Hiroshima gedenkt der Opfer des Atombombenabwurfs

Erstellt am 06. August 2022 | 13:33
Lesezeit: 4 Min
UN-Generalsekretär Guterres legte einen Kranz nieder
UN-Generalsekretär Guterres legte einen Kranz nieder
Foto: APA/dpa
Angesichts weltweit wachsender Sorgen über die Gefahr eines Atomkrieges hat die japanische Stadt Hiroshima der Opfer des Atombombenabwurfs vor 77 Jahren gedacht. "Krisen mit ernsten nuklearen Untertönen breiten sich schnell aus - vom Nahen Osten über die koreanische Halbinsel bis hin zur russischen Invasion in der Ukraine", sagte UNO-Generalsekretär António Guterres am Samstag bei einer Gedenkzeremonie im Friedenspark von Hiroshima.
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"Die Menschheit spielt mit einer geladenen Waffe". Es sei "völlig inakzeptabel, dass Staaten, die Atomwaffen besitzen, die Möglichkeit eines Atomkriegs zugeben", sagte Guterres und fügte hinzu: "Nehmen Sie die nukleare Option vom Tisch - für immer. Es ist Zeit, Frieden zu verbreiten."

Es war das erste Mal seit zwölf Jahren, dass ein UNO-Chef an Hiroshimas jährlichem Gedenken teilnahm. Russland und sein Verbündeter Belarus waren nicht dazu eingeladen. Um 8.15 Uhr (Ortszeit), dem Zeitpunkt, als der US-Bomber Enola Gay am 6. August 1945 die erste im Krieg eingesetzte Atombombe mit dem Namen "Little Boy" über Hiroshima abgeworfen hatte, legten die Teilnehmer eine Schweigeminute ein. "Wir müssen sofort alle nuklearen Knöpfe bedeutungslos machen", sagte der Bürgermeister von Hiroshima, Kazumi Matsui. Er erwähnte in seiner Rede vor Vertretern von 99 Nationen sowie der Europäischen Union ausdrücklich Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine, dem unschuldige Zivilisten zum Opfer fielen.

Die atomare Abrüstung war schon vor Russlands Invasion ins Stocken geraten. Jetzt wird die Reduzierung der knapp 13.000 Atomwaffen weltweit noch schwerer. "Wir müssen die Schrecken von Hiroshima jederzeit im Auge behalten und erkennen, dass es nur eine Lösung für die nukleare Bedrohung gibt: überhaupt keine Atomwaffen zu haben", sagte Guterres, der für seine Rede in Hiroshima Applaus erhielt.

Russland hatte kürzlich bekräftigt, keinen Atomkrieg starten zu wollen. "Wir gehen davon aus, dass es in einem Atomkrieg keine Sieger geben kann und er niemals begonnen werden darf", schrieb Präsident Wladimir Putin in einem Grußwort an die noch bis zum 26. August laufende Konferenz zum Atomwaffensperrvertrag in New York.

"Weltweit gewinnt die Vorstellung an Bedeutung, dass Frieden von nuklearer Abschreckung abhängt", beklagte Hiroshimas Bürgermeister Matsui in seiner Gedenkrede. Japans Regierungschef Fumio Kishida sagte, sein Land werde daran arbeiten, die "Realität" eines sich verschlechternden Sicherheitsumfelds mit dem "Ideal" einer Welt ohne Atomwaffen zu verbinden. Kishida stammt selbst aus Hiroshima. Japan richtet in der Millionen-Stadt im kommenden Jahr den Gipfel der sieben führenden demokratischen Wirtschaftsmächte (G7) aus. Zehntausende Bewohner waren an jenem 6. August 1945, als die USA die Atombombe abwarfen sofort ums Leben gekommen, insgesamt starben bis Ende 1945 schätzungsweise 140.000 Menschen. Drei Tage nach Hiroshima warfen die USA eine zweite Atombombe über Nagasaki ab. Kurz danach kapitulierte das japanische Kaiserreich. Heute sind die USA Japans Schutzmacht. Hiroshima wurde zu einem Symbol für Krieg - und Frieden.

Aus Österreich meldete sich im Vorfeld des Jahrestages Außenminister Alexander Schallenberg (ÖVP) zu Wort. "Es ist höchste Zeit, dass wir mit dem Mythos aufräumen, die permanente Drohung mit Massenvernichtungswaffen könnte ein stabiles Fundament der internationalen Sicherheit sein", teilte er am Donnerstag mit. "Gerade die aktuelle Situation zeigt, dass Atomwaffen keinerlei Sicherheit bieten und uns alle gefährden", so der Minister in Bezug auf die "unverhohlenen Drohungen" Russlands mit dem Einsatz von Atomwaffen, die den Angriffskrieg auf die Ukraine begleiteten.

"Wenn die Atommächte ihre Arsenale modernisieren und ausbauen, steigt auch das Risiko, dass diese Atomwaffen eingesetzt werden", warnte Petra Bayr, SPÖ-Bereichssprecherin für globale Entwicklung, am Freitag. Die Klimaerhitzung und die Folgen der Covid-19-Pandemie verstärkten die Gefahr für kriegerische Auseinandersetzungen weltweit. "Was wir jetzt brauchen, sind weitsichtige Analysen und umsichtiges Handeln, damit wir mit der sich rasant verändernden Weltlage Schritt halten können", so Bayr.

"Aufrüstung, Waffenlieferungen und Kriegsbegeisterung sind Werkzeuge der Kriegstreiberei des 20. Jahrhunderts", teilte FPÖ-Bundesparteiobmann Herbert Kickl am Samstag mit. Umso "überraschender, aber auch verachtenswerter" sei der Umgang Europas mit dem Russland-Ukraine-Konflikt. "Inzwischen sollte jedem Menschen bewusst sein, dass Waffenlieferungen und Aufrüstung keinen Krieg beenden können, sondern die Eskalation immer weiter befeuern", so Kickl. Niemand könne garantieren, dass am Ende nicht auch ein Atomwaffeneinsatz stehen kann, warnte er und unterstrich die Bedeutung von Österreichs Neutralität. Es sei nun an der Zeit, dem Frieden und der Verhandlung das Wort zu reden und sich auf allen diplomatischen Ebenen darum zu bemühen anstatt weiter an der Eskalationsspirale mit ungewissem Ausgang zu drehen.