Doping-Razzia bei ÖSV-Langläufern: Dürr als Auslöser. Während der Nordischen Ski-WM in Seefeld hat es Polizeiaktionen mit Festnahmen und Hausdurchsuchungen im Zusammenhang mit Dopingverstößen gegeben.

Von APA Red und Wolfgang Wallner. Update am 27. Februar 2019 (15:38)
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Große Polizeiaktion in Seefeld

In Seefeld und bei einer weiteren Razzia in Deutschland seien neun Personen festgenommen worden, darunter auch zwei österreichische Langläufer, ein kasachischer und zwei estnische Spitzensportler, wie das Bundeskriminalamt am Mittwoch mitteilte.

In Deutschland wurde ein Sportmediziner sowie ein deutscher Komplize festgenommen. Details sollen am Mittwoch um 15.00 Uhr bei einer Pressekonferenz des Bundeskriminalamtes bekanntgegeben werden.

Staatsanwaltschaft München: Auslöser war Dürr-Bericht

Die Aussagen des Göstlinger Skilangläufers Johannes Dürr waren laut Staatsanwaltschaft München Auslöser für die Doping-Ermittlungen und die Razzien. Der 31-jährige Mostviertler hatte in einer im Jänner ausgestrahlten ARD-Dokumentation angegeben, ihm sei damals bei mehreren Treffen in Deutschland durch einen Helfer Blut abgenommen und Monate später an anderen Orten wieder zurückgeführt worden. „Schon vor der Junioren-Weltmeisterschaft ist ein Ärztin zu uns gekommen und hat jedem eine Infusion gegeben. Wir haben uns nicht wohlgefühlt dabei.“

Er sei 2013 über Vermittlung eines anderen, Blutdoping betreibenden Athleten an den ausländischen Mittelsmann bekommen, so Dürr. Die Abnahmen mit medizinischer Ausrüstung habe in einem Motelzimmer an der deutschen A8 in der Nähe von München und in Hotels in der bayrischen Hauptstadt stattgefunden. Die Rückführung sei immer unmittelbar vor Wettkämpfen erfolgt. Vor der Tour de Ski 2013/14 in einem Auto im deutschen Oberhof und vor Olympia 2014 ausgerechnet in einem Hotel gegenüber des Sitzes des Österreichischen Ski-Verbandes (ÖSV) in Innsbruck.

Die genaue Dosierung der Dopingmittel zur Vermeidung von positiven Tests sei unter genauen Vorgaben von Unterstützern abgelaufen. "Das ist besprochen worden, mir ist gesagt worden, wie oft ich das nehmen muss. Es ist um EPO und Wachstumshormone gegangen", sagte Dürr.

Unter den Leuten, die ihm halfen, befand sich auch Personal des ÖSV, behauptet Dürr. Wolfgang Schobersberger, der Anti-Dopingbeauftragte des ÖSV, widersprach in der Dokumentation der unterstellten Mitwisserschaft. "Die Antwort ist ein klares Nein. Mir sind solche Fälle nicht bekannt. Einzeltäter wird es immer geben, die entziehen sich aber meiner Kenntnis.“

"Die Staatsanwaltschaft hatte zunächst ein Ermittlungsverfahrens gegen unbekannt wegen der Anwendung von Dopingmethoden am Zeugen Johannes Dürr eingeleitet, dieses ist nun in ein Ermittlungsverfahren gegen konkrete Beschuldigte übergegangen", teilte Oberstaatsanwältin Anne Leiding in einer schriftlichen Mitteilung am Mittwoch mit.

Dürr: "Viele wollen nicht darüber reden"

Dürr selbst meldete sich am Mittwochabend in einem Exklusiv-Interview mit der deutschen ARD zu Wort. Er habe niemanden unter Generalverdacht gestellt, sondern Namen genannt: „Und das ganz bewusst nicht in der Öffentlichkeit, sondern dort wo sie hingehören – bei der staatsanwaltschaftlichen Einvernahme.“

Dass es im Vorfeld der Weltmeisterschaft „keine öffentliche Diskussion in Österreich“ gegeben habe, findet der Göstlinger schade: „Viele wollen nicht darüber reden. Ich hätte es unverantwortlich gefunden, wenn ich beim großen Schweigen weiterhin mitgemacht hätte.“ In der Opferrolle sieht sich Dürr nicht: „Ich bin in einem System, das nun einmal viele Täter generiert, zum Täter geworden.“

"Operation Aderlass": "Harter Schlag für den Langlauf"

Im Zuge der koordinierten Aktion mit dem Namen "Operation Aderlass" wurden insgesamt 16 Hausdurchsuchungen durchgeführt und neun Personen festgenommen, teilte das BK am Mittwoch mit. Für alle Beteiligten gilt die Unschuldsvermutung. Unter den Festgenommenen befinden sich neben Hauke und Baldauf auch ein deutscher Sportmediziner als mutmaßliches Mitglied einer kriminellen Gruppierung sowie ein kasachischer und zwei estnische Spitzensportler.

Der auch schon bei der folgenschweren Polizeirazzia bei Olympia 2006 in Turin und beim Dopingfall Johannes Dürr 2014 in Sotschi amtierende ÖSV-Langlaufchef Markus Gandler zeigte sich tief betroffen. "Das ist ein harter Schlag für den Langlauf im allgemeinen. Ich stehe unter Schockstarre", sagte der Tiroler. Aussagen von Dürr vor einigen Wochen in einer TV-Dokumentation über Blutdopingpraktiken sind laut der Münchner Staatsanwaltschaft ein Mitauslöser für die aktuellen Ermittlungen gewesen.

Gandler gab an, dass ihm bis dato nie etwas im Zusammenhang mit Dopingvergehen bei Baldauf und Hauke aufgefallen war. Man könne sie aber nicht ständig überwachen. "Das sind freie Leute, sie haben genügend Freizeit, um so einen Blödsinn zu machen." Über Details der Ermittlungen und der Vorwürfe habe er keine Kenntnis, ergänzte Gandler.

Sein ehemaliger WM-Goldstaffelkollege Alois Stadlober war ebenfalls erschüttert. "Dümmer geht es nicht mehr, und tiefer kann man gar nicht mehr fallen. Ich glaube, wir waren mit dem österreichischen Langlauf schon tief, dann sind wir noch tiefer gefallen, und ich weiß gar nicht, wie tief es noch hinuntergeht", sagte Stadlober, dessen Kinder Teresa und Luis an der WM teilnehmen.

Die mutmaßlichen Vergehen von Baldauf und Hauke seien "nicht nachvollziehbar, man kennt die betroffenen Sportler. Sie wissen, was auf einen einstürzt, was auf einen Johannes Dürr eingestürzt ist, was der alles verloren hat."

Gandler gab an, dass er und der Rest des Teams völlig unvorbereitet von der Causa getroffen worden seien. "Es steht jeder unter Schock. Ich hoffe, dass es mehr erwischt, nicht nur den ein oder anderen, sondern auch die Drahtzieher."

Der mutmaßliche Kopf des kriminellen Dopingnetzwerkes ist ein Sportmediziner aus Erfurt, der sich mit einem Komplizen ebenfalls unter den Festgenommenen befindet. Im Nachbarland fanden ebenfalls mehrere Hausdurchsuchungen statt.

Die Behörden ermitteln seit mehreren Monaten "wegen des Verdachts des gewerbsmäßigen Sportbetruges sowie der Anwendung von unerlaubten Wirkstoffen und Methoden zu Dopingzwecken". Die Gruppierung in Erfurt sei dringend verdächtig, "seit Jahren Blutdoping an Spitzensportlern durchzuführen, um deren Leistung bei nationalen und internationalen Wettkämpfen zu steigern und dadurch illegale Einkünfte zu lukrieren", hieß es weiter.

In Österreich hatte es bereits bei der Biathlon-WM 2017 in Hochfilzen und beim dortigen Weltcup 2018 behördliche Aktionen gegen die Teams aus Kasachstan und Russland gegeben.

Die aktuellen Polizeiaktionen fanden auf Anordnungen der Schwerpunktstaatsanwaltschaft München und Staatsanwaltschaft statt.