Liturgische Bewegung: Nur wer selbst brennt, kann andere entzünden

Erstellt am 06. Mai 2022 | 05:35
Lesezeit: 6 Min
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Der Direktor des Pius Parsch-Instituts Chorherr Andreas Redtenbacher.
Foto: Hornstein
Die NÖN sprach zum Anlass von 100 Jahren Liturgischer Bewegung mit dem Leiter des Pius Parsch-Instituts, dem Klosterneuburger Andreas Redtenbacher.
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Am 25. Mai 1922 feierte der Chorherr und Liturgie-Reformer Pius Parsch die erste Gemeinschaftsmesse in St. Gertrud. Der Klosterneuburger Liturgiewissenschaftler Andreas Redtenbacher erläutert das Wirken des wohl berühmtesten Klosterneuburger Chorherren.

NÖN: Was geschah vor 100 Jahren?

Andreas Redtenbacher: Genau am Christi Himmelfahrtstag 1922 hatte der Klosterneuburger Chorherr Pius Parsch in St. Gertrud in der Leopoldstraße das erste Mal eine Messe mit aktiver Beteiligung des Volkes gefeiert.

Alles was der Priester nicht auf Latein betet und spricht, galt als ungültig. Es war also gar nicht möglich, dass ein Laie offiziell die Lesung gelesen hätte.

Warum war das bahnbrechend?

Das gab es vorher nicht. Wir hatten 400 Jahre davor, seit dem Konzil von Trient, das von Rom zentral verfasste Messbuch, das von Papst Pius V. für die Weltkirche verbindlich erklärt wurde. Damals ein Novum in der gesamten Liturgiegeschichte, denn nie zuvor in der Geschichte wurde von Rom die Liturgie zentral normiert.

Was war jetzt schlecht daran, warum wollte Parsch die Liturgie verändern?

Das tridentinische Messbuch hatte eine Messform festgeschrieben, die eigentlich aus der Privatmesse des einzelnen Priesters des Hochmittelalters hervorgegangen ist. Der Priester musste die Gemeinde ersetzen, die Texte der Rollenträger, die Lesungen, die Gesänge – das alles musste in einem Buch festgeschrieben werden, damit der Priester alleine eine gültige Messe feiern konnte. Auch ohne Volk.

Das hat die Besucher von der Messe ausgeschlossen…

Ja, in der Sprache Latein, die das Volk nicht verstanden hat, der Priester mit dem Rücken zum Volk, die alleinige Zuständigkeit des Zelebranten. Alles was der Priester nicht auf Latein betet und spricht, galt als ungültig. Es war also gar nicht möglich, dass ein Laie offiziell die Lesung gelesen hätte. Eine völlige Fokussierung auf den Priester. Das Volk war eigentlich nur Zuschauer.

So hat Pius Parsch die „Demokratie“ in den Gottesdienst gebracht?

Es gab tatsächlich im Jahr 1909, als die Liturgische Bewegung schon Vorformen annahm, in Belgien einen Katholikentag, bei dem ein belgischer Benediktiner gefordert hat: „Democratiser la Liturgie“ und meinte damit: Die Liturgie dem Volk zurückzugeben. Das Ziel der Messe ist aber nicht einfach nur die Wandlung von Bort und Wein, sondern die Verwandlung der Menschen und der Gemeinde durch die Kommunion.

Das letzte Abendmahl ist ja die Urform der Hl. Messe. Was hat damals eigentlich Jesus gewollt? Ist das nicht eine Fehlentwicklung gewesen, wie man früher die Messe gefeiert hat?

Im Kern blieb schon das erhalten, was Jesus gemeint hat. Aber der Vollzug war so, dass man das eigentlich nicht mehr wirklich alles verstanden hat. Jesus hat ja mit den Aposteln am Tisch des Abendmahlsaals gefeiert, und hat seinen Leib und sein Blut zur Nahrung, als „Lebensmittel“ des Christen, gegeben. Das heißt: Tod und Auferstehung – wenn Sie so wollen – das Opfer Christi, ist in der Gestalt des Mahles uns übergeben worden. Wir nehmen durch das Mahl Anteil daran. Das alles ist natürlich nicht mehr sichtbar, wenn der Priester ganz alleine mit dem Rücken zum Volk feiert. Da ist der Sinn der Eucharistie nur sehr rudimentär erfahrbar.

Die liturgische Bildung im Sinne von Pius Parsch ist aktuell wie nie und Gebot der Stunde.

Wie kam Parsch überhaupt dazu, die Messe auf ihre Ursprünge zurückzuführen?

Dazu kam er unter anderem auch, weil er entdeckt hatte, dass die Leute die Messe und die gesamte Liturgie nicht mitvollziehen können. Aber davor lag sein eigenes Bemühen, den Gottesdienst aus seinem geschichtlichen Werden heraus zu verstehen. In früheren Etappen war das ja sichtbarer, was eigentlich gemeint war. Daraus ergibt sich, dass das Tiefenverständnis des Gottesdienstes von Parsch neu aus dem geschichtlichen Werden her erhoben und neu durchbuchstabiert wurde. Es geht nicht nur um den äußeren Ritus, sondern auch um das theologische Verständnis. Parsch war bekannt dafür, dass er das auch sehr gut vermitteln konnte. Da war er bedeutend weiter, als wir heute in unseren Gemeinden.

Diese Reform hat klaglosgeklappt?

Die Einführung und Hinführung in den Geist der Liturgie, das Anliegen der liturgischen Bildung der Gemeinde und auch der Priester und Bischöfe – auf das wurde nach der Einführung der deutschen Sprache leider vergessen. Das war ein Fehler. Die liturgische Bildung im Sinne von Pius Parsch ist aktuell wie nie und Gebot der Stunde. Parsch stellt eine Sinnreserve für die heutige Kirche dar, die neu auszuschöpfen ist. Es ist wichtig, dass sein gesamtes Lebenswerk heute in einem neuen Kontext wieder zu uns sprechen kann, wie Kardinal Ratzinger einmal schrieb.

Hat das nicht in den konservativen Kreisen der Kirche Unmut und Widerstand ausgelöst?

Es gab schon lang vor dem Konzil ein Ringen um die liturgische Bewegung. Wie das immer bei Erneuerungswellen ist – sie müssen sich erst langsam durchsetzen. Es war die Liturgietheologie, die in der liturgischen Bewegung und von Parsch neu freigelegt wurde, vom Konzil übernehmen und zum liturgischen Bewusstsein der Weltkirche zu machen.

Liegt nicht auch eine Gefahr darin, dass man mit dem Versuch, die Messe dem Volk näher zu bringen, in die Banalität abrutschen könnte?

Das Stichwort Banalität ist hier ganz wichtig. Wenn ich den religiösen Sinn der Liturgie nicht wirklich mit vollziehe, dann entgleitet der Gestaltungswille. Dann kann schon sein, dass die erneuerte Form, auch dort und da in Banalität abgleitet. Darum ist die liturgische Bildung, die Parsch ja so forciert hat, so wichtig, damit genau das nicht passiert.

Jetzt hat die Einführung der neuen Liturgieform doch sicher die Menschen in die Kirche gebracht. Wie glauben Sie, kann man heute die Menschen in die Kirche bekommen?

Ich erinnere mich an meine eigenen Kindheits- und Jugendtage. Ich selber hab noch als Ministrant die tridentinische Messe gelernt. Ich erinnere mich an den ungeheuren Aufbruch, als die neue Liturgieform offiziell wurde. Aber es war auch damals schon absehbar, dass die Säkularisierung der Gesellschaft rasant weitergehen würde. Ich möchte aber nicht wissen, wie die Kirche ausschaut, hätte es die Liturgiereform nicht gegeben. Ich beobachte dort, wo tatsächlich der Geist der Liturgie im Gottesdienst gelebt wird, dort wo die Feier gottvoll, erlebnisstark und beheimatend ist, dort sind Gemeinden auch heute lebendig. Ein Zitat vom heiligen Augustinus – „Nur wer selbst brennt, kann andere entzünden“ – hat Parsch sehr oft verwendet. Es gilt vor allem für die Liturgie.

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