Talkshowparodie: "Recherche-Show" des Volkstheaters. "Wie viel Red Bull steckt in Österreich?" Das fragt sich die Moderatorin Pia Maria und bittet sogleich das Online-Premierenpublikum der "Recherche-Show" um Antwort. Nach 30 Sekunden trudelt das Ergebnis im Volkstheater ein: 75 Prozent der Zuseher trinken nie Red Bull. Es sollte nicht die letzte erhellende Umfrage des rund 90-minütigen Abends gewesen sein. Schließlich wurde im Vorfeld neben investigativem Journalismus und Unterhaltung auch Interaktivität versprochen.

Von APA / NÖN.at. Erstellt am 13. Februar 2021 (10:03)
Pia Hierzegger führte als Moderatorin durch die "Recherche-Show"
APA (Volkstheater)

Monatelang recherchierte die "Dossier"-Redaktion über den Getränkekonzern Red Bull, dessen Miteigentümer Dietrich Mateschitz und seine Medienwelt. Das Ergebnis hat das Volkstheater in den Bezirken in Kooperation mit der Rechercheplattform und dem Theater im Bahnhof unter der Regie von Ed Hauswirth in eine schrille, seltsam aus der Zeit gefallene Talkshow verpackt. Die Moderatorin (Pia Hierzegger) trägt ihr Haar wie Chris Lohner, ihre Gäste (Julia Franz Richter, Martina Zinner und Rupert Lehofer) sind ganz in schwarz-weiß und Hahnentritt-Muster verpackt. Zu sitzen kommen sie auf einer geschmacklosen türkis-roten Couch. Im Hintergrund glitzert und funkelt es gnadenlos, während ein gelockter Live-Musiker (Thomas Pfeffer) Synthesizerklänge zum Besten gibt.

Was Bühnenbild und Kostüm mit Red Bull zu tun haben, bleibt im Verborgenen. Eventuell, dass alles "EXTREM!" ist, wie eine quer über den Bildschirm eingespielte Animation das Publikum des Öfteren erinnert. Der immer wieder per Zoom zugeschaltete "Dossier"-Journalist Georg Eckelsberger wirkt angesichts der Skurrilität seltsam deplatziert. Er sitzt in seinem Zuhause und beantwortet Pia Marias Fragen. Etwa warum man sich auf den Getränkekonzern fokussiert habe. Eckelsberger: Weil Red Bull sehr viel Geld und Zeit investiere, um eine eigene Geschichte zu erzählen. Hinter diese Erzählung sollte ein kritischer Blick geworfen werden.

Dieser fällt zwar nicht enttäuschend aus, doch große Enthüllungen bekommt das Publikum nicht präsentiert. Dass es sich bei Red Bull um eine verschwiegene Welt handelt, war zu erahnen. Dass das Steuerverhalten des Konzerns "wirklich nicht sehr transparent" sei, wie Eckelsberger sagt, haut einen auch nicht vom Hocker. Spannender wird es, wenn die Medienwelt Mateschitz' in den Fokus rückt. "Dossier" gewährt Einblicke in die Einstellung der Rechercheplattform "Addendum" und die Beinahe-Einstellung von Servus TV. Letztere dürfte laut der Plattform mit der Idee mancher Mitarbeiter, einen Betriebsrat zu gründen, verknüpft sein. Red Bull dementiert das.

Die Rechercheergebnisse gehen angesichts der äußerst gelungenen Aufmachung der Talkshowparodie weitgehend unter. Es existieren schlichtweg zu viele Ablenkungen, um sich auf ernste Informationen konzentrieren zu können. In Erinnerung bleiben eher Straßeninterviews, die mitten im Gespräch enden, servierte Stierhoden (immerhin auf Blattsalat), ein Lied über die unzähligen Wörter und Marken, die Mateschitz schützen hat lassen, und die Umfragen, an denen das Publikum teilnehmen konnte.

Während diese Form der Interaktivität einen deutlichen Mehrwert brachte, stellte die Chatfunktion eine wahre Geduldsprobe dar. Mitteilungsbedürftige Zuseher ließen immer wieder Nachrichten am Bildschirm aufpoppen, die sich nicht stummschalten ließen. Auch waren sie zumeist eher entbehrlicher Natur ("Ton geht nicht."). Als dann auch noch die Verbindung zum Volkstheater-Studio abbrach und Eckelsberger alleine einen Monolog über Red Bull halten musste, kam der leise Wunsch auf, nicht im Wohnzimmer, sondern in einem Theater zu sitzen. Glücklicherweise reagierten die Schauspieler gekonnt auf die Störung und witzelten: "Leute von Servus TV waren da und haben alles rausgerissen."

Zum Schluss regnete es für die erste Produktion der neuen Volkstheater-Direktion unter Kay Voges, die ab 20. Februar mit dem Audiowalk "Black Box" von Stefan Kaegi / Rimini Protokoll gleich den nächsten Pfeil aus dem Köcher zieht, verdienten virtuellen Applaus. Die "Recherche-Show" bietet zwar weniger brisante Enthüllungen als erhofft, dafür umso mehr schräge Pointen. Wirklich tragisch ist dieses Ungleichgewicht nicht. Schließlich sind die Rechercheergebnisse von "Dossier" auch in Magazinform festgehalten.

(S E R V I C E - "Die Recherche-Show" des Volkstheaters in den Bezirken von Kreation Kollektiv basierend auf einer Recherche von "Dossier" und in Kooperation mit dem Theater im Bahnhof, Regie: Ed Hauswirth, Dramaturgie: Calle Fuhr und Jennifer Weiss, Bühne: Michael Sieberock-Serafimowitsch, Kostüm: Mona Ulrich, Zuspieler und Animationen: Anna Bertsch und Marvin Kanas, Mit: Pia Hierzegger, Rupert Lehofer, Julia Franz Richter, Martina Zinner, Live-Musik: Thomas Pfeffer, Live-Bildregie: Max Hammel, Live-Kamera: Georg Vogler, Engineering: Mauritius Luczynski, Weitere Online-Aufführungen am 14., 20., 21., 27., und 28. Februar jeweils 19.30 Uhr, Infos und Tickets für einen Zoom-Link auf www.volkstheater.at ; www.dossier.at)