"Wie es euch gefällt" im Burgtheater: Einhorn in der Manege

Erstellt am 18. Dezember 2022 | 11:11
Lesezeit: 4 Min
Regisseurin Tina Lanik widmet sich den queeren Aspekten von Shakespeares Komödie
Regisseurin Tina Lanik widmet sich den queeren Aspekten von Shakespeares Komödie
Foto: APA/Burgtheater
Inhaltlich fragmentiert, sprachlich auffrisiert und sehr magenta: So präsentiert Tina Lanik ihre mutige Interpretation von Shakespeares Komödie "Wie es euch gefällt", die am Samstagabend am Burgtheater Premiere feierte. Dabei steht vor allem die Queerness im Zentrum - neben einem pinken Einhorn. Die dreistündige Befragung von Geschlechterzugehörigkeit, wahrer Liebe und Lust am Spiel gerät dabei trotz rasanter Manöver etwas zu lang.
Werbung

Die deutsche Regisseurin, die zuletzt am Burgtheater Lucy Kirkwoods Gerichtssaaldrama "Das Himmelszelt" mit fast rein weiblichem Ensemble auf die Bühne brachte, hat für "Wie es euch gefällt" den jungen Singer-Songwriter Oskar Haag verpflichtet, der - im violetten Kleid - an der Gitarre mit seinen Songs den Live-Sound des Abends liefert. Vorweg: Er ist nicht der Einzige, der sich hier mit den Pronomen "they/them" ansprechen lassen will. In einer Art Manege, die von zwei kreisrunden Vorhangreihen und zwei großen Neon-Rahmen begrenzt ist (Bühne: Stefan Hageneier), tummeln sich allerlei Machthungrige, Verstoßene und Liebende mit uneindeutiger Geschlechtszuordnung.

Allen voran eine vor Energie sprühende Nina Siewert als Rosalinde, die mit ihrer geliebten Cousine Celia (Sabine Haupt) als eine Art siamesischer Zwilling zunächst in einem riesigen Latex-Reifrock steckt (Kostüme: Aino Laberenz). Erst als sie sich in Orlando verliebt, den Christoph Luser ohne viele Worte als großen Leidenden anlegt, windet sich Rosalinde aus ihrer lesbisch angehauchten Freundschaft zu Celia. Die Stimmung am Hof ist unter dem neuen Herrscher Frederick (Martin Reinke) toxisch. Orlando leidet unter der Bevorzugung seiner Schwester Olivia (im Original: seines Bruders Oliver), der Alexandra Henkel großes Machtbewusstsein verleiht, und flüchtet in den Ardenner Wald, wohin auch Rosalinde - nunmehr als Mann getarnt - gemeinsam mit dem Narren Touchstone (Andrea Wenzl) und Celia flieht. Dort lebt nicht nur der vertriebene Herzog (ebenfalls Reinke) mit seiner Gefolgschaft, sondern auch der Schäfer Silvius, der unsterblich in die Schäferin Phebe verliebt ist.

Dank der zahlreichen Doppel- und Dreifachrollen und raschen Ortswechsel wird die Lage bald unübersichtlich. Fest steht, dass Orlando die als Mann verkleidete Rosalinde, die sich nun Ganymed nennt, nicht erkennt und mithilfe des neuen Freundes von seiner unsterblichen Liebe geheilt werden will. Während sich Rosalinde zunächst noch in ihrer übergestülpten Männlichkeit gefällt, leidet sie zusehens darunter, dass sie sich ihrem Geliebten nicht offenbaren kann. Zu allem Überdruss verliebt sich auch noch Phebe in sie/ihn, während Olivia und Celia als lesbisches Paar zueinanderfinden. Auch Andrea Wenzl als intellektueller Narr findet in dem Bauernmädchen Audrey, die der im Körperumfang weit überlegene Lukas Vogelsang mit großer Inbrunst verkörpert, eine große Liebe.

Die Inszenierung lebt vom intensiven Spiel des Ensembles, allen voran Nina Siewert in ihrer leidenschaftlichen Verkörperung zwischen Mann und Frau, auch Andrea Wenzl holt aus ihrem Narren feine Nuancen, während Lukas Vogelsang in seiner Doppelrolle als grobschlächtiger Hof-Wrestler und lüsternes Bauernmädchen für viel Amüsement im Publikum sorgt. Christoph Luser ist ein schmerzvoll entwurzelter Liebender, wie er im Buche steht. Die Songs von Oskar Haag, der seine Texte mit zarten Shakespeare-Anleihen angereichert habt, sind eine Entdeckung für sich.

In Laniks flotter Textfassung wechseln sich originale Shakespeare-Schnipsel mit zeitgenössischen Dialogen ab, die Lust am Spiel - miteinander, mit den Vorhängen, mit dem Einhorn - überdeckt aber immer wieder die mangelnde Kohärenz des Geschehens. Hier wurde viel gekürzt und neu zusammengesetzt und dennoch hat dieses Liebeskarussell deutliche Längen. Am Ende bekommt schließlich jeder den oder die, die er ursprünglich gewollt hat. Und so kann man sich am Ende gemeinsam zum fröhlich-queeren Familienfoto aufstellen. "Wie es euch gefällt" eben.

(S E R V I C E - "Wie es euch gefällt" von William Shakespeare, Deutsch von Jürgen Gosch und Angela Schanelec, in einer Fassung von Tina Lanik, Jeroen Versteele und dem Ensemble. Regie: Tina Lanik, Bühne: Stefan Hageneier, Kostüme: Aino Laberenz. Mit u.a. Martin Reinke, Nina Siewert, Sabine Haupt, Andrea Wenzl, Lukas Vogelsang, Christoph Luster und Alexandra Henkel. Musik von und mit Oskar Haag. Weitere Termine im Burgtheater: 19., 25. und 31. Dezember sowie 6. und 14. Jänner. www.burgtheater.at)