Experten fordern Maßnahmen zur Steigerung der Impfrate. In Österreich hat sich die Gesundheitspolitik im Mai 2019 gegen eine Masern-Impfpflicht ausgesprochen. Die Impfrate in Österreich könnte aber auch ohne Impfpflicht angehoben werden, sind österreichische Wissenschafter überzeugt - denn viele wirksame Maßnahmen seien hierzulande noch nicht umgesetzt worden, wie aus einem aktuellen Statement des IHS (Institut für Höhere Studien) hervorgeht.

Von Redaktion, APA. Erstellt am 23. Juli 2019 (05:01)
APA (dpa/Archiv)
Viele Menschen in Österreich kennen ihren Impfstatus nicht

In Österreich liegen die Durchimpfungsraten für beide Masern-Teilimpfungen in mehreren Altersgruppen unter dem WHO-Ziel von 95 Prozent. Doch nur damit wären im Sinne des "Herdenschutzes" jene Menschen geschützt, die zu jung für Impfungen sind oder aufgrund von gesundheitlichen Problemen nicht geimpft werden können. Dennoch verfügten 2017 nur knapp 70 Prozent der 15- bis 30-Jährigen über einen kompletten Impfschutz. Das bedeutet, dass fast eine halbe Million Personen in dieser Altersgruppe eine zweite Dosis der Masernimpfung benötigen.

Laut dem European Centre for Disease Prevention and Control (ECDC) erkrankten 109 Personen in Österreich zwischen April 2018 und März 2019 an Masern. Im gleichen Zeitraum waren in ganz Europa 11.383 Personen von Masern betroffen, 22 Patienten starben daran. Obwohl angesichts dieser Zahlen von einigen nationalen Institutionen eine Impfpflicht empfohlen wurde, sprach sich die österreichische Politik beim Treffen der Gesundheitsreferenten am 10. Mai mehrheitlich gegen eine solche aus. Im Gegensatz dazu wurde in Deutschland vor kurzem die Einführung einer teilweisen Masern-Impfpflicht beschlossen.

Um das WHO-Ziel auch ohne Impfpflicht zu erreichen, gibt es laut den Experten, unter ihnen Thomas Czypionka vom IHS, jedoch mehrere Maßnahmen, die in Österreich noch nicht umfassend und flächendeckend umgesetzt wurden. Die Autoren fordern in ihrer Stellungnahme deshalb die rasche Erstellung eines evidenzbasierten Maßnahmenkatalogs durch unabhängige Forschungseinrichtungen.

Zu den geforderten Maßnahmen zählen die Erstellung und Verbreitung von qualitätsgesicherten Gesundheitsinformationen, etwa in Form von Broschüren, Faktenboxen, Online- und multimedialen Inhalten. Die Basis einer evidenzbasierten Impfpolitik bilde immer die ehrliche Aufklärung der Bevölkerung, hieß es vom IHS. Nur so könne langfristig das Vertrauen in Impfungen verbessert werden. Zusätzlich sollte eine öffentlich finanzierte Aufklärungskampagne in verschiedenen Medien durchgeführt werden. Auch soziale Medien können helfen, die Immunisierung mit essenziellen Impfungen als "soziale Norm" mit zielgruppenorientierten Botschaften zu verankern.

Auf Basis der verfügbaren epidemiologischen Daten sollten auch in Österreich möglichst exakt Risikogruppen definiert und evidenzbasierte zielgruppenorientierte Strategien konzipiert werden. Der Anteil der echten Impfgegner sei relativ gering, die Bedenken von impfskeptischen Personen müssen jedoch ernst genommen werden. Der Zugang zu Impfungen sollte so einfach wie möglich gemacht werden. Sinnvoll wäre es, die Zielgruppen (etwa Eltern) in die Entwicklung und Evaluation von Informationsmaterial aktiv einzubinden, damit die Maßnahmen letztlich den tatsächlichen Bedürfnissen der Zielgruppen entsprechen.

Da Beschäftigte im Gesundheitssystem beim Thema Impfungen über eine wichtige Vorbildfunktion für Patienten, Angehörige und die Gesellschaft verfügen, sollte bei ihnen die Durchimpfungsrate und die Akzeptanz der Impfung verbessert werden. Für die Verabreichung von essenziellen Impfungen müsse es niederschwellige Anlaufstellen in allen dafür geeigneten Bereichen der Gesellschaft geben, sind die Autoren überzeugt. Diese sollten bei allen Ärzten möglich sein und ohne Einschränkung abgerechnet werden können. Ein effektives niederschwelliges Angebot sei die Verabreichung von Impfungen in Apotheken, was beispielsweise in der Schweiz unter bestimmten Umständen erlaubt ist. Essenzielle Impfungen wie jene gegen Masern sollten bei nachgewiesenem Bedarf kostenlos für alle Altersgruppen angeboten werden. Positive Anreize wie der "Impfbonus" in Oberösterreich sollten in ganz Österreich eingesetzt werden, um die Akzeptanz der Mutter-Kind-Pass Impfungen zu steigern, so die Mediziner.

Sowohl die Datenlage als auch Erinnerungssysteme müssten verbessert werden: Mit einem qualitativ hochwertigen Impfregister, digitalen Impfpässen und darauf basierenden Erinnerungssystemen könnten bereits in naher Zukunft Impflücken erkannt und die Durchimpfungsrate gezielt verbessert werden, hoffen die Autoren. Denn viele Menschen in Österreich kennen ihren Impfstatus nicht bzw. verfügen über keinen aktuellen Impfpass.