Martin Pfeffel: „Wir brauchen weise Voraussicht“

Seit 75 Jahren gibt es die HTL St. Pölten. Direktor Martin Pfeffel blickt zurück und sieht in der Zukunft große Chancen, aber auch Herausforderungen für die zweitgrößte HTL in Niederösterreich.

Erstellt am 24. November 2021 | 05:31
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Martin Pfeffel ist seit 2017 Direktor der HTL St. Pölten. Gelernt hat er dort auch selbst als Schüler.
Foto: Daniel Lohninger

NÖN: Es gibt viele Schulen in Niederösterreich. Was macht Ihrer Meinung nach die HTL St. Pölten so besonders?
Martin Pfeffel: Da gibt es mehrere Faktoren. Das erste ist die Lage – der zentrale Knoten in Niederösterreich, das Traisental und die Westbahnstrecke, die seit Beginn die Schüler leicht an den Schulstandort gebracht hat. Mittlerweile decken wir beim Einzugsgebiet fast zwei Drittel von Niederösterreich ab. Eine Stärke ist auch, dass wir mit fünf Ausbildungsschwerpunkten außer der Bautechnik fast alles abdecken.

Die klassischen Ingenieurwissenschaften sind am Anfang gestanden.
Pfeffel: Ja, Maschinenbau und Elektrotechnik. Aus der damaligen Nachrichtentechnik hat sich die heutige „Elektronik und technische Informatik“ entwickelt. Die Betriebstechnik damals, die heute Wirtschaftsingenieure heißt, ist dann dazu gekommen. Und dann irgendwann ist es losgegangen mit der damaligen EDVO, heute „Informatik“, das Thema, das jetzt alles überlagert.

Mit 1.700 Schülerinnen und Schülern ist die HTL St. Pölten nach Mödling die zweitgrößte Schule in ganz Niederösterreich. Bleiben die Absolventen der HTL dann auch in der Region?
Pfeffel: Es kommt auf die Ausbildungsform an, aber vor allem bei Elektrotechnik und Maschinenbau werden mehr als 95 Prozent der Absolventen von der Region aufgenommen. Es gibt große Betriebe, die sogar noch deutlich mehr Absolventen von uns bräuchten. Bei Informatik, Elektronik und Technischer Informatik gehen viele Absolventen eher in den Großraum Wien. Und die Wirtschaftsingenieure kann man am wenigsten zuordnen, weil die in allen Branchen Fuß fassen können.

Wie haben sich die Anforderungen an die HTL-Ausbildung in den 75 Jahren geändert?
Pfeffel: Die Lehrpläne unterliegen einer gewissen Zykluszeit. Er muss zumindest fünf Jahre gelten, früher hat er aber oft 15 Jahre und länger gegolten. Durch die Digitalisierung hat man aber keine Chance mehr, wenn man Lehrpläne so lange denkt. Wir brauchen eine gewisse weise Voraussicht, um fünf Jahre vorher zu wissen, was in fünf Jahren von der Industrie gefragt sein wird. Gottseidank haben wir jetzt durch schulautonome Möglichkeiten, die mit der Schulreform 2017 eingeführt worden sind, die Chance, das zu designen. Wir haben dafür auch ein Kuratorium mit wichtigen Partnern aus der Industrie, die uns beraten. Wir horchen genau zu, um die Ausbildung möglichst schnell schulautonom zu adaptieren.

Man hört bei den Betrieben oft den Wunsch nach mehr HTL-Absolventen. Dennoch bleibt die Zahl seit Jahren in etwa stabil. Wieso?
Pfeffel: Die Nachfrage aus der Wirtschaft und aus der Industrie ist riesig. Das Liebste sind ihnen HTL-Absolventen oder mittlerweile auch Abbrecher. Selbst ein Jahr HTL ist mit dem praktischen Anteil wichtig. Natürlich sind wir aber interessiert daran, dass wir nur Schüler bekommen, die auch wirklich ein technisches Interesse haben. Es hilft nichts, jetzt alle in eine HTL zu schicken, weil es eben unterschiedliche Talente und Interessen gibt. Aber ja, das Potenzial wäre deutlich größer: Denn nach wie vor gibt es zu wenige Mädchen in den HTL – oft, weil sie es sich selber nicht zutrauen, manchmal auch, weil die Mütter das ihren Mädchen nicht zutrauen und sie lieber in „typische“ Ausbildungen schicken. Das ist eine Katastrophe. Wir haben jetzt einen Mädchenanteil von knapp über zehn Prozent. In Skandinavien liegt der Anteil der Mädchen in technischen Ausbildungen bei mehr als 30 Prozent. Die zweite Schiene für mehr HTL-Absolventen wäre die Abendschule. Die müsste deutlich attraktiver werden und wäre auch eine Option beispielsweise für AMS-Programme.

Unterm Strich heißt das: Mehr HTL-Absolventen wären machbar, wenn man mehr Mädchen und Abendschüler für die technische Ausbildung gewinnen könnte.
Pfeffel: Ja. Politisch hat man mehr oder weniger provoziert, dass die Schülerinnen und Schüler mehrheitlich ins Gymnasium gehen. Schüler, die früher zu uns gekommen wären, sitzen jetzt im Gymnasium. Und aus Bequemlichkeitsgründen wechseln die nicht in die HTL.

Sie haben die Möglichkeiten der Schulautonomie angesprochen. Wo setzt St. Pölten einen besonderen Schwerpunkt?
Pfeffel: Die Historie hat bewiesen, dass wir vor allem in der Informatik immer federführend waren. Wir haben Cyber-Security schulautonom gemacht vor mehreren Jahren, das geht jetzt mit diesem Schuljahr in einen Regellehrplan über. Da war HTL St. Pölten Meinungsbildner. Aber natürlich waren und sind wir auch in den anderen Fachbereichen federführend – beispielsweise bei den Wirtschaftsingenieuren mit den Ausbildungsschwerpunkten Logistik und Technisches Management oder beim Schwerpunkt Elektromobilität in der Elektrotechnik.

Was wird in Zukunft wichtig sein – für die HTL allgemein und den Standort St. Pölten im Besonderen?
Pfeffel: Wichtig ist, dass wir trotz der hohen Arbeitskraftnachfrage aus der Industrie und Wirtschaft die Qualität unserer Ausbildung nicht senken. Es gibt Stimmen, die sagen, lasst mehr Schüler durch, dann haben wir mehr Arbeitskräfte. Diese Qualitätsabstriche wollen wir aber auf keinen Fall machen. Natürlich könnte man die viel zitierte Behaltequote leicht erhöhen, wenn man die Qualität reduziert. Aber es wäre die falsche Antwort auf die Herausforderungen der Zukunft. Natürlich haben wir aktuell durch Corona die Herausforderung, diese Qualität zu halten – wir versuchen aber massiv, Fördermaßnahmen anzubieten. Wir wollen auch attraktive Lehrpläne auf dem neuesten Stand der Technik anbieten und auch mehr tun, um die Sprachkompetenz unserer Schülerinnen und Schüler zu verbessern. Man hat den HTLs früher immer ein wenig angekreidet,, dass hier beispielsweise Englisch vernachlässigt wird. Wir steuern da schon lange dagegen, wollen international sein und haben schon viele Erasmus-Projekte gestartet. Leider ist jetzt corona-bedingt seit zwei Jahren Stillstand im Präsenzaustausch. Aber wir stärken die Internationalität durch Partnerschulen bis hin ins Silicon Valley.

Die HTL ist ja ein österreichisches Spezifikum. Nach welchen Kriterien wählt die HTL die Partnerschulen aus?
Pfeffel: Oftmals sind es „Technische Schulen“, verschiedenste vierjährige berufsbildende Schulen, aber auch technische Colleges. England hat versucht, die HTLs nachzubauen, da gibt es seit ein paar Jahren eine ähnliche Ausbildungsschiene. In den USA gibt es Universitäten, die bereit sind, mit einer österreichischen HTL zusammenzuarbeiten. Die Qualität der HTL-Ausbildung zeigt sich auch in Deutschland: Da rechnen manche Fachhochschulen unseren Absolventen ein bis zwei Jahre Studiumszeit an. Die österreichischen HTLs haben es im Europäischen Qualifikationsrahmen, dass sie zwar mit Abschluss der Reife- und Diplomprüfung im Level 5 eingestuft sind, aber mit der dreijährigen Berufspraxis und dem Ingenieurstitel durch ein Zertifizierungsgespräch dann europaweit in Level 6 eingestuft werden – also auf Bachelor-Niveau. Das ist für viele Firmen, die europäisch mitspielen, wichtig bei ihren Qualifikationsprofilen. Früher haben die europäischen Partner die HTL-Absolventen nie einordnen können. Jetzt ist das einfacher möglich. Das war ein riesiger Erfolg, federführend von meinem Vorgänger initiiert.