ÖGP: Rauchverbot Erfolg, aber "Luft nach oben". Seit einem Jahr gilt in Österreichs Gastronomie ein allgemeines Rauchverbot. Einen kurz vor dem Jahrestag am 1. November bekannt gewordenen erstmaligen Rückgang der Raucherquote bei Frauen wollen Fachärzte nicht überbewerten.

Von APA / NÖN.at Erstellt am 29. Oktober 2020 (06:55)
Für Gastronomie und Trafikanten blieb das Verbot nicht ohne Folgen
APA (Archiv)

Die Gesellschaft für Pneumologie (ÖGP) rechnet zwar mit positiven Auswirkungen auf die Gesundheit der Bevölkerung, im Kampf gegen Lungenkrankheiten gebe es aber "Luft nach oben". In Trafiken und der Gastronomie dämpfte das Verbot jedenfalls das Geschäft.

"Die vielen Benefits, die durch Rauchverbote in anderen Ländern wie z.B. Irland oder Italien erzielt werden konnten, erwarten wir nun auch für Österreich. Dazu zählen die Prävention von chronischen Atemwegserkrankungen wie COPD und Lungenkrebs, die zu über 80 Prozent durch das aktive wie passive Rauchen verursacht werden, sowie eine rasche Reduktion von kardiovaskulären Ereignissen bis hin zum Herzinfarkt", erläuterte ÖGP-Präsident Ernst Eber. Neben diesen "Quick Wins" ist laut dem Vorstand der Grazer Uni-Klinik für Kinder- und Jugendheilkunde der Schutz der Kinder vor Passivrauch ein ganz wesentlicher Faktor.

ÖGP-Generalsekretär Bernd Lamprecht sieht auch eine Vorbildfunktion. "Die weitaus meisten Menschen beginnen in ihrer Jugend zu rauchen. Und wenn Ausgehen und gemütliches Beisammensein in einem Lokal automatisch mit Zigarettenrauch assoziiert sind, hat dies vor allem für Jugendliche eine fatale Vorbildwirkung", so der Vorstand der Klinik für Lungenheilkunde am Linzer Kepler Uniklinikum. Das Rauchverbot werde dem Gesundheitssystem viel Geld ersparen. Wissenschaftlich gesicherte Ergebnisse und harte Zahlen zu den Auswirkungen des Rauchverbots wird es laut ÖGP erst in ein paar Jahren geben.

Maximilian Hochmair, Leiter des Arbeitskreises Pneumologische Onkologie der ÖGP, berichtete, seinem Eindruck nach habe der Großteil der Bevölkerung das Rauchverbot "sehr gut angenommen" und es scheine in weiten Kreisen zu einem Umdenken gekommen zu sein. Laut der kürzlich präsentierten Gesundheitsbefragung der Statistik Austria sank im Vorjahr erstmals seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 1972 die Raucherquote bei Frauen um 4,3 Prozentpunkte im Vergleich zum Jahr 2014 auf nun 18 Prozent Raucherinnen. "Das ist eine ausgesprochen gute Nachricht und positive Entwicklung", sagte Hochmair.

Tatsache sei jedoch: "Um das Risiko zu senken, an Lungenkrebs zu erkranken, ist ein sofortiger Rauchstopp unabdingbar bzw. sind mehr Prävention, Aufklärung und Früherkennung nötig. Das seit einem Jahr bestehende Nichtraucherschutzgesetz ist daher ein wichtiger Schritt, aber es besteht noch Luft nach oben, das muss schon auch gesagt werden", hielt der Leiter der onkologischen Tagesambulanz/Tagesklinik der Abteilung für Innere Medizin und Pneumologie der Klinik Floridsdorf in Wien fest. Insgesamt rauchen laut der Statistik-Austria-Befragung noch eineinhalb Millionen Menschen in Österreich täglich (21 Prozent).

Von einer Trendwende bei Frauen sollte man erst sprechen, "wenn zwei konsekutive Erhebungen die Abnahme täglicher Raucherinnen zeigen", betonte auch der Wiener Umwelthygieniker Manfred Neuberger. Vor dem Ausbruch der Coronakrise sei zudem eine Zunahme der Gelegenheitsraucherinnen bei den 13- bis 16-Jährigen in fünf Bundesländern zu sehen gewesen, berichtete er gegenüber der APA. Auf der Jahrestagung der ÖGP hatte Neuberger zuletzt mangelnde Kontrollen des Rauchverbots in der Gastronomie und zu laschen Jugendschutz in Bezug auf Nikotinkonsum in Österreich kritisiert.

"Wir sind nach wie vor froh, dass endlich ein Rauchverbot zustande gekommen ist", dadurch seien positive Effekte für die Gesundheit erreicht worden, hieß es aus der Wiener Ärztekammer. Diese hatte gemeinsam mit der Österreichischen Krebshilfe das "Don't smoke"-Volksbegehren für eine rauchfreie Gastronomie organisiert und im Jahr 2018 fast 882.000 Unterschriften gesammelt. Die Ärztekammer Wien hätten danach auch Stimmen von Gastronomen erreicht, dass diese nun froh über eine einheitliche Regelung für alle seien, wurde betont.

Für die Gastronomie und die Trafikanten blieb das Rauchverbot jedoch nicht ohne Folgen. Allein im November 2019 war der Zigarettenabsatz um fast zehn Prozent eingebrochen. In den darauffolgenden Monaten betrug das Minus im Schnitt vier Prozent. Zwischen 1. November 2019 und 31. Jänner 2020 wurden in den heimischen Trafiken insgesamt 113 Millionen Stück Zigaretten weniger gekauft, das sind 5,65 Millionen Schachteln. Vor allem die Tiroler und Wiener griffen seltener zur Tschick. Einen starken Sog nach unten erlebten auch Wasserpfeifen.

In der Gastronomie dämpfte das Rauchverbot ebenfalls das Geschäft. Massiv getroffen hätte es kleine Beiseln, Clubs und Zigarrenlounges in Hotels, weniger stark Restaurants und Speiselokale, sagte Mario Pulker, Gastro-Obmann in der Wirtschaftskammer (WKÖ), zur APA. In Summe sei es für die Betriebe ein Schaden gewesen, doch seit März hätten die Gastronomen wegen Corona ganz andere Sorgen.

Seit mehr als 25 Jahren war in Österreich über ein Rauchverbot in der Gastronomie diskutiert worden, der Weg dorthin war steinig und führte unter anderem über Ausnahmeregelungen und räumliche Abtrennungen von Raucherbereichen. Ein allgemeines Rauchverbot wurde erstmals 2015 von der damaligen SPÖ-ÖVP-Regierung beschlossen. Die neue Koalition aus ÖVP und FPÖ kippte es jedoch kurz vor dem Inkrafttreten im Mai 2018 wieder. Nach dem "Don't smoke"-Volksbegehren machte die Ibiza-Affäre im Frühjahr 2019 den Weg wieder frei. Das Rauchverbot wurde im Parlament im Spiel der freien Kräfte gegen die Stimmen der FPÖ schlussendlich doch beschlossen.