Klosterneuburg, die Stadt zwischen zwei (Bundes-)Ländern

Sieben selbstständige Gemeinden, dann 26. Bezirk von Groß-Wien, hin zur drittgrößten Stadt Niederösterreichs.

Erstellt am 05. Januar 2022 | 05:02
Lesezeit: 4 Min

Am 1. Jänner 1922 trat das sogenannte „Trennungsgesetz“ in Kraft, wodurch Niederösterreich die vollständige Souveränität als Bundesland erhalten hat. Niederösterreich feiert somit am 1. Jänner 2022 seinen 100. Geburtstag. Aber wie erging es der Babenbergerstadt in den letzten 100 Jahren seiner Geschichte?

Wesentliche Projekte schon in den 1920ern

Schon drei Jahre vor der Geburtsstunde des Bundeslandes, wurden in Klosterneuburg die ersten Gemeinderatswahlen durchgeführt. Die Sozialdemokraten errangen mit 20 Mandaten die Mehrheit.

Aber auch Klosterneuburg war von den Auflösungserscheinungen des zerfallenen Vielvölkerstaates geprägt. So waren zunächst die Gemeinderäte mit der dramatischen Versorgungslage der Bevölkerung beschäftigt.

Dennoch konnten im ersten Jahrzehnt nach dem Ersten Weltkrieg wesentliche Projekte durchgeführt werden: Ausbau des städtischen Krankenhauses, Modernisierung des Elektrizitätswerkes, die Restaurierung der Schulgebäude und die Errichtung des Klosterneuburger Strandbades. Schließlich wurde 1929 die Trinkwasserversorgung durch den Anschluss an die Wiener Hochquellen-Wasserleitung gesichert.

Doch die Zeiten waren denkbar schlecht. Wirtschaftskrise, Arbeitslosigkeit und die Verelendung breiter Bevölkerungsschichten prägten diese Epoche der Stadt. Der Nährboden für die politische Wende nach rechts.

1922 besetzte eine Koalition aus Christlichsozialen und Großdeutschen sogar das Bürgermeisteramt. Schon 1924 zog die NSDAP in das Gemeindeparlament ein. Die Nationalsozialisten agierten gewalttätig. So überfielen sie 1924 ein Arbeitersportfest der Sozialdemokraten. Fazit: elf Verletzte.

Die Stadt wird autoritär geführt

Im März 1933 schaltete Bundeskanzler Engelbert Dollfuß das Parlament aus. Der Startschuss für die 1934 installierte Diktatur des Ständestaats. Dies veränderte auch die Struktur des Klosterneuburger Gemeinderats. Auch Klosterneuburg wurde nunmehr autoritär geführt, den sozialdemokratischen Gemeinderäten wurde ihr Mandat aberkannt, Bürgermeister Wilhelm Knottek und sein Vize Ochsner verhaftet. Die Errichtung der Rollfähre und der Start zum Bau der 1940 fertiggestellten Höhenstraße waren die einzig erwähnenswerten kommunalen Leistungen dieser Zeitspanne.

Schließlich wurde Österreich 1938 kampflos von den deutschen Truppen eingenommen. Auch Klosterneuburg begrüßte das mit frenetischem Jubel. Am Rathausplatz, mit einem Fackelzug. Wie überall in Österreich wurden auch in Klosterneuburg die führenden Funktionäre der früheren Parteien aus ihren Heimen geholt, eingesperrt oder in ein Lager gebracht. Bilddokumente zeigen deutlich, dass auch in der Babenbergerstadt Juden zu erniedrigenden Tätigkeiten gezwungen wurden.

Klosterneuburg verlor seine Selbstständigkeit völlig. Maria Gugging, Höflein, Kierling Klosterneuburg, Kritzendorf, Weidling und Weidlingbach wurden am 15. Oktober 1938 als 26. Bezirk nach „Groß-Wien“ eingegliedert. Wieder unter großem Jubel der Klosterneuburger.

Die Repressalien gegen die die jüdische Bevölkerung wurden in der Stadt immer stärker und gipfelten in der Vernichtung der Kosterneuburger Synagoge, die in der Reichskristallnacht von „jugendlichen Elementen“ in Brand gesteckt und verwüstet wurde. Von 300 Personen der jüdischen Gemeinde kamen nur wenige zurück. Das Stift Klosterneuburg wurde am 30. April 1941 enteignet und aufgelöst.

Noch bis 1954 von Wien regiert

Die Kämpfe zum Kriegsende 1945 hin, richteten auch in Klosterneuburg umfangreiche Schäden an. Im Frühjahr 1945 rückten die sowjetischen Truppen über Maria Gugging und Kierling nach Klosterneuburg vor.¨In der Besatzungszeit setzten die Sowjets den Kommunist Matyus als Stadtoberhaupt ein. Am 1. April 1946 wurde von der NÖ Landesregierung eine provisorische Gemeindevertretung eingesetzt. Laurenz Strebl wurde von dieser zum Bürgermeister gewählt.

Noch bis 1954 wurde Klosterneuburg von Wien regiert. Erst danach kam es zur Rückgliederung nach Niederösterreich. Aber nicht in derselben Form wie vor 1938. Der NÖ Landtag beschloss mit Gesetz vom 13. Juli 1954: „Die gesamten Gebietsteile der ehemalig selbstständigen Gemeinden (...) werden der wieder errichteten Großgemeinde Klosterneuburg eingegliedert.“ Dies führte bei den früher selbstständigen Gemeinden, natürlich zu Protesten.

Doch die Katastralgemeinden waren gegründet und somit der Aufstieg Klosterneuburgs zu drittgrößten Stadt Niederösterreichs. Mit dem Staatsvertrag 1955 endete auch die Besatzungszeit der Russen in Klosterneuburg. Der politische Bezirk „Wien Umgebung“ mit Sitz in Wien wurde 1956 gegründet.

Start des infrastrukturellen Ausbaus

Die in den 60er und 70er Jahren besonders hohe Zuwanderung und die damit verbundene Bautätigkeit sollte den Charakter und das Erscheinungsbild Klosterneuburgs in wenigen Jahren entscheidend verändern – nicht immer zu seinem Vorteil. In diesen Jahren wurden aber auch Meilensteine der Klosterneuburger Bauaktivitäten gesetzt: Die Pionierkaserne wurde abgerissen und Wohnungen gebaut, 1962 der Bau des Amtshauses am Rathausplatz, 1969 die Babenbergerhalle fertiggestellt, Ende der 70er Jahre das „Happyland“ erworben.

Der starke Bevölkerungszuwachs brachte aber rasch ein infrastrukturelles Problem zutage. So konnte der Bedarf an Wasser nicht mehr durch Wien gedeckt werden. Es wurde entschieden, den steigenden Bedarf aus dem Klosterneuburger Umland zu decken. Mit dem steigenden Wasserverbrauch stiegen aber auch die häuslichen und gewerblichen Abwässer.

Eine Mitte der 60er Jahre in Betrieb genommenen Kläranlage in der Schüttau, die 1989 vollbiologisch nach dem letzten Stand der Technik ausgebaut wurde, war notwendig geworden. Dem Müllproblem wurde man mit der 1990 errichteten Recyclinganlage Herr.

Der Bevölkerungszuwachs brachte aber ein weiteres Problem zutage: der Verkehr. Der Bau der B 14 in den 70ern, die heute aufwendig saniert werden muss, aber vor allem die für den Verkehr 2008 freigegebene Umfahrungsstraße brachte hier Erleichterung.

Die Auflösung des Bezirks Wien-Umgebung mit Klosterneuburg als Bezirkshauptstadt mit Jahresbeginn 2017 traf die Klosterneuburger hart. Die Stadtgemeinde Klosterneuburg wurde dem Verwaltungsbezirk Tulln zugeordnet und verlor ihren Status als Bezirkshauptstadt.

Als kleines Trostpflaster erkämpfte Bürgermeister Stefan Schmuckenschlager ab April 2020 für die Klosterneuburger ein eigenes Kfz-Kennzeichen: „KG“.

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