Wahlkampfstimmung nach TV-Duell . Union und SPD in Deutschland gehen nach dem TV-Duell zwischen Kanzlerin Angela Merkel und dem Herausforderer Martin Schulz mit neuem Schwung in die Schlussphase des Bundestagswahlkampfes. Beide Seiten reklamieren die Sieg in dem Schlagabtausch am Sonntag für sich, die Umfragen sehen Merkel vorne. Die kleinen Parteien reagierten enttäuscht auf die ihrer Ansicht nach inhaltsleere Auseinandersetzung.

Von Redaktion, APA. Erstellt am 04. September 2017 (10:51)
APA/dpa/ag.
Schulz sieht weiterhin Chancen für einen Stimmungswandel

Unionsfraktionschef Volker Kauder sieht die Wahl am 24. September nicht entschieden. CDU und CSU gingen nun mit großer Zuversicht in den Schlussspurt, sagte er in Berlin. Er mahnte jedoch: "Wir wissen aber auch: Die Wahl wird nicht in einem TV-Duell entschieden."

Justizminister Heiko Maas sagte, der Auftritt von Schulz habe der SPD Mut gemacht. "Martin Schulz und der gesamten SPD wird das Duell Rückenwind geben." Schulz sei überzeugend, souverän und leidenschaftlich gewesen, erklärte der SPD-Politiker.

Aus Sicht der Linken-Vorsitzenden Katja Kipping profitieren vor allem rechte Parteien von dem Schlagabtausch. "Die wirklichen Gewinner waren die Rechtspopulisten und die Kapitalseite", sagte sie am Montag im ARD-"Morgenmagazin" und bemängelte: "Themen, von denen ich weiß, aus dem direkten Gespräch mit Menschen, die wirklich die Leute umtreiben, sind so gut wie gar nicht vorgekommen." 

Linke-Spitzenkandidat Dietmar Bartsch sprach von einem "großkoalitionären Therapiegespräch". "Martin Schulz hat sich nicht von der Union abgesetzt." Bartsch hielt ihm vor, nach der Wahl eine Neuauflage von Schwarz-Rot als Juniorpartner mittragen zu wollen.

Die Grünen kritisierten, Schulz habe keine Ideen für die Zukunft gehabt. "Dass von Merkel keine Dynamik für Veränderung kommt, war zu erwarten, aber auch von Martin Schulz kamen keine Impulse für einen echten sozialen und ökologischen Wandel in diesen dramatischen Zeiten", sagte Grünen-Spitzenkandidatin Katrin Göring-Eckardt der dpa. Grünen-Fraktionschef Anton Hofreiter bezeichnete Merkels Aussage, es werde keine Rente mit 70 geben, als unglaubwürdig. "Weil nämlich starke Kräfte innerhalb der Union da ganz anderer Meinung sind", sagte er am Montag im ARD-"Morgenmagazin".

FDP-Chef Christian Lindner kritisierte, es sei eher um Vergangenheitsbewältigung und nicht um die Zukunft des Landes gegangen. "Das Duell erinnerte an Szenen einer alten Ehe, in der es mal knirscht, aber beide Seiten wissen, dass man auch künftig miteinander muss", sagte Lindner der dpa.

Schulz hat bereits an diesem Montag einen weiteren großen Wahlkampf-Auftritt beim bayerischen Volksfest Gillamoos. Er wünscht sich ein zweites Duell, da viele Zukunftsthemen nicht zur Sprache gekommen seien. Merkel lehnt ein weiteres Aufeinandertreffen aber ab. Die Kanzlerin trifft sich an diesem Montag mit zahlreichen Oberbürgermeistern, um das weitere Vorgehen in der Diesel-Krise zu beraten. Am Abend gibt es in ARD und ZDF Diskussionsrunden mit den Spitzenkandidaten der kleineren Parteien.

Der Medienwissenschaftler Bernd Gäbler hält das Format des TV-Duells für überholt. "Die Sendung war leblos und frei von jeder Überraschung", sagte er der dpa. "Die Sendung war mehr Parallelslalom als Duell."

In Blitzumfragen von ARD und ZDF lag Merkel am Sonntagabend vorn. Allerdings waren die Zahlen des Instituts Infratest dimap und der Forschungsgruppe Wahlen sehr unterschiedlich. Nach ARD-Angaben lag Merkel mit 55 zu 35 Prozent so weit vorn wie noch nie in ihren drei Duellen als Kanzlerin. Im ZDF war es viel knapper: Hier kam die Kanzlerin auf 32 Prozent Zustimmung, Schulz auf 29 Prozent. 39 Prozent der Befragten waren unentschieden. Die Forschungsgruppe sprach sogar von einem "Patt".

Dabei hatte sich Schulz im einzigen Duell vor der Wahl angriffslustig gezeigt. So warf er Merkel schwere Fehler in der Flüchtlingskrise vor. Zudem unterstellte er ihr, sei wolle die Rente mit 70 einführen. Merkel widersprach jeweils energisch. Im Konflikt mit der Türkei sprach sich Schulz für einen Stopp der EU-Beitrittsverhandlungen mit Ankara aus. Merkel verwies darauf, dass dies nur einstimmig von allen EU-Mitgliedstaaten beschlossen werden könne.