Belohnung für Geimpfte spaltet Gesellschaft. Katharina Reich, neubestellter Chief Medical Officer im Gesundheitsministerium, hält nichts von Vorteilen, wenn man sich gegen Corona impfen lässt, wie dies derzeit in Deutschland diskutiert wird.

Von APA / NÖN.at. Erstellt am 30. Dezember 2020 (12:07)
"Ein Impfbefehl von oben ist nicht zeitgemäß"
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"Jede Form von Belohnung für den einen kann für den anderen wie eine Bestrafung wirken. Das spaltet die Gesellschaft. Ich persönlich halte daher nichts davon", sagte sie der "Presse". Der Hoffnung, nach der Impfung keine Maske mehr tragen zu müssen, erteilte Reich eine Absage.

Es sei nämlich nicht klar, inwiefern die Impfungen Ansteckungen unterbinden. "Je mehr Leute geschützt sind, desto mehr können ohne Schutzmaßnahmen Kontakt haben. Aber so lang ich mich im öffentlichen Bereich aufhalte, muss ich die Schutzmaßnahmen einhalten." Für Nichtgeimpfte würden genau dieselben Regeln wie für Geimpfte gelten. Wichtiger sei es, klarzumachen, dass es bei der öffentlichen Gesundheit auch um die Sorge für einander geht. Jeder Einzelne habe insofern einen Individualauftrag, mit Freunden, Nachbarn und Familie über die Impfung zu reden. "Ein Impfbefehl von oben ist nicht zeitgemäß."

Bei der Auswahl der verschiedenen Impfstoffe gehe es nicht nur nach Zeit, es werde schon nach Gruppen unterschieden. "Laut Impfplan sollen etwa Allergiker eher nicht mit dem Biontech-Impfstoff geimpft werden." Bei der breiten Bevölkerung sei es egal, aber sobald mehrere Impfstoffe auf dem Markt sind, steige die Wahrscheinlichkeit, dass man bei der Wahl mitentscheiden kann. Wenn man sich auf einen bestimmten Impfstoff kapriziert, würde man nur vielleicht warten müssen.

Jeder Bürger sollte von seinem Vertrauensarzt beraten werden, der ihm dann einen Impfstoff empfiehlt. "Aber natürlich kann man sich auch gegen diese Empfehlung stellen - auf eigenes Risiko", meinte Reich.

AstraZeneca sei mit der Zulassung und der Lieferung zeitlich weiter nach hinten gerückt. "Das sehen wir mit Sorge und bevorzugen daher die Impfstoffe, die lieferbar sind. Wenn hinter dem Lieferzeitpunkt ein Fragezeichen steht, können wir nicht warten und ein impffreies Intervall riskieren. Das wäre nicht akzeptabel", betonte die "oberste Amtsärztin" gegenüber der "Presse".

Österreich habe ein etabliertes System, um außergewöhnliche Nebenwirkungen zu erfassen. Über die AGES werden die sogenannten Vigilanz-Meldungen erfasst. Es hängt aber immer davon ab, dass sich der Patient meldet. Eine App wie in Deutschland vorgeschlagen sei derzeit nicht geplant, man kann sich aber via Hotline an die AGES wenden.

Was die Priorisierung der Impfungen betrifft, sei eine "Wer kommt zuerst"-Debatte nicht zielführend und entspricht nicht der Realität, so Reich. Obdachlose und Asylwerber seien eben Gruppen, bei denen auch vermehrt chronische Erkrankungen auftreten, darüber hinaus leben sie sehr oft auf engstem Raum zusammen, was die Gefahr erhöht, dass sie ins Spital und auf die Intensivstation müssen.

Laut Reich müsse sich die Ampelkommission natürlich verändern, weil sich die Pandemie verändert. "Der Fokus verschiebt sich gerade stark in Richtung Impfung. Also: Wie viele sind geimpft, wie hoch ist die Durchseuchung und was heißt das für die einzelnen Ampelfarben? Daran wird gerade - auch in Abstimmung mit den Ländern - gearbeitet."