Belvedere 21 sucht Joseph Beuys' Spuren in Wien. Popstar, Umweltaktivist und selten ohne Filzhut: Joseph Beuys (1921-1986) gehört zweifelsohne zu den einflussreichsten und höchstdotierten Akteuren der Kunstszene in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Von APA / NÖN.at. Erstellt am 03. März 2021 (14:03)
Die Wien-Bezüge des Künstlerstars stehen im Fokus
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Das Belvedere 21 widmet dem deutschen Ausnahmekünstler, der im Mai 100 Jahre alt geworden wäre, ab Donnerstag eine Werkschau. Neben raumgreifenden Installationen wie der "Honigmaschine" geht es vor allem um jene Spuren, die Beuys in Wien hinterlassen hat.

64 Werke - darunter auch Skizzen, Zeichnungen und ein Anzug komplett aus Filz - sowie 123 Exponate wie Fotografien, Plakate und anderes Dokumentationsmaterial versammelt die Beuys-Geburtstagsschau. "Es war schon ein kühner Entschluss, im Jahr des 100. Geburtstags eine Ausstellung zu Beuys anzusetzen", meinte Belvedere-Direktorin Stella Rollig am Mittwoch im Rahmen eines Pressegesprächs. Immerhin fänden auf der ganzen Welt - "von Osaka in Japan bis Izmir in der Türkei" - nach derzeitigem Stand 32 "museale Projekte" über diesen wirkmächtigen Künstler statt. "Da merkt man, welche Strahlkraft Beuys und sein Werk bis heute haben", so Rollig, die nicht ohne Stolz betonte, dass das Belvedere 21 mit "Joseph Beuys. Denken. Handeln. Vermitteln." ganz zeitig dran sei und gewissermaßen den Startschuss für das heurige Jubiläumsjahr geben könne.

Wie nähert man sich also diesem Giganten der jüngeren Kunsthistorie, der sich mit der exzessiven Verwendung von Fett und Filz und seiner Idee der Sozialen Plastik - Kunst als gemeinschaftlicher Akt der politischen und gesellschaftlichen Gestaltungsmöglichkeit - einen Namen gemacht hatte, ohne im internationalen Feierreigen unterzugehen? Indem man mit den diversen Wien-Bezügen einen Strang im Wirken Beuys' erzählt, der laut Kurator Harald Krejci bisher kaum nähere Aufmerksamkeit erfahren hat.

1966 kam Beuys - damals noch vor seinem großen Durchbruch - erstmals in die Bundeshauptstadt, um auf Einladung von Monsignore Otto Maurer in der Galerie nebst St. Stephan auszustellen. Wien habe den Künstler wegen seiner geopolitischen Lage, aber auch wegen der hiesigen Kunstszene - hier vor allem die Wiener Aktionisten - interessiert, erklärte Rollig. Ein Jahr später führte Beuys in der gleichen Galerie seine Aktion "EURASIENSTAB 82 min fluxorum organum" durch: Mit einem 50 Kilo schweren Kupferstab fuhr Beuys an vier aufgestellten Filzwinkeln entlang, brachte ihn zu einer aus Margarineblöcken geformten "Fettecke" und wollte so in Zeiten des Kalten Krieges eine Zusammenführung von Ost und West symbolisieren. Fotografien und ein Filmmitschnitt nahe dem Ausstellungseingang erinnern an die Performance.

Extra für Wien konzipiert war auch "Basisraum Nasse Wäsche" - ein kritischer Kommentar auf den damaligen Plan, das Museum moderner Kunst im prunkvollen barocken Palais Liechtenstein unterzubringen. Drei Wasserrinnen, spärliches Mobiliar, ein Kübel Fett und eine Glühbirne sind Bestandteile dieser raumgreifenden Installation aus 1979. Im selben Jahr war für Beuys im Übrigen eine Professur an der Wiener Hochschule für angewandte Kunst in Griffweite, die dieser aber ausschlug.

Die zweite platzgreifende Anordnung widmet sich der "Honigpumpe am Arbeitsplatz" (1977). Beuys ließ sie bei der documenta in Kassel errichten. Über eine motorbetriebene Pumpe floss Honig über mehrere Stockwerke hinweg durch einen Kreislauf aus Schläuchen, während der Künstler selbst in einem Seminarraum nebenan 100 Tage lang Diskussionen zu diversen Themen führte.

Wie im Fall aktionistischer Kunst so oft, steht auch das Belvedere 21 vor der Frage, wie sich vergangene Performances mithilfe von Relikten musealisieren lassen. Im Fall der "Honigpumpe" hat man sich dafür entschieden, die einzelnen Original-Bestandteile des Projekts ähnlich einem Lagerhallensetting nebeneinander aufzulegen. Ein Film zeigt die Maschine im Einsatz.

1983, drei Jahre vor seinem Tod, kam der inzwischen zum Künstlerstar avancierte, aber auch als Blender und Scharlatan abgelehnte Beuys ein letztes Mal nach Wien, um sich u.a. mit dem damaligen Bundeskanzler Bruno Kreisky auszutauschen. Außerdem pflanzte er - seit Mitte der 1970er-Jahre für die Grünen engagiert - einen Baum vor der Angewandten und dachte laut über eine Bewaldung des jetzigen Museumsquartier-Areals nach.

Ein Jahr zuvor hatte Beuys seine Aktion "7000 Eichen" gestartet. Abgeladene Basaltstelen vor dem Kasseler Museumsgebäude Fridericianum wurden gegen Bezahlung wieder aufgestellt, und zwar zusammen mit einem Eichenbäumchen. Das Projekt unter dem Motto "Stadtverwaldung statt Stadtverwaltung" konnte erst ein Jahr nach dem Tod seines Initiators abgeschlossen werden. Als Hommage an diese ökologische Intervention wurde heute jedenfalls im Skulpturengarten des Belvedere 21 eine Stieleiche gepflanzt.

(S E R V I C E - "Joseph Beuys. Denken. Handeln. Vermitteln." im Belvedere 21, 3., Arsenalstraße 1; ab Donnerstag bis 13. Juni; Dienstag bis Sonntag 11 bis 18 Uhr, 9 Euro, ermäßigt 7 Euro; Begleitprogramm abhängig von aktuellen Corona-Verordnungen ab ca. Mitte April geplant; zur Ausstellung ist ein gut 200-seitiger Katalog erschienen; www.belvedere.at)