisch", "der herzerlfresser" oder "der thermale widerstand" hat er die Theaterwelt eingekocht, nun gilt Schmalz also auch dem Prosabetrieb als preisgekrönter Haubenkoch. Das in seinem Bachmannpreis-Text "mein lieblingstier heißt winter" von Eismann Schlicht servierte Tiefkühl-Rehragout mundete der Jury vorzüglich.

Als Dramatiker hat der in Wien lebende Grazer, der im "relativ theaterfernen" Ennstal aufgewachsen ist, als Regieassistent gearbeitet und Theater-, Film- und Medienwissenschaften sowie Philosophie studiert hat, bereits einige Preise und Stipendien eingeheimst. "Es war schön, einmal nicht die Theaterkonventionen einhalten zu müssen, wo es auch immer darum geht, einen Handlungs- und Spannungsbogen zu bauen und Figuren zu konstruieren", erklärte er der APA, warum er dem Ruf nach Klagenfurt heuer endlich gefolgt ist. Es hat sich ausgezahlt. Sein Sinn für theatrale Effekte hat ihm dabei geholfen.

"Ein echter Showman", fand Jurorin Meike Feßmann und ortete "performative Qualität" in Text und Vortrag, an dem Schmalz, mit Krawatte und Hut ausgestattet, sichtbar auch selbst Vergnügen hatte. "Herr Schmalz ist eine Figur, und er kann glänzend Figuren erschaffen", lobte ihre Kollegin Hildegard Keller. Tatsächlich heißt der neue Bachmann-Preisträger eigentlich Matthias Schweiger.

Schmalz war aber schon früher mein Spitzname im Freundeskreis", hat er einmal die Genese seines Zweitnamens erläutert. "Irgendwann, als Texte entstanden sind, in denen es um deftige Metaphern gegangen ist, habe ich mir gedacht: Das wäre eigentlich auch ein guter Künstlername."

Deftig geht es auch in seinem Siegertext zu, der wohl Eingang in eine längere Prosaarbeit finden wird. Tiefkühlware-Lieferant Schlicht erhält an einem heißen Sommertag von einem seiner Kunden, einem Doktor Schauer, bei der Lieferung der x-ten Portion Rehragout ein ungewöhnliches Angebot: Er werde in Kürze eine Überdosis Schlaftabletten nehmen und in seine Tiefkühltruhe steigen. Die spätere Überstellung seines eingefrorenen Leichnams zur Hubertuswarte, wo er danach in der Morgensonne langsam auftauen werde, möge Schlicht "mit seinen tiefkühlunternehmerischen Möglichkeiten" gegen "eine nicht zu kleine Summe" übernehmen. Als Schlicht seinen Auftrag schließlich ausführen will, macht er eine ungewöhnliche Entdeckung in der vermeintlichen Totentruhe: "darin nur nichts. kein kalter schauer. nur kalte luft, die ihm entgegenstürzt."

Nicht nur die Sinnlichkeit von Nahrungsmitteln, die auch in seinen Stücken häufig zu finden sind, sondern auch der Tod interessiere ihn als Autor ganz besonders, gibt Ferdinand Schmalz zu. Da trifft es sich besonders gut, dass er gerade dabei ist, seine vom Burgtheater beauftragte "Jedermann"-Neudichtung abzuschließen. Die Uraufführung ist für Februar 2018 geplant. Sein Burg-Debüt hat Schmalz vor Jahren als Statist gegeben - als Leiche in "König Lear". Und der Regisseur des "Jedermann" trägt einen Namen, der wohl künftig in den Ohren von Schmalz einen besonderen Klang haben wird: Stefan Bachmann.

Vergeben werden am Sonntag auch die übrigen drei Jury-Auszeichnungen. Wray wurde mit dem erstmals vergebenen und mit 12.500 Euro dotierten Deutschlandfunk-Preis ausgezeichnet. Jurorin Sandra Kegel, die beide Hauptpreisträger eingeladen hatte, konnte gleich ihre zweite Laudatio halten.

"Sehr glücklich" zeigte sich John Wray über den Gewinn des zweithöchst dotierten Preises. Die weiteren Auszeichnungen gingen an den Deutschen Eckhart Nickel (Kelag-Preis) und die Schweizerin Gianna Molinari (3sat-Preis). Die Österreicherin Karin Peschka, die es nicht auf die Jury-Shortlist geschafft hatte, gewann am Ende den per Internet-Voting ermittelten BKS-Bank-Publikumspreis in der Höhe von 7.000 Euro und das damit verbundene und mit 5.000 Euro dotierte Klagenfurter Stadtschreiberstipendium. Sie zeigte sich höchst überrascht: "Ich bin gerührt und überwältigt", bekannte sie. Schließlich habe sie unmittelbar vor der Bekanntgabe bereits "Ich geh leer aus, was heißt das?" in ihr rotes Notizbuch geschrieben.

Juryvorsitzender Hubert Winkels sprach resümierend von einer besonderen Woche und verwies darauf, was die APA in ihrer Wochenvorschau als wichtigste Ereignisse der Woche hervorgehoben habe: der G-20 Gipfel und die 41. Tage der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt. Migration sei in vielen Texten Gegenstand gewesen, auch der Versuch, die Deutungshoheit über von der Politik verwendete Begriffe zurückzugewinnen, sei ein Thema gewesen. Ob es ein guter Jahrgang gewesen sei? Das könne er nicht beurteilen, so Winkels: "Ich kann die Jahrgänge nicht zuordnen. Die Texte haben alle ihren Eigencharakter."