Ulrike Prommer: „Jeder Dritte studiert an FH“

Ulrike Prommer, neue Präsidentin der Fachhochschulkonferenz, über ihre neue Aufgabe, die Ziele für den aufstrebenden Bildungssektor und die Herausforderungen der Pandemie-Zeit.

Erstellt am 01. Dezember 2021 | 05:35
Lesezeit: 5 Min
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Bunt wie die Bildungslandschaft der 21 österreichischen Fachhochschulen ist das Bild im Büro der neuen FHK-Präsidentin Ulrike Prommer in ihrem Büro an der IMC FH Krems.
Foto: Martin Kalchhauser

Als erste Frau an der Spitze der Fachhochschulkonferenz (FHK) vertritt Ulrike Prommer, Geschäftsführerin der IMC FH Krems, seit Kurzem die 21 FHs Österreichs.

NÖN: Was bedeutet die neue Funktion als Präsidentin? Was ist Ihr Aufgabengebiet?
Ulrike Prommer: Die FHK ist eine Interessensgemeinschaft der 21 österreichischen Fachhochschulen. Die Präsidentschaft ist eine ehrenamtliche Funktion, und die wichtigste Aufgabe ist, die Fachhhochschulen gegenüber den anderen Stakeholdern (Personen, Gruppen oder Institutionen, die an den Aktivitäten eines Unternehmens Interesse haben, Anm.) zu vertreten.

Wie intensiv ist die zeitliche Herausforderung in der neuen Funktion? Ist das mit den Aufgaben in Krems gut vereinbar?
Prommer: Mein Vorgänger Raimund Ribitsch von der FH Salzburg hat bei der Übergabe zu mir gesagt: „Herzliche Gratulation zum Knochenjob!“ Es ist sicher eine Aufgabe, die fordert. Einen Tag in der Woche werde ich im Schnitt für die Fachhochschulkonferenz tätig sein. Ich habe die Aufgabe vor der Wahl mit meinen Gremien abgestimmt, und wir haben uns einen Modus überlegt, wie wir das auch gut schaffen werden. Aber ich bin Geschäftsführerin der IMC FH Krems – und ich bleibe das auch.

Frauen in Forschung und Lehre sind keine Besonderheit. Als Geschäftsführerin waren Sie in Krems 2009 noch eher allein auf weiter Flur. War das eine besondere Herausforderung?
Prommer: Es ist schon immer eine Herausforderung, wenn man als Frau eine Führungsfunktion übernimmt. Und ich glaube auch, dass es – leider! – noch immer keine Selbstverständlichkeit ist. Es ist mir auch ein besonderes Anliegen, dass ich Frauen Mut mache, in die Führung zu gehen. Im Fachhochschulsektor sind 50 Prozent der Absolventen Frauen, aber in den Vorstandsetagen sind es noch keine 50 Prozent. Und ich denke, da kann man mit einer Rolle, die man hier übernimmt, auch Mut machen.

Ist das Studieren nicht ohnehin schon „weiblich“?
Prommer: Wir haben in Krems 70 Prozent Frauen, aber im Schnitt sind es an den FHs österreichweit rund 50 Prozent, die das Studium abschließen. Die werden in der Wirtschaft ankommen!

Wie ist das jetzt in der „Pionierrolle“ als erste Frau an der Spitze der FHK?
Prommer: Bei der Wahl war das überhaupt kein Thema. Da ist der Fachhochschulsektor sicher sehr offen und sogar ein Vorreiter. Wichtig ist hier, dass man Erfahrung mitbringt. Ich habe die Fachhochschulen von der Gründung an miterlebt, und ich glaube, wir sind jetzt erwachsen. Ich denke, das ist eine wichtige Erfahrung, die ich einbringen kann.

War die erfolgreiche Performance der IMC FH Krems ausschlaggebend für Ihre Wahl?
Prommer: Die 21 FHs sind sehr unterschiedlich – von kleinen mit 300 Studierenden bis zu großen mit 7.000. Die Kremser FH ist sicherlich von der Größe her im Mittelfeld, aber sehr international ausgerichtet. Für die Wahl war das sicher nicht ausschlaggebend.

Eines Ihrer Ziele sind die Verbesserungen der Rahmenbedingung für die Arbeit der Fachhochschulen. Was konkret sind Ihre Wünsche?
Prommer: Der erste Punkt ist für mich eine Entbürokratisierung. Die Fachhochschulen wurden mit einem schlanken Rahmengesetz gegründet. Das wurde immer umfangreicher. Es wäre an der Zeit, das Gesetz zu ändern. Zum Beispiel bei der Programmakkreditierung: Wir müssen für jede Änderung in den Studiengängen ein aufwendiges Verfahren durchführen. Ich glaube, das könnte man verschlanken. Das zweite wichtige Anliegen: In den Fachhochschulen gibt es Forschung und Lehre. Da fehlt eine nachhaltige Finanzierung der Forschungstätigkeit, damit wir auch Phasen zwischen einzelnen Projekten überbrücken können.

Wenn Sie nach drei Jahren auf ihre Periode zurückschauen: Was würden Sie gerne erreicht haben?
Prommer: Für mich ist die Stärkung des Fachhochschulsektors in seiner Gesamtheit wichtig – sowohl in der Qualität als auch in der Quantität. Auch mehr Studienplätze ist ein Ziel. Der Sektor kann und soll noch wachsen. Natürlich geht das nur in einer sehr intensiven Kommunikation mit den Stakeholdern und Interessensgemeinschaften.

Die FHs werden, vor allem vonseiten der Universitäten, noch immer als „Schmalspur-Studieneinrichtungen“ belächelt. Ich nehme an, Sie sehen das anders …
Prommer: Es gibt in Österreich eben den Universitäts- und den Fachhhochschulsektor. Ich will da nicht unterscheiden in „besser“ und „schlechter“. Jeder hat seine Stärken. Die Fachhochschulen sind der zweitgrößte Sektor. Jeder dritte Studierende entscheidet sich für eine FH. Und die Beschäftigungsquote der Absolventinnen und Absolventen in unserem Bereich liegt bei 98 Prozent. Die Zahlen zeigen, dass dieser Sektor erfolgreich ist.

Heißt das, eine FH-Ausbildung ist die optimale Vorbereitung auf den Berufsalltag?
Prommer: Auf jeden Fall, ja. Das Grundziel der FH ist eine praxisorientierte Ausbildung auf Hochschulniveau. Die meisten Absolventinnen und Absolventen sind sehr gefragt und bekommen einen adäquaten Job.

Sie sind Absolventin einer Universität. Würden Sie heute eher eine FH besuchen?
Prommer: Ich würde einen Mix machen. Ich würde eine FH besuchen, dann vielleicht einen Master im Ausland. Ich bin ein Fan davon, dass man internationale Erfahrungen machen kann. Ich würde die „Bologna-Struktur“ jedenfalls nutzen. Das war, als ich studiert habe, leider noch nicht möglich.

Was ist in nächster Zukunft an der IMC FH Krems geplant? Ist (auch räumlich) noch Wachstum möglich?
Prommer: Wir wollen wachsen – Sie schauen direkt auf eine Baustelle, wo wir 2023 Räumlichkeiten dazubekommen. Derzeit streben wir eher einen Ausbau bestehender Studiengängen an, zum Beispiel in der Biotechnologie und in den Gesundheitswissenschaften, wo wir sehen, dass hier noch ein Wachstum möglich ist.

Die FH Krems ist „corona-erprobt“. Wie läuft der Betrieb?
Prommer: Der Betrieb läuft „mit Vollgas“, auch wenn man das vielleicht nicht so sieht. Alle Lehrveranstaltungen, die online möglich sind, wurden auf online umgestellt.

Im vergangenen Jahr war man stolz darauf, dass es bei den Studenten keine „Verluste“ gab. Ist das diesmal auch wieder zu schaffen?
Prommer: Hut ab vor den Studierenden, die unter diesen Rahmenbedingungen abschließen! Das ist sicher eine Challenge. Es schaut gut aus, dass auch heuer wieder alle Studierenden ihre Ausbildung abschließen können. Wir tun unser Möglichstes, aber es ist auch für das Team der Lehrenden eine enorme Herausforderung. Die nötige Flexibilität braucht viel Energie. Wir sind aber zuversichtlich, dass wir das Sommersemester mit sehr viel mehr Präsenz schaffen können.