Für die Wissenschaft: Die Virenküche in Maria Gugging brodelt

Erstellt am 30. Juli 2022 | 05:38
Lesezeit: 4 Min
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Die Viren werden von Flávia Leite und Mark Smyth vom Virus Services Team im hauseigenen Labor herangezüchtet und später für die Forschung genutzt.
Foto: ISTA, Rouven Schulz
Viren, die im Labor erforscht werden, werden am ISTA-Campus in der hauseigenen Abteilung herangezüchtet – das ist einzigartig. Und: „Es ist wie Kochen, nur mit Viren.“
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Infiziert für die Wissenschaft: Viren sind erstaunliche kleine Maschinen, die Dinge tun können, die sonst niemand tun kann. Am ISTA werden sie als Werkzeug für die Forschung genutzt.

„Im Labor der Virus Services verwenden wir modifizierte Viren, die nicht mehr gefährlich sind.“ Flávia Leite, Virenexpertin am ISTA

Es gibt eine Unzahl verschiedener Viren: Von Erkältungsviren über HIV oder dem bekannten Coronavirus bis hin zu vielen anderen, die beim Menschen überhaupt keine Krankheiten verursachen. Die Größe der Partikel reicht von einigen Dutzend Nanometern – einem Millionstel Millimeter – bis zu mehreren hundert Nanometern.

Die meisten sind kleiner als die kürzeste Wellenlänge des sichtbaren Lichts (violett mit etwa 380 Nanometern) und dennoch sind sie rund um den Globus enorm erfolgreich: Ihre Fähigkeiten, die über Jahrmillionen an Evolution verfeinert wurden, machen sich die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zunutze, wenn sie Viren als ihre winzigen Helferlein im Labor einsetzen.

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Mit Lentivirus infizierte Mikrogliazellen von Doktorand Rouven Schulz. Die Viren werden von Flávia Leite und Mark Smyth vom Virus Services Team im hauseigenen Labor herangezüchtet und später für die Forschung genutzt.
Foto: Foto ISTA, Rouven Schulz

„Vereinfacht gesagt besteht ein Viruspartikel aus einer äußeren Proteinhülle, die manchmal von einer zusätzlichen Hülle aus Fetten umhüllt ist, und dem viralen Genom, das beschreibt, wie man mehr davon herstellen kann“, erklärt Flávia Leite, Virenexpertin am ISTA, „im Labor der Virus Services verwenden wir modifizierte Viren, die nicht mehr gefährlich sind. Anstelle ihres ursprünglichen genetischen Materials tragen sie ein gewünschtes Gen in die Zellen, die sie infizieren. Dort kann es dann auch in den genetischen Code einer infizierten Zelle eingebaut werden.“

Tollwut, HIV und Co.

Das veränderte Virus breitet sich nicht weiter aus, sodass es in Experimenten sicher gehandhabt werden kann. Mark Smyth, ein weiterer Experte im Virus Services Team, erklärt: „Es ist wie Kochen, nur mit Viren.“ Und: „Wir verwenden verschiedene Arten von Viren. Forscherinnen und Forscher verwenden zum Beispiel Adeno-assoziierte Viren, um die Zielzellen dazu zu bringen, grün fluoreszierendes Protein (GFP) zu produzieren.“

Adeno-assoziierte Viren sind besonders nützlich, weil die verschiedenen Virentypen auf unterschiedliche Arten von Gehirnzellen abzielen. Ein weiterer Virustyp, den das Team von Virus Services anfertigt, heißt Lentivirus und er enthält das menschliche Immunschwächevirus (HIV). Die dritte von Virus Services hergestellte Art ist das Tollwutvirus. Während es in seiner natürlichen Form sehr gefährlich ist, kann es im Labor helfen, Verbindungen im Gehirn zu kartieren.

Das erst 2019 gegründete Virus Services Team hat sich zu einem wichtigen Partner für die experimentellen Biologinnen und Biologen am ISTA entwickelt. „Es ist nicht üblich, eine solche Einrichtung im Haus zu haben, und im Raum Wien sind wir die einzige“, bemerkt Leite, „normalerweise werden solche Arbeiten an Unternehmen ausgelagert. Da sie aber am ISTA Campus durchgeführt werden, können wir eng mit den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern zusammenarbeiten.“

Tierwohl im Fokus

Und das wird mit Tierversuchen ermöglicht: „Grundlegende Prozesse etwa in den Bereichen Neurowissenschaften, Immunologie oder Genetik besser verstehen zu können, ist der Einsatz von Tieren in der Forschung unerlässlich“, heißt es seitens des ISTA.

Keine anderen Methoden, etwa in-silico-Modelle, können als Alternative dienen. Die Tiere werden gemäß der strengen gesetzlichen Richtlinien aufgezogen, gehalten und behandelt. Alle tierexperimentellen Verfahren sind durch das Wissenschaftsministerium genehmigt.

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