Weniger Neuinfektionen in Italien: Optimismus "zu früh". Die italienischen Gesundheitsbehörden haben vor vorschnellem Optimismus angesichts des Rückgangs bei den Neuinfektionen mit dem neuartigen Coronavirus gewarnt. "Wir dürfen uns keine Illusionen wegen eines leichten Rückgangs machen", sagte der Direktor des italienischen Gesundheitsinstituts (ISS), Silvio Brusaferro, am Dienstag im Sender Rai Radio2.

Von APA / NÖN.at. Update am 24. März 2020 (16:16)
Italien wurde von der Corona-Krise am schwersten getroffen
APA (AFP)

Er rief die Italiener eindringlich dazu auf, die Ausgangsbeschränkungen weiter einzuhalten. Nach offiziellen Angaben vom Montagabend sank die Zahl der täglichen Neuinfektionen mit dem Coronavirus zuletzt von mehr als 6.500 auf knapp 4.800.

601 Menschen starben innerhalb von 24 Stunden an den Folgen ihrer Infektion. Dies entspricht einem leichten Rückgang von sechs Prozent. Die Daten müssten nun "sehr sorgfältig" geprüft werden, sagte Brusaferro. Es werde einige Zeit dauern, um den "Trend zu verstehen".

Der Bürgermeister der von der Coronavirus-Epidemie schwer betroffenen lombardischen Stadt Bergamo, Giorgio Gori, forderte unterdessen alle EU-Länder auf, drastische Vorkehrungen gegen Neuinfektionen zu ergreifen. "Die weniger betroffenen Länder sollten diese Tage Vorsprung nutzen, um sich bestens zu rüsten. Sie sollen nicht warten, bis die Epidemie voll ausbricht", so Gori. Er räumte auch ein, dass die Lombardei spät Maßnahmen gesetzt habe, um die Epidemie einzudämmen. "Angesichts des Ausbruchs der Epidemie in China hätten wir uns besser vorbereiten sollen", gab der Bürgermeister zu. Lombardische Ärzte hatten bereits im Jänner Kranke mit Lungenentzündung behandelt, sie hätten jedoch nicht erkannt, dass es sich um Covid 19-Fälle handelte.

Angesichts der hohen Zahl der Covid-19-Todesopfer in den letzten Tagen sind die Särge in Bergamo knapp geworden. Bestattungsfirmen in der italienischen Region Lombardei sind unter Druck geraten. 60 Särge wurden bestellt, lediglich 30 konnten geliefert werden. "Es ist nicht einfach, Särge für die vielen Toten zu finden", sagte der Inhaber einer Bestattungsfirma der lokalen Tageszeitung "Eco di Bergamo". Die Zahl der Toten ist so hoch, dass die Lagerkapazität der Leichenhalle in Bergamo seit Tagen ausgeschöpft ist. Dies gilt auch für den einzigen Ofen des Krematoriums, der derzeit 24 Stunden durchgehend läuft.

Die Italiener befänden sich in einer "sehr wichtigen Woche" der Pandemie, sagte Brusaferro und forderte seine Landsleute dazu auf, die landesweit geltenden Ausgangsbeschränkungen und Abstandsregeln weiterhin strikt einzuhalten. Die Folgen "schlechten Verhaltens heute" werde man in zwei Wochen sehen, warnte er.

Italien verlangte zudem von allen EU-Ländern die Ergreifung rigoroser Maßnahmen gegen die Coronavirus-Pandemie. "Italien setzt eine Strategie um, die uns große Opfer kostet und die gravierende wirtschaftliche Auswirkungen haben wird. Wir können nicht zulassen, dass andere Länder im Kampf gegen die Epidemie weniger streng vorgehen", sagte Premier Giuseppe Conte. Die Gefahr sei, dass Italien mit infizierten Personen konfrontiert sei, die aus dem Ausland zurückkehren. "Daher ist eine koordinierte europäische Reaktion auf diese Epidemie der einzige Weg, um den Notstand zu überwinden", erklärte der Premier bei einem Treffen mit den Chefs der Oppositionsparteien am Montagabend.

Die meisten Italiener scheinen die strengen Eindämmungsmaßnahmen der Regierung inzwischen akzeptiert zu haben. Großstädte wie Mailand, Neapel, Rom und Florenz machten in den vergangenen Tagen einen verwaisten Eindruck.

Italienische Behörden beschlagnahmten fast 2.000 Beatmungsgeräte, die für die Behandlung von Covid-19-Patienten nach Griechenland geliefert werden sollten. Die Geräte und die dazugehörenden Masken und Schläuche seien auf einem Lastwagen entdeckt worden, der gerade auf eine Fähre nach Griechenland fahren wollte, teilten Polizei und Zoll mit. Sie verwiesen darauf, dass der Export von Beatmungsgeräten aus Italien seit dem 25. Februar verboten ist.

Italiens Polizei kontrollierte seit Einführung der Ausgangsverbote vor zwei Wochen mehr als zwei Millionen Menschen. Das meldete die Nachrichtenagentur Ansa unter Berufung auf das Innenministerium in Rom. Dabei dürfen die Sicherheitskräfte auch offiziell Drohnen zur Überwachung nutzen. Die Luftfahrtbehörde ENAC hatte der Polizei am Montag grünes Licht für die Überwachung aus der Luft gegeben. Die Freigabe gelte bis zum 3. April, teilte die Behörde mit. Kommunen wie die Küstenstädte Rapallo und Rimini legten damit sofort los. Andere Orte hatten die Drohnen schon vorher eingesetzt.

Die Stadt hoffe nach Ende des Coronavirus-Notstands auf eine Rückkehr der Touristen. "Das Konzept, die Zahl der Besucher einzugrenzen und somit die Qualität des Tourismus zu erhalten, bleibt jedoch aufrecht", erklärte der Bürgermeister. Venedig sei jetzt besonders attraktiv. Die Kanäle der Stadt sind wieder klar geworden, nachdem der Verkehr dort gestoppt wurde. Sogar Fische sind auf einigen Bildern, die im Netz kursieren, zu erkennen.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) sprach von ersten Hoffnungszeichen, dass die strikten Ausgangsbeschränkungen zur Eindämmung des Coronavirus in Italien Wirkung zeigen. "Die Fallzahlen und Totenzahlen sind in den vergangenen zwei Tagen leicht gefallen", sagte WHO-Sprecherin Margaret Harris am Dienstag. Es sei aber noch zu früh, von einem Wendepunkt zu sprechen.