Hamilton übernimmt bei Ocon-Sieg in Ungarn WM-Spitze

Die Formel 1 hat sich mit einem Sensationsergebnis und mit Lewis Hamilton als WM-Führendem in die Sommerpause verabschiedet. Esteban Ocon landete am Sonntag in Ungarn völlig überraschend seinen ersten Grand-Prix-Sieg. Der 24-jährige Franzose setzte sich im Alpine nach wegen Regens chaotischer Startphase knapp vor Vierfach-Weltmeister Sebastian Vettel im Aston Martin durch. Pole-Position-Mann Hamilton landete auf Rang drei, löste aber Max Verstappen als WM-Leader ab.

Aktualisiert am 01. August 2021 | 20:59
Ocon fährt knapp vor Vettel zu seinem ersten Grand-Prix-Sieg
Ocon fährt knapp vor Vettel zu seinem ersten Grand-Prix-Sieg
Foto: APA/POOL

Verstappen kam in einem beschädigten Red Bull nicht über Platz zehn hinaus. Hamilton geht mit sechs Punkten Vorsprung auf den Niederländer in die vierwöchige Pause. Das zwölfte von 23 geplanten Saisonrennen steht erst am 29. August in Spa-Francorchamps auf dem Programm. "Ich nehme den dritten Platz gerne so an", sagte Hamilton, der zwischenzeitlich auf dem letzten Platz gelegen war, nach einer bemerkenswerten Aufholjagd.

25 Minuten vor Rennstart hatte es zu regnen begonnen - das Chaos nahm seinen Lauf. Hamiltons Mercedes-Teamkollege Valtteri Bottas bremste nach einem katastrophalen Start auf Intermediate-Reifen von Platz zwei aus auf nasser Piste viel zu spät und krachte in der ersten Kurve in den McLaren des überholenden Lando Norris. Folge war eine Kettenreaktion, die auch die Red-Bull-Boliden von Verstappen und Perez von der Strecke beförderte.

Für Bottas, der bei Mercedes zusehends in der Kritik steht und sein Cockpit für die kommende Saison endgültig an Williams-Youngster George Russell verlieren könnte, war das Rennen ebenso zu Ende wie für den WM-Dritten Norris und dem WM-Vierten Perez. Das Auto von Verstappen war in Mitleidenschaft gezogen, das Rennen nach zwei Runden mit der Roten Flagge unterbrochen. Die Strafe für den Verursacher: Bottas wird in Spa in der Startaufstellung fünf Plätze zurückversetzt.

Weil kurz vor dem Neustart Sonnenschein einsetzte und die Strecke schnell auftrocknete, steckten nach der Formationsrunde außer Hamilton alle Piloten von Intermediates auf Trockenreifen um. Hamilton stand in einer kuriosen Situation alleine auf der Startaufstellung, musste nach dem taktischen Fehler eine Runde später aber ebenfalls Reifen wechseln und lag kurzfristig am Ende des Feldes. Von dort aus arbeitete sich der Serienweltmeister mühevoll nach vorne.

Die Führung übernahm Ocon im von Renault betriebenen Alpine-Boliden. Vettel hing ihm das gesamte Rennen über im Nacken, kam aber nicht an ihm vorbei. Ocon ist damit der erste Fahrer aus Frankreich, der in einem französischen Auto ein Formel-1-Rennen gewinnt, seit Alain Prost 1983 in Österreich. "Was für ein Moment, es fühlt sich einfach nur gut an", meinte der Premierensieger und dankte für das Vertrauen, das er auch in schwierigen Situationen stets von seinem Team erhalten habe.

Zum Königsmacher avancierte auch sein Teamkollege Fernando Alonso, der Hamilton bei dessen Aufholjagd im Finish lange hinter sich hielt und letztlich hinter Carlos Sainz im Ferrari auf Rang fünf landete. "Es ist ganz großartig mit ihm seit Anfang des Jahres", sagte Ocon über Alonso, den Weltmeister von 2005 und 2006. Der spanische Altmeister, der am Donnerstag seinen 40. Geburtstag gefeiert hatte, führte kurzzeitig zum ersten Mal seit 2014 in einem Grand Prix und wurde auch zum Fahrer des Rennens gewählt.

Vettel trauerte einem möglichen Sieg, seinem ersten seit dem Abgang von Ferrari, nach. "Ich bin ein bisschen enttäuscht. Ich habe das Gefühl, ich war die meiste Zeit ein bisschen schneller, aber Esteban hat keinen Fehler gemacht", erklärte der Deutsche. Sein zweiter Podestplatz der Saison nach Rang zwei Anfang Juni in Baku war am Abend in Gefahr. Weil sein Auto nach Rennende zu wenig Sprit an Bord hatte, lief eine Untersuchung. Statt des vorgeschriebenen Liters befanden sich nur noch 0,3 Liter im Tank - obwohl Vettel den Boliden wie einige andere Piloten sicherheitshalber bereits außerhalb des "Parc ferme" abgestellt hatte. Es drohte sogar die Qualifikation.

Dass es auf dem Hungaroring schwer zu überholen ist, musste anfangs auch Hamilton erkennen. Der Serienweltmeister wechselte im Pulk fahrend als erster der Toppiloten in Runde 20 auf harte Reifen, kam dadurch unter anderem an Verstappen vorbei. In einem packenden Finish überholte er erst Alonso und drei Runden vor Schluss auch Sainz. "Das war ein ganz harter Tag. Wir machen es uns immer selbst schwer", meinte Hamilton, der sich bei der Siegerehrung nicht wohlfühlte und danach laut Mercedes-Angaben wegen Erschöpfung und leichtem Schwindel vom Teamarzt behandelt wurde.

Verstappen tat sich mit seinem waidwunden Boliden noch schwerer, brachte nur einen WM-Punkt ins Ziel. "Wieder von einem Mercedes abgeschossen. Das ist nicht das, was wir wollen", sagte der Niederländer. "Es war viel Schaden an meinem Auto. Eigentlich war es kaum mehr fahrbar. Die letzten beiden Rennen waren natürlich total scheiße." Vor zwei Wochen in Silverstone war Verstappen nach einer von Hamilton verursachten Kollision ausgeschieden, nun ist auch die WM-Führung dahin.

"Wir gehen aber voll motiviert in die zweite Saisonhälfte", versicherte sein Teamchef Christian Horner. "Wir kommen mit voller Energie und vollem Kampfgeist zurück." Mit 1,8 Sekunden Standzeit bei einem Reifenwechsel von Verstappen sorgte Red Bull immerhin für einen Boxenstopp-Weltrekord.

Den einen Punkt für die schnellste Rennrunde entriss Pierre Gasly im AlphaTauri Hamilton im Finish noch. Der Franzose landete vor seinem Teamkollegen Yuki Tsunoda auf Rang sechs. Dahinter folgten völlig überraschend die beiden Williams von Nicholas Latifi und Russell. Es waren die ersten WM-Punkte für das britische Traditionsteam seit dem Deutschland-GP 2019. Beide Autos in den Punkterängen hatte der gebeutelte Rennstall zuletzt 2018 in Belgien.