Obdachlos in Klosterneuburg: Ein Leben unter freiem Himmel

Weihnachten bei Minusgraden: Stefan ist obdachlos. Die NÖN sprach mit ihm.

Erstellt am 29. Dezember 2021 | 05:55
Lesezeit: 3 Min
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Stefan, Alex und Meppy (v.l.) feierten das Weihnachtsfest zusammen unter freiem Himmel. Sie sind drei Obdachlose, die in Klosterneuburg in der Au ihr Quartier aufgeschlagen haben.
Foto: Foto Hornstein

Sein Name ist Stefan. Sein Dach über dem Kopf ist zurzeit der Sternenhimmel Klosterneuburgs. Mit zwei Freunden hat er sich in der Au, gleich neben der Donau, ein Quartier gemacht. Rund um eine Feuerstelle sind drei Zelte aufgebaut.

Gleich neben dem Feuer steht eine alte Badewanne. Erhöht, um darunter im Bedarfsfall Feuer zu machen. „Hier baden und waschen wir uns mit warmem Wasser unter freiem Himmel. Es gibt nichts Schöneres“, beteuert er.

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„Ich habe freiwillig diese Art zu leben gewählt, aus keiner direkten Not heraus. Ich sehe gern den Sternenhimmel, liebe ganz einfach die Natur. Das bedeutet für mich Freiheit.“

Stefan ist 36 Jahre alt. Er ist das, was man landläufig unter einem Obdachlosen versteht. Mit kleinen Unterbrechungen lebt er dieses Leben unter freiem Himmel seit 20 Jahren.

Mit 18 Jahren ist der Oberösterreicher aus dem Innviertel nach Wien gekommen. „Da waren mir aber irgendwie viel zu viel Leute, alles war zu eng und zu viel Beton. Dann habe ich im Sommer diese Gegend hier entdeckt. Hier fühlen wir uns wohl“, wirkt Stefan begeistert.

Man hat nicht den Eindruck, dass man Stefan bedauern müsste. Er lebt sein Leben, mit allen seinen Entbehrungen, die er aber nicht nur als Entbehrungen sieht.

„Ich habe freiwillig diese Art zu leben gewählt, aus keiner direkten Not heraus. Ich sehe gern den Sternenhimmel, liebe ganz einfach die Natur. Ich leide nicht unter meiner Situation. Das bedeutet für mich Freiheit“, erzählt der gelernte Hafnergeselle munter drauflos. Früher sei er viel mit dem Rucksack unterwegs gewesen. Damals hätte er schon im Freien schlafen müssen, weil die Hotels zu teuer waren.

Tod des Stiefvaters als „Stich ins Herz“

Stefan ist als Pflegekind aufgewachsen. Seine wirklichen Eltern hat er nur ein paar Mal gesehen, und auch nur deshalb, weil er sie mit 14 Jahren über das Jugendamt ausfindig gemacht hat. Sie sind beide gestorben. Stefan: „Ich hatte nie einen so richtigen Bezug zu meinen wirklichen Eltern. Zu meinen Pflegeeltern habe ich Papa und Mama gesagt.“

Bei ihnen ist er wohl behütet aufgewachsen, hat eine Schulausbildung und eine Lehre absolviert. Und dann ist sein Stiefvater nach tragischer Krankheit gestorben. „Er war ein echter Workaholiker. Nur hackeln, hackeln und hackeln. Am Sterbebett hat er dann zu mir gesagt: Na ja Stefan, was bringt mir jetzt das ganze Geld? Ich hab ihn dann gesehen als Leiche, wie er so da gelegen hat. Nach einem Jahr Leukämie. Das war schon ein Stich ins Herz“, erzählt Stefan über den Grund, warum er dieses Leben gewählt hat.

Aber das alleine lässt er nicht als Grund gelten: „Ich war schon immer ein bisschen ein Außenseiter, war immer anders als andere. Ich glaube, ich bin eher ein Freigeist.“

„Wenn jetzt eine Frau in mein Leben käme, kann sie nur mein Herz lieben und nicht das, was ich habe.“

Stefan ist krank. Seine Diagnose: Zervikale Dystonie, eine Muskelnervenkrankheit. Deswegen bekommt er auch noch ein bisschen staatliche Zuwendung.

Aber viel ist es wirklich nicht. Deswegen holt er sich sein tägliches Essen aus den Containern der Supermärkte: „Es ist ein Wahnsinn, was die Supermärkte wegschmeißen. Wir haben vor kurzem eine ganze Gans gefunden. Die war sogar noch tiefgefroren. Die meisten Menschen arbeiten, weil sie es müssen, und nicht, weil es Spaß macht. Ich denke mir, das ist doch kein Leben!“

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Hier schläft Stefan. Auch bei Minusgraden. Mit einem Schlafsack, der nur die Augen frei lässt.
Foto: Hornstein

Psychisch geht es Stefan auch nicht immer blendend. Manchmal hat er so Tage, wo er ein bisschen depressiv ist, sagt er. Sehnt er sich nach einer Partnerschaft? „Wenn jetzt eine Frau in mein Leben käme, kann sie nur mein Herz lieben und nicht das, was ich habe.“

Den Klosterneuburger Bürgermeister hat er auch schon kennengelernt: „Er hat mich beim Holzholen angesprochen, mir seine Hilfe angeboten und mir einen Schlafsack gebracht.“

Und wie wird Weihnachten gefeiert? „Ich bin gläubig. Für mich bedeutet Weihnachten sehr viel. Immerhin ist es ja der Geburtstag von Jesus. Der Glaube hilft mir, keinen Hass auf Menschen zu haben. Wir feiern zu dritt und sitzen zusammen beim Feuer.“