Erstellt am 18. Januar 2017, 14:43

von APA Red

Ergänzungsgutachten zu Aliyev-Tod weiter ausständig. Fünf Wochen, nachdem die Rechtsvertreter der Witwe von Rakhat Aliyev eine Wiederaufnahme der Ermittlungen rund um das Ableben des ehemaligen kasachischen Botschafters in Wien verlangt haben, steht nach wie vor nicht fest, ob die Todesumstände noch ein Mal näher untersucht werden. Hinter den Kulissen hat sich allerdings durchaus Bemerkenswertes getan.

Aliyev wurde 2015 tot in einer Wiener Gefängniszelle aufgefunden  |  APA (HBF)

Aliyev wurde am 24. Februar 2015 tot in seiner Einzelzelle in der Justizanstalt Wien-Josefstadt aufgefunden. Die Justiz ging von Selbstmord aus, nachdem sowohl der Wiener Gerichtsmediziner Daniele Risser in seinem Obduktionsbefund als auch das mit der Gutachtens-Erstellung beauftragte Rechtsmedizinische Institut in St. Gallen keine Hinweise auf Fremdverschulden fanden. Dass damit die Todesursache eindeutig geklärt wurde, zweifelte jedoch der bekannte Deutsche Gerichtsmediziner Bernd Brinkmann massiv an, den die Anwälte Aliyevs beigezogen hatten.

In einem 18-seitigen Privatgutachten kommt Brinkmann zum Schluss, dass kein Suizid vorliegt, sondern Aliyev von fremder Hand getötet wurde. Der Experte schließt das aus punktförmigen Blutungen unterhalb der Strangmarke - dass sich Aliyev mit Mullbinden an einem Kleiderhaken erhängt hat, ist für Brinkmann damit ausgeschlossen. Vielmehr soll Aliyev laut Brinkmann mittels Kompression des Brustkorbs bei gleichzeitigem Verschluss von Mund und Nase ("Burking") zu Tode gebracht worden sein.

Die Staatsanwaltschaft Wien hatte noch vor Weihnachten das Brinkmann-Gutachten nach St. Gallen übermittelt und dazu eine Stellungnahme in Form eines Ergänzungsgutachtens angefordert. Das für Mitte Jänner avisierte Dokument ist bis zum heutigen Tag nicht bei der Wiener Anklagebehörde eingelangt, wie Mediensprecher Thomas Vecsey am Mittwoch auf APA-Anfrage erklärte.

Allzu lange wird man darauf nicht mehr warten müssen, versprach Philipp Lutz, Mediensprecher des Kantonsspitals St. Gallen, im Gespräch mit der APA: "Wir gehen davon aus, dass es im Lauf dieses Monats vorliegen und dann umgehend nach Wien geschickt wird." Auf die Frage, weshalb der ursprünglich angenommene zeitliche Rahmen nicht eingehalten werden konnte, erwiderte Lutz: "Wir haben die letzten wesentlichen Unterlagen erst Anfang Jänner bekommen. Diese mussten noch eingearbeitet werden."

Unterdessen dürfte mittlerweile feststehen, wie es dazu kommen konnte, dass der Schweizer Sachverständige Roland Hausmann bei seiner ursprünglichen Begutachtung ohne eine umfangreiche, vom Wiener Landeskriminalamt (LKA) erstellte Fotodokumentation vom Auffindungsort der Leiche und der Leichenöffnung auskommen musste. Das ist insofern bedeutsam, als auf Bildern von der Obduktion die für Brinkmann verdächtigen Blutspuren am Hals Aliyevs ersichtlich sein müssten. Der Wiener Gerichtsmediziner Risser hatte nach seiner Befundaufnahme die Fotos nicht in die Schweiz geschickt.

"Wie bei allen Fällen, bei denen die Fotodokumentation durch eine Tatortgruppe erstellt wird, werden die Original-Fotos vom LKA Wien der StA (Staatsanwaltschaft, Anm.) direkt und dem DGM (Department für Gerichtliche Medizin, Anm.) für den internen Gebrauch eine Kopie auf CD - so auch im gegenständlichen Fall - übermittelt", hält Risser in einem Schreiben an die Staatsanwaltschaft Wien fest. Er ist demnach offenbar überzeugt, dass es gar nicht seine Aufgabe, sondern jene der den Todesfall untersuchenden Anklagebehörde gewesen wäre, Hausmann die gesamten Unterlagen zu übermitteln.

Die Staatsanwaltschaft wiederum schiebt den Schwarzen Peter offenbar dem Schweizer Sachverständigen zu. In einem mit 16. Dezember datierten Schreiben erkundigt sich die zuständige Staatsanwältin bei Hausmann, "ob es bei der Gutachtenserstattung (...) Ihrerseits konkrete Erwägungen und Gründe gab, die die Beischaffung der im Obduktionsbefund des Departments für Gerichtliche Medizin Wien ausdrücklich erwähnten Obduktionsfotos und Fotos von der Auffindung der Leiche im Haftraum in der Justizanstalt Wien-Josefstadt entbehrlich scheinen ließen." Die Staatsanwältin vermeint also, Hausmann hätte die Bilder ausdrücklich anfordern müssen und dies unterlassen.

Risser ist übrigens nicht mehr bereit, auf den Inhalt des Privatgutachtens einzugehen. Auf eine schriftliche Anfrage der Staatsanwältin, ob sich bei der Beschreibung der Leiche im Obduktionsbefund geeignete Hinweise auf die im Privatgutachten gezogenen Schlüsse fänden, erwiderte Risser am 23. Dezember brieflich: "Bitte um Verständnis: Ich wurde als Sachverständiger und somit der Interpretation der Obduktionsbefunde, die in Anwesenheit eines Anwalts der Witwe aufgenommen wurden, enthoben."

Nicht gelten lässt Risser den Vorwurf Brinkmanns, unmittelbar nach Auffinden der Leiche wäre es unterblieben, allfällige Faserspuren an den Innenseiten von Aliyevs Handflächen mit einer speziellen Abklebefolie zu sichern. "Im gegenständlichen Fall wurden Abriebe von allen Fingerkuppen und Fingernagelregionen mit feuchten Wattetupfern angefertigt, die für eine Faserspurenuntersuchung ebenfalls herangezogen werden können", betont er in seinem Schreiben an die Staatsanwältin.