Leistungsstress und Zeitmangel in der Familie. Rund neun von zehn Familien sind zumindest zeitweise so unter Druck, dass Jugendliche dort nicht immer ausreichend Rückhalt finden. Das hat eine von SOS Kinderdorf beauftrage Umfrage unter 14- bis 18-Jährigen ergeben. Probleme verursachen der Leistungsdruck in Schule oder Ausbildung, der Arbeitsstress der Eltern, eigene Zukunftsängste, familiäre Geldnöte und vor allem fehlende Familienzeit.

Von APA Red. Erstellt am 09. Mai 2019 (12:34)
APA (dpa)
Wunsch nach mehr Freizeitaktivitäten wird vielfach geäußert

"Familienzeit ist ein knappes Gut geworden. 55 Prozent der Jugendlichen äußern den Wunsch nach mehr Freizeitaktivitäten mit der Familie", sagte Nora Deinhammer, Geschäftsführerin von SOS-Kinderdorf, bei der Präsentation der Daten in Wien. 30 Prozent gaben weiters an, daheim sei nicht genug Zeit für gemeinsame Mahlzeiten. 23 bzw. 22 Prozent fehlte die Chance, über Alltägliches bzw. Wichtiges miteinander zu reden.

Groß ist die Sorge, selbst einmal in das vorgelebte "Hamsterrad" zu geraten, besonders bei Mädchen: 45 Prozent haben "Angst, nicht ausreichend Zeit für die Familie zu haben", bei den Burschen sind es 30 Prozent. Die Befürchtung, "später keine eigene Familie zu haben, weil Job und Familie schwer zu vereinbaren sind", teilten fast 40 Prozent aller Befragten.

38 Prozent bezeichneten es als belastend, "dass meine Eltern gestresst von der Arbeit nach Hause kommen". Jeweils 22 Prozent berichteten, "dass meine Eltern nicht Urlaub nehmen können, wenn Schulferien sind" bzw. "dass meine Eltern ständig erreichbar sind für ihre Arbeit", sei für sie problematisch. Für jeweils 19 Prozent sind Stressfaktoren, "dass meine Eltern arbeitslos sind" bzw. "dass meine Eltern keinen neuen Job finden". Über 30 Prozent nannten hier, "dass meine Eltern zwar viel arbeiten, aber zu wenig verdienen". Insgesamt zählten 41 Prozent finanzielle Probleme zu den Themen, die sie und ihre Angehörigen stressen.

54 Prozent klagten über hohen Leistungsdruck in Schule oder Ausbildung. 31 Prozent fühlten sich hier zusätzlich von den Eltern angetrieben. "Schule und Ausbildung nehmen einen überaus hohen Stellenwert im Familienalltag ein", analysierte Studienleiterin Raphaela Kohout vom Institut für Jugendkulturforschung. Die Anforderungen der Erziehungsberechtigten würden "stark mit Zukunftsängsten zusammenhängen", die fast 40 Prozent der Befragten als Stressauslöser erleben. So berichteten fast 46 Prozent von ihrer "Angst, im Leben nichts zu erreichen". Dabei wünscht sich die Mehrheit für später in erster Linie existenzielle Absicherung und kein Luxusleben.

Generell sähen sich die Jugendlichen selbst als "zusätzlichen Stressfaktor" und zeigten viel Verständnis für ihre Eltern, so Deinhammer. "Den Familien fehlt Zeit", betonte sie und forderte dringend die Schaffung besserer Rahmenbedingungen durch Politik und Wirtschaft. Dazu zählten "Anreize, Arbeits- und Familienzeit unter Eltern gleichmäßiger aufzuteilen" ebenso wie eine zusätzliche Urlaubswoche pro Jahr für Familien mit minderjährigen Kindern. "Die ständige berufliche Verfügbarkeit geht auf Kosten der Familienzeit", kritisierte Deinhammer. Weitere Forderungen sind die "Ganztagsschule für alle Kinder" sowie niederschwellige Beratungsangebote bei familiären Konflikten.