Mehrere Fälle bei Pyramidenspiel-Prozess beigelegt. Im Prozess rund um ein großes steirisches Pyramidenspiel ist die Anzahl der Angeklagten bereits am ersten Verhandlungstag deutlich geschrumpft. In mehr als der Hälfte der Fälle entschied der Richter, dass eine diversionelle Einigung möglich wäre. Den Beschuldigten wurde eine Geldbuße auferlegt, außerdem müssen sie den Schaden gutmachen.

Von Redaktion, APA. Erstellt am 01. Oktober 2018 (15:14)
Die Anklagebank war richtig voll
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Staatsanwalt Hansjörg Bacher hatte keine Einwände gegen das diversionelle Vorgehen. Die Angeklagten, denen diese Variante angeboten wurde, erklärten allesamt, sie würden Verantwortung übernehmen und den Schaden gutmachen. Richter Andreas Rom wollte von einer Frau wissen, wie sie weitere Mitspieler geworben habe. "Das waren Freunde", meinte die Beschuldigte. "Jetzt auch noch?", interessierte den Vorsitzenden. "Ja, ich habe allen das Geld zurückgegeben", beteuerte die Befragte, für die das Verfahren ebenfalls am Montag schon zu Ende war.

Auf die Frage des Staatsanwalts, ob sie weiteren Teilnehmern erklärte habe, sie könnten jederzeit aussteigen und würden ihr Geld zurückbekommen, antwortete eine der Angeklagten: "Nein, wie hätte das gehen sollen?". "Eben", bestätigte Bacher. Die Frau führte aus, bei Ausstieg hätte man einen Ersatz bringen müssen - damit würde aber der Betrugsvorwurf wegfallen. Dieser Punkt dürfte in den nächsten Wochen noch ausgiebig erläutert werden.

Im Grazer Straflandesgericht hatte zuvor ein regelrechtes Gedränge um die Plätze auf der Anklagebank geherrscht. Es war der Auftakt eines langwierigen Prozesses um eine steirisches Pyramidenspiel, bei dem neben 15 Angeklagten - ein 16. war krank - auch zahlreiche Anwälte untergebracht werden mussten. Im Mittelpunkt stand ein sogenannter "Schenkkreis" mit einem Betrugsschaden von 320.000 Euro.

Eigentlich sollten sich 16 Angeklagte wegen Pyramidenspiels, Betrugs und in einigen Fällen auch Geldwucher verantworten. Doch einer erschien nicht, er soll Depressionen haben. Dafür gab es acht statt zwei Schöffen - Richter Andreas Rom hatte vorsichtshalber sechs Ersatzpersonen geladen, da der Prozess bis Mitte Jänner dauern soll.

Staatsanwalt Hansjörg Bacher verwies auf die enge Verbindung der Angeklagten, die alle als führende Persönlichkeiten beim Pyramidenspiel dabei waren: "Sie waren alle verwandt, verschwägert oder bekannt. Sie sehen, wir haben es hier mit einem Familienunternehmen zu tun." Die Beschuldigten hätten alle Gewinne gemacht und andere Teilnehmer angeworben "die dann auf ihrem Schaden sitzen geblieben sind." Das Prinzip war immer gleich: 5.000 oder 10.000 Euro mussten einbezahlt und zwei weitere Zahlungswillige angeworben werden, dann sollte nach kurzer Zeit der achtfache Betrag ausbezahlt werden. Einige der Angeklagten durchliefen diese Pyramide mehrmals und lukrierten unter anderem Gewinne von 700.000 Euro. Obwohl schon bald erste Probleme mit der Auszahlung auftauchten, fanden sich unentwegt neue Teilnehmer. "Gier frisst Hirn", lautete für Bacher die Erklärung für dieses Phänomen.

Das Spiel soll von 2006 bis 2008 gelaufen sein, zehn Jahre lang wurde dann ermittelt. Laut Ankläger wurden rund 300 Personen als Verdächtige einvernommen, weitere 800 als Opfer. Die nun Angeklagten "waren früh genug dran und haben daher noch Gewinne erzielt". Da es sich aber um ein "klassisches Schneeballsystem" gehandelt habe, funktionierte die wundersame Geldvermehrung nur, solange noch Mitspieler aufgetrieben werden konnten. Als Betrug wertete der Staatsanwalt, dass den Teilnehmern gesagt wurde, sie könnten jederzeit aufhören und würden ihr Geld zurück bekommen.

Der Verteidiger der ersten beiden Beschuldigten, Harald Christandl, bezeichnete die Anklage als "völlig überzogen". Die Beträge, "die da herumschwirren", seien alle nicht belegt. Der Gutachter habe nur "hypothetisch nachgerechnet, es gibt ja keine Buchhaltung." Das Ganze habe schon Jahre vorher in Deutschland begonnen, wo Pyramidenspiele nicht strafbar sind und wo auch die Auszahlungen erfolgten. "Es war wie eine Tupperparty, nur in großem Stil", beschrieb es der Anwalt. Den Vorwurf des Betruges bestritt er für seine Mandanten. "Das sind keine Kriminellen, das waren ganz normale Staatsbürger, die sich haben hinreißen lassen."

Der Richter stellte dem Großteil der Angeklagten bei entsprechendem Verhalten eine Diversion in Aussicht. Die Befragung der 15 Beschuldigten sollte frühestens am Nachmittag beginnen.