Anschober für einheitliche EU-Standards. Während Mindeststandards für die Haltung von Hühnern, Rindern oder Schweinen in der EU seit Jahren Realität sind, ging die Pute hier bisher leer aus.

Von APA / NÖN.at. Erstellt am 23. Februar 2021 (12:54)
Tier und Mensch als Profiteure
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"Wirklich grauenhaft" seien daher die Bedingungen in einigen EU-Staaten, sagte Grüne EU-Abgeordnete Sarah Wiener am Dienstag bei einem Online-Medientermin. Als Tierschutzminister will Rudolf Anschober (Grüne) diese Situation nun ändern und sprach sich dafür aus, die österreichischen Standards nach Brüssel zu exportieren.

Wiener betonte die Dringlichkeit von Mindeststandards, zu denen die EU als Vertragspartei verpflichtet sei, denn die Pute sei ja kein "Nischenprodukt", sondern liegt in der Liste der meistgehaltenen Tieren EU-weit am dritten Platz: "Jährlich werden 190 Millionen geschlachtet".

Bis zu diesem Zeitpunkt sei die Realität für die Tiere trist: "Konventionelle Putenhaltung gibt Zeugnis für eine aus dem Ruder gelaufene industrielle Tierhaltung", sagte Wiener und da könne man nicht mehr von Landwirten sprechen, sondern von Betrieben aus der Agro-Industrie

Es braucht also Standards. Definiert liegen diese in einer Studie zur tierschutzkonformen Haltung der Tiere vor: "Im Regierungsprogramm sind eine Reihe von Tierschutzmaßnahmen verankert", sagte Anschober - und wies auf die wissenschaftliche Basis hin, die Grundlage sein sollten.

Dabei geht es jedoch nicht nur um die Verhinderung von Tierleid, sondern auch darum, dass bei Putenfleisch der Versorgungsgrad in Österreich bei 42 Prozent liegt - der Export von Standards bei Putenhaltung und Putenmast käme daher Tieren, dem Mensch als Konsumenten und nicht zuletzt den Landwirten zugute. Jedoch, so der Ressortleiter, brauche es erst einen Schulterschluss in Österreich, bevor man sich bei der EU vorstellig machen könne.

Die Studienautorin Maria-Elisabeth Krautwald-Junghanns stellte die fünf zentralen Punkte vor und nannte die Gruppengröße bei der Haltung als primäre Variable. Hier gelte der einfache Grundsatz, je geringer die Besatzdichte, umso gesünder sei dies für das Tier. "Kilogramm pro Quadratmeter" lautet die Einheit, und auch wenn es in der Literatur auch zehn Kilogramm Pute pro Quadratmeter als Mindestmaß bei Biohaltung geben würde, müsste man unter Berücksichtigung wirtschaftlicher Kriterien bei 40 Kilogramm ansetzen.

Dazu braucht das Geflügel Auslaufmöglichkeiten, einen Außenklimabereich, oder etwa Beschäftigungsmaterialien. Wesentlich sei auch die Beleuchtung, denn die Vögel sehen besser als Menschen, für eine flimmerfreie Beleuchtung benötigen sie daher eine Frequenz von 150 satt der 60. Zudem brauchen Puten auch einen UV-A-Anteil im Licht, denn auch die Farbwahrnehmung sei beim domestizierten Truthuhn eine bessere.

Die tatsächliche Realität in Großbetrieben beschrieb Sarah Wiener jedoch mit Tausenden bis Zigtausenden Puten, in dunklen Plätzen gehalten, und dort so eng zusammengepfercht, dass sie nicht selbstständig 20 Meter durchschreiten können würden. Die Schnäbel gekürzt, trotzdem zum Teil mit schwere Verletzungen bis hin zum Tod. "Ich hab probiert, durchzugehen und hab wirklich Schiss gehabt, weil sie auf sich und mich gesprungen sind und versucht haben, auf mich zu pecken", erläutert Wiener ihre Erlebnisse auf diversen Putenfarmen in der EU. Das sei die Folge Tierhaltung, die diese "gestresst bis in den Tod" mache.

Auch Patrick Krautgartner züchtet Puten, er ist Inhaber eines Biohofs im steirischen Eichberg. Sein Ansatz ist jedoch konträr zur Massentierhaltung: "Wie können wir Puten richtig halten?", diese Frage sei ihm schon in der Schule wichtig gewesen. Nach der Feststellung, dass eine konventionelle Haltung nicht derartigen Prinzipien entspreche, entschied er sich zur Biohaltung und exportiert auch nach Deutschland.

Statt auf einen vorbeugenden Antibiotika-Einsatz" setze er zum Beispiel stattdessen auf Kräuter und Tees. EU-Standards wären auch in seinem Interesse, sagte Krautgartner: "Der österreichische Landwirt, der Puten hält, hat nur Gewinn von diesen Maßnahmen". Ein Kilogramm glücklicher Putenbrust kostet dann rund 25 Euro, rund die Hälfte eine konventionelle Österreich, und zwischen sechs und acht Euro eine polnische, erläuterte Wiener gegenüber der APA die Preisunterschiede.

"Wir müssen aufpassen, dass die Standards nicht zu schwach ausfallen", warnte die EU-Abgeordnete. Es werde mit Widerstand von den "schmutzigen Fünf" zu erwarten sein, Wiener nannte Italien Polen, Frankreich, Spanien und Deutschland sowie Lobby-Gruppen, die sperren würden. Jedoch sei ein Grundsatz inzwischen klar: Es gelte weniger Tiere immer besser zu halten: "Das muss der einzige Slogan sein, der Sinn macht und zukunftsfähig ist", schloss Wiener.