Norbert Gollinger: „Fernsehen hat sich epochal verändert“

Mit 1. Jänner gibt ORF-Landesdirektor Norbert Gollinger das Zepter an seinen Nachfolger Robert Ziegler ab. Im NÖN-Interview blickt er auf bewegte 42 Jahre zurück.

Erstellt am 29. Dezember 2021 | 05:34
Lesezeit: 6 Min
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Norbert Gollinger zum Abschied im NÖN-Interview: „Wir haben das Landesstudio zu einem modernen, multimedialen Sender entwickelt, der im Land durch seine Nähe zu den Menschen stark verankert ist, und dem sein Publikum vertraut.“
Foto: Erich Marschik

Sie haben 1979 beim ORF NÖ Ihre journalistische Laufbahn begonnen. Wie hat sich Fernsehen in dieser Zeit verändert?
Norbert Gollinger: Fernsehen hat sich in diesen über 40 Jahren epochal verändert. Oder anders formuliert: Da ist kein Stein auf dem anderen geblieben. Bei der Aktualität: Damals war ich als Reporter einen ganzen Tag unterwegs, um eine Geschichte zu drehen. Am nächsten Tag wurde am Vormittag getextet, am Nachmittag geschnitten. Am Abend ging die Story auf Sendung. Heute: Wenn notwendig, wird live gesendet. Die meisten Beiträge werden zwischen einer und vier Stunden hergestellt – inklusive Fahrtzeit. Bei der Aufnahmetechnik: Damals haben wir mit 16mm-Film gearbeitet. Nach dem Dreh musste man warten, bis der Film entwickelt war. Heute unvorstellbar, es wird digital aufgezeichnet und ins System eingespielt. In kürzester Zeit. Bei der Verbreitung: Damals rein linear, heute über verschiedenste Wege – Live-Stream, Video on demand, Fernsehen über Handy oder Tablet, und es werden noch weitere Plattformen dazukommen, wenn die gesetzlichen Voraussetzungen geschaffen sind.

Sie waren dann beim Aktuellen Dienst, danach bei der „Zeit im Bild“ – zuletzt als Chef vom Dienst. Warum sind Sie dann trotzdem 1998 nach Niederösterreich zurückgekommen?
Gollinger: Ich habe in den 14 Jahren bei der ZIB sehr viel gelernt. Und Chef vom Dienst bei der ZIB 1 zu sein war eine sehr spannende und verantwortungsvolle Aufgabe. Und dennoch: Die Chance, in meinem Heimat-Landesstudio als Chefredakteur eine Führungsfunktion übernehmen zu dürfen, diese Chance wollte ich nützen.

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Der damals 43-jährige Norbert Gollinger 1999 bei seiner ersten Sendung „Niederösterreich heute“.
Foto: ORF/Johannes Cizek

2002 wurden Sie zum Landesdirektor bestellt. Was wird Ihrer Meinung nach aus dieser Zeit bleiben?
Gollinger: Bleiben wird, dass wir das Landesstudio in dieser Zeit zu einem modernen, multimedialen Sender entwickelt haben, der im Land durch seine Nähe zu den Menschen stark verankert ist, und dem sein Publikum vertraut. Mit einem umfangreichen Programmangebot im Radio, im Fernsehen und online.

Was waren die schönsten Erfolge in dieser Zeit?
Gollinger: Ein großer Erfolg war der Ausbau der Information. Wir haben im Radio eine starke Maßnahme gesetzt: Wir sind aus den Regionalnachrichten, die zur vollen Stunde aus Wien in die Landesstudios zugespielt wurden, ausgestiegen. Wir senden diese Nachrichten außer in der Nacht selbst. Warum? Weil wir dadurch die Möglichkeit haben, gerade zur vollen Stunde, der ORF-Radio-Informations-Zeit, auch Themen aus Niederösterreich zu platzieren.

Die Medien arbeiten Tag für Tag daran, die Menschen mit seriösen, validen und ausgewogenen Informationen zu versorgen. Das gelingt meiner Ansicht nach
sehr gut. Norbert Gollinger, Noch-ORF-Landesdirektor

Die Berichte über nationale und internationale Themen holen wir uns natürlich aus der Zentrale. Das ist eine großartige Leistung unserer Moderatorinnen und Moderatoren sowie Redakteurinnen und Redakteure und wird vom Publikum geschätzt. Noch ein Beispiel für die vielen Erfolge: Mir persönlich war es auch immer sehr wichtig, das vielfältige kulturelle Leben in Niederösterreich einem breiten Publikum zu präsentieren. Neben Übertragungen aus Grafenegg konnten wir auch immer wieder Theaterinszenierungen für das Fernsehen aufzeichnen. Legendär dabei war die Aufführung der Festspiele Reichenau von Doderers „Strudelhofstiege“ im Südbahnhotel am Semmering. Vier verschiedene Spielorte vom Foyer bis auf die Dachterrasse, vom Waldhof- bis zum glanzvollen Speisesaal.

Was würden Sie mit dem Wissen von heute anders machen?
Gollinger: Die große Linie würde ich wieder so zeichnen. Das soll jetzt nicht eingebildet klingen. Aber den Weg empfinde ich als richtig und stimmig. Woran man aber ein Leben lang lernen kann, ist der richtige Zeitpunkt für Entscheidungen. Nicht beim täglichen Programm, da ist der Zeitpunkt durch Aktualität und Sendungszeiten vorgegeben. Aber bei einigen anderen Entscheidungen habe ich beides erlebt: manchmal zu schnell entschieden und in einzelnen Fällen auch zu lange gewartet.

Sie haben mit dem ORF eines der größten Landesstudios geleitet. Was hat Ihr Team ausgezeichnet?
Gollinger: Dass es ein großartiges Team ist! Warum? Das Team des Landesstudios hat in diesen mehr als 20 Jahren immer – und ich betone, immer – mit größtem Einsatz für das Studio gearbeitet. Mit hoher Kompetenz, ausgeprägter Professionalität, mit viel Gespür, mit Leidenschaft und mit einem Bekenntnis zum öffentlich-rechtlichen ORF, das beispielgebend ist. Und: Bei allen Diskussionen über Programme, Themen und Sendungen hat das Team einen anständigen und wertschätzenden Umgang miteinander gelebt. Für diese Kombination zolle ich den Kollegen und Kolleginnen meine höchste Anerkennung und meinen größten Respekt!

Sie haben zum Ausklang Ihrer Karriere mit der Corona-Pandemie noch eine besonders herausfordernde Situation erlebt. Warum ist diese Krise so anders als andere Krisen in den vergangenen Jahrzehnten?
Gollinger: Weil sie so unberechenbar ist, und weil das Virus so gefährlich ist. Nach wie vor wissen wir in Wirklichkeit nicht, wie diese Krise ausgehen wird. Das bedeutet für uns Medien natürlich auch eine große Herausforderung und Verantwortung. Auch hier danke ich unserem gesamten Team im Landesstudio für die Disziplin und Vorsicht, dass wir bisher so gut durch die Krise gekommen sind. Die verschiedenen Maßnahmen sind schon auch belastend. Aber das Team arbeitet mit höchstem Einsatz! Wenn ich an den Isolationsbetrieb im Vorjahr zurückdenke, dann haben die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Landesstudios Höchstleistungen vollbracht. Auch mental.

Zuletzt gerieten auch die Medien ins Visier der Impfskeptiker. Zu Recht?
Gollinger: Nein! Zu Unrecht! Die Medien arbeiten Tag für Tag daran, die Menschen mit seriösen, validen und ausgewogenen Informationen zu versorgen. Das gelingt meiner Ansicht nach sehr gut, soweit entsprechende Informationen vorliegen. Und wenn nicht, dann muss man das auch sagen. Das Ziel dabei ist, die Krise zu überstehen und die Gesundheit der Menschen zu wahren.

Wäre es nicht jetzt umso wichtiger, die jungen Leuten Medienkompetenz als Unterrichtsfach in der Schule zu lehren?
Gollinger: Ja, natürlich. Ich denke, punktuell ist das ja bereits der Fall. Aber den jungen Menschen Einordnungsmöglichkeiten für den Umgang mit Medien mitzugeben, halte ich für äußerst zielführend. Die Angebote der Medienwelt war noch nie so breit angelegt. Das kann ein Maximum an Information bringen. Das kann aber auch an die Grenze der Übersichtlichkeit geraten und Unsicherheit auslösen. Damit entsprechend umzugehen, sollte man die Jugend vorbereiten.

Was raten Sie einer jungen Journalistin oder einen jungen Journalisten?
Gollinger: Mit Leidenschaft und Freude in den Beruf einzusteigen, sich von ihrem Grundgefühl leiten zu lassen. Und sich nicht zu verbiegen. Das Ziel ist, für die Konsumenten mit Kompetenz und Anstand seriöse Informationen aufzubereiten.

Sie treten nach einem bewegten Leben im Rampenlicht ihren Ruhestand an. Wie ruhig wird dieser Ruhestand?
Gollinger: Es wird eine neue Zeit, die mir mehr Flexibilität bei der Gestaltung einräumt. Und das möchte ich nützen: beim Laufen, beim Wandern, beim Lesen, beim Jagen, im Wald, am Berg, im Theater (die Hoffnung lebt!), im Kaffeehaus, bei Freunden, bei der Familie – vor allem meinen drei Enkerln Sarah, Pippa und Johannes.