Gemischte Gefühle und schwere Verhandlungen nach Brexit. Der Brexit hat auch am Tag danach in Großbritannien wie in der EU gemischte Gefühle ausgelöst. Premierminister Boris Johnson bezeichnete den EU-Austritt am Samstag in einem Schreiben an Unterstützer als "atemberaubenden Moment der Hoffnung". Der linksliberale "Guardian" hatte hingegen eine geknickt wirkende britische Bulldogge auf der Titelseite und die Zeile "Der Tag, an dem wir Abschied nahmen".

Von APA, Redaktion. Erstellt am 01. Februar 2020 (16:07)
Feierstimmung vor dem Parlament in London
APA/dpa/ag.

Der französische Präsident Emmanuel Macron schrieb in einer Botschaft an die Briten auf Facebook von einem "Schlag für Europäer". EU-Ratspräsident Charles Michel zeigte sich humorvoll: "Always look on the bright side of life" - immer positiv bleiben, zitierte der Belgier auf Twitter die britische Komikertruppe Monty Python mit Hinweis auf die neuen Beziehungen zwischen der EU und Großbritannien. Die müssen nun im Eiltempo geklärt werden.

Großbritannien hat die Europäische Union in der Nacht auf Samstag verlassen. Bis Ende des Jahres gilt eine Übergangsphase, während der sich praktisch kaum etwas ändert. So lange haben die beiden Seiten Zeit, sich zu einigen, sonst droht wieder ein harter Bruch mit schweren Folgen für die Wirtschaft. Eine Verlängerungsoption, die noch bis Juli offensteht, lehnt Premier Johnson kategorisch ab.

Ob in der kurzen Zeit ein Abkommen erreicht werden kann, scheint fraglich, zumal sich beide Seiten hart geben. Macron warnte vor einem "schädlichen Wettbewerb". Der Zugang zum EU-Markt hänge davon ab, inwieweit EU-Regeln eingehalten würden, so der französische Staatschef. "Wir werden sehr fair verhandeln, aber sehr hart", kündigte EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen an. Die EU habe eine gute Ausgangsposition, weil sie bisher Absatzmarkt für fast die Hälfte aller britischen Exporte sei. Großbritannien habe großes Interesse am Zugang zu diesem Markt.

Von der Leyen stellte auch klar, dass die EU alle strittigen Punkte der künftigen Beziehungen nur im Paket vereinbaren will. Dazu gehören nicht nur die Handelsbeziehungen, sondern zum Beispiel auch Fischereirechte oder die Zusammenarbeit in Sicherheitsfragen. "Erst wenn alles durchverhandelt ist, machen wir den Sack zu und eine Unterschrift drunter, es gibt keine Rosinenpickerei vorher."

Johnson will mit der EU ein Freihandelsabkommen nach dem Vorbild Kanadas, das Zölle und Mengenbeschränkungen weitgehend eliminiert. Brüssel verlangt im Gegenzug einheitliche Standards für Umweltschutz, Arbeitnehmerrechte und staatliche Wirtschaftshilfen. Doch das kommt für Johnson offenbar nicht infrage. Souveränität steht über reibungslosem Handel, lautet nach Informationen des "Telegraph" das Credo des Premierministers. Am Montag will er sich in einer Rede zu seinen Verhandlungszielen äußern. Auch die EU-Kommission will dann ihre Vorschläge für ein Verhandlungsmandat vorlegen.

"Wenn wir am Ende des Jahres keinen Vertrag fertig haben, dann wird es für die britische Wirtschaft sehr schwer, ihre Waren rüber zu liefern, zu uns zum europäischen Markt", warnte von der Leyen im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur (dpa) in Brüssel. Dann wäre Großbritannien nur "wie irgendein Drittland".

Doch auch europäische Unternehmen dürfte ein Scheitern der Gespräche teuer zu stehen kommen. Wie der "Telegraph" berichtete, plant die britische Regierung nun doch, vollständige Kontrollen für EU-Waren einzuführen, sollte kein Abkommen zustande kommen. Bisher hatte es immer geheißen, Großbritannien werde selbst im Fall eines "No Deal" auf Kontrollen verzichten, um Verzögerungen in der Versorgung mit Lebensmitteln und Medikamenten zu vermeiden.

Der ehemalige EU-Kommissionspräsident Romano Prodi äußerte unterdessen die Ansicht, dass Großbritannien in spätestens 20 Jahren wieder in die Union zurückkommen wird. "Ich bin überzeugt, dass die Briten Probleme haben und in 15 oder spätestens 20 Jahren wieder zurückkehren werden", sagte Prodi laut Medienangaben vom Samstag bei einer Veranstaltung in Turin. "Heute ist kein schöner Tag für Europa."