Odyssee nach Autounfall. Der Journalist Franz Fluch schreibt in "Schwarzbuch Versicherungen" von fünf Unfallopfern, denen Schadenszahlungen verwehrt werden. Eine davon ist Rosina Toth.

Von Claudia Wagner. Erstellt am 15. Mai 2015 (07:05)
Rosina Toth und ihr guter Freund Harald Cibusch bei der Buchpräsentation »Schwarzbuch Versicherungen« von Franz Fluch.
NOEN, Wagner
„Hab’ einen schönen Tag und eine gute Zeit“, grinst Rosina Toth über beide Ohren. Lebensfroh und glücklich sind Worte, die wie angegossen auf die Kierlingerin passen. Dass die 50-Jährige an ihrer positiven Einstellung festhalten kann, grenzt an ein Wunder. Denn das Schicksal hat der Klosterneuburgerin übel mitgespielt.

2009 war die Judo-Staatsmeisterin auf dem Heimweg von Tulln, als ein alkoholisierter Lenker ungebremst ihren Fiat Panda rammte. Toth fiel in Ohnmacht. Als sie wieder zu sich kam, erbrach sie sich mehrmals – beides sind Symptome für ein Schädel-Hirn-Trauma. Die schwer verletzte Kierlingerin wurde mit dem Hubschrauber in das Lorenz-Böhler-Unfallkrankenhaus geflogen – mit Schleudertrauma und Wirbelsäulenverletzungen.

Sechs Jahre nach Unfall noch Beschwerden

Toth erholte sich, genesen ist die Klosterneuburgerin jedoch nicht. Sie hat sechs Jahre nach dem Unfall noch mit Gleichgewichtsstörungen, Schwindelattacken, Sehstörungen und fast ständigen Kopfschmerzen zu kämpfen. Der Rollstuhl ist zum täglichen Begleiter der Kierlingerin geworden.

Die wahre Odyssee begann für die ehemalige Leistungssportlerin aber erst nach dem Unfall. Als sie um Versehrtenrente ansuchte, musste sie sich von einem Gutachter zum nächsten schleppen. Eine Untersuchung beim Psychiater blieb Toth besonders in Erinnerung. „Ich wollte aufstehen, bin umgefallen, habe dort auf den Boden gekotzt. Und er hat gesagt, ich soll da nicht herumsimulieren, das ist alles ein Theater, was ich aufführe, während ich am Boden in meinem Erbrochenen lag“, kämpft die sonst so lebensfrohe Frau mit den Tränen.

Auch andere Gutachter suchte Toth auf. Einer hat bei ihr eine 30-prozentige Berufsunfähigkeit festgestellt. Damit hätte die Geschädigte Anspruch auf Versehrtenrente. Das Gutachten wurde aber zurückgezogen. Bewusstlosigkeit und Schädel-Hirn-Trauma, die im Flugrettungsprotokoll dokumentiert sind, fehlen ebenfalls in der Verletzungsanzeige, die dem Strafakt beiliegt.

„Unfallopfer bekommen gar nichts, außer einen Tritt in den Hintern. Sie werden zu Verbrechern gemacht.“
Manfred Müller-Kortkamp, HNO-Arzt aus Deutschland

Von einem weiteren Verstoß erzählt Anwalt Herbert Pochieser, der Toth seit Kurzem vertritt: „Der Richter hat auf ein verkehrstechnisches Gutachten verzichtet, mit der Begründung, dass er dreißig Jahre Berufserfahrung hat. Das darf er nicht.“

Das Urteil hat der Richter aber trotzdem getroffen: Das Unfallauto sei nicht so sehr beschädigt gewesen, also müsse der Unfall „harmlos“ gewesen sein. Die Verletzungen können daher nicht vom Aufprall kommen, fällte der Richter das Urteil. Also wurde Toth als Simulantin abgestempelt. Auf Versehrtenrente wartet sie heute noch.

Die Kierlingerin ist aber nicht die Einzige, die von so einer Leidensgeschichte berichten kann. Der Wiener Journalist Franz Fluch hat sich mit hundert solcher Geschehnisse beschäftigt. In seinem neu erschienen Werk „Schwarzbuch Versicherungen“ deckt er die Fälle von Rosina Toth und vier weiteren Unfallopfern auf.

Außerdem hat der Autor die Parlamentarische Bürgerinitiative für Unfallopfer gegründet, um ihnen eine „faire Chance zu geben, um zu ihrem Recht zu kommen“. Im In- und Ausland hat Fluch viele Anhänger gefunden. So auch den deutschen HNO-Arzt Manfred Müller-Kortkamp. „Unfallopfer bekommen gar nichts, außer einen Tritt in den Hintern. Sie werden zu Verbrechern gemacht“, hat er selbst erlebt. Auch das Kierlinger Unfallopfer hat der Deutsche untersucht. Die neuen Gutachten und die Bürgerinitiative geben Toth Kraft. Für sie ist der Kampf gegen die Versicherung noch nicht zu Ende.