90 Jahre Rotes Kreuz: Geburtstag mit Spendierhosen. Das runde Jubiläum feierten die Klosterneuburger Ersthelfer im Zeichen des Völkerrechts. Spenden für marokkanisches Frauenhaus.

Von Claudia Wagner. Erstellt am 25. September 2017 (16:43)

Für 90 – stellt Bezirksstellenleiter Thomas Wordie schmunzelnd fest – schauen sie noch sehr jung aus. Noch dazu, wenn man bedenkt, dass das Klosterneuburger Rettungswesen schon viel älter ist. Bereits 1882 wurden Bürger aufgerufen, dem „Löblichen Zweigverein des patriotischen Landeshilfsvereins der österreichischen Gesellschaft vom rothen Kreuze“ beizutreten, um verwundete Soldaten zu versorgen.

Die Sanitätsabteilung entstand 1901 als Teil der Feuerwehr. In den Anfängen rückten die Ersthelfer mit einem von Pferden gezogenen Rettungswagen oder dem Krankentransport-Fahrrad aus, ausgestattet mit einem Rettungskasten.

Weltkrieg: 15.000 Verletzte in der Stadt

Die Pflege der Kriegsversehrten nahm mit dem Ersten Weltkrieg neue Dimensionen an: 24 Stunden am Tag kümmerten sich die Rotkreuzler um die Verletzten, die in Zügen gebracht wurden. Die Stadt glich einem großen Feldlazarett: Im Jahr 1918 wurden in Klosterneuburg 125 Transporte mit 15.000 Verwundeten verzeichnet.

Nach dem Krieg widmet sich das Rote Kreuz dem Krankentransport: Ab 1922 übernahmen die Helfer nachts Fahrten für das Krankenhaus. Mit bereits 45 Jahren Erfahrung wurde der Dienst offiziell: Am 12. März 1927 wurde die Rotkreuz-Ortsgruppe Klosterneuburg gegründet.

Seit nunmehr 90 Jahren helfen die Klosterneuburger Rotkreuzler Menschen, die in Not geraten sind – Menschen wie Emmanuel Mbolela. Bei der Geburtstagsfeier im Raiffeisensaal erzählte der politische Flüchtling von seinem schweren Weg aus der Demokratischen Republik Kongo nach Europa. 2002 musste der Oppositionelle – nachdem er bei einer friedlichen Demonstration gewaltsam festgenommen wurde – aus seiner Heimat fliehen.

Das Exil führte Mbolela Richtung Marrokko, die Route war kein leichte. „Mitten in der Wüste hat der Fahrer uns im Stich gelassen und angewiesen, auszusteigen“, erinnert sich der Flüchtling. Stundenlang ging die Gruppe durch den Sand, ohne Ziel vor den Augen. Der Marsch war kräfteraubend, nach und nach brachen Schutzsuchende zusammen. Mbolela: „Ich hatte mein Land verlassen, um mein Leben zu retten und nun sollte ich es hier verlieren? Ich fühlte mich meines Lebens überdrüssig.“

RK Klosterneuburg unterstützt Frauenhaus in Marokko

Doch er schaffte es: Der endlos scheinende Fußweg führte Mbolela nach Marrokko, wo er vier Jahre lang an der Grenze zu Europa verharren musste – zwar mit offiziellem Asyl des UNHCR, jedoch ohne Rechte. Er durfte nicht arbeiten, keine Krankenhäuser besuchen.

„Besonders schlimm war es für Frauen, die von Polizisten vergewaltigt und als Zahlungsmittel für die Grenzüberquerung missbraucht wurden“, erzählt der Flüchtling. Die politische Erfahrung aus der Heimat regte den Kongolesen an, sich politisch zu engagieren. Mit einer Organisation gründete er ein Frauenhaus in Marokko.

Und das unterstützt auch das Rote Kreuz Klosterneuburg: Statt Geschenke zum 90er für sich selbst anzunehmen, sammelten die Helfer für das marokkanische Schutzhaus. Das Buch „Mein Weg vom Kongo nach Europa“ von Mbolela, der mittlerweile in Holland Asyl gefunden hat, ist gegen freie Spende beim Roten Kreuz erhältlich.

Meilensteine

  • Am 12. März 1927 wurde die Ortsgruppe des Roten Kreuzes in Klosterneuburg gegründet.
  •  Das erste Rettungsfahrzeug kann 1933 durch einen Spendenaufruf an die Bevölkerung angeschafft werden.
  •  1935 wird der Krankenhaus-Rettungsdienst eingestellt. Der Sanitätswagen wird dem Roten Kreuz zur Verfügung gestellt.
  •  Nach der Auflösung des ÖRK 1938 wird die Ortsgruppe unter Ludwig Rudicka, dem ersten Bezirkstellenleiter Klosterneuburgs, 1945 neugegründet.
  • 1972 bezieht das Rote Kreuz mit der Feuerwehr und der Gendarmerie das Einsatzzentrum in der Franz-Rumpler-Straße. 1980 übersiedelte das RK in die Hundskehle.
  • Der erste Ärzte-Notdienst NÖs wird 1975 an Wochenenden in Klosterneuburg umgesetzt.
  • Ab 1986 kann ein mobiles EKG verwendet werden, die Ärzte werden über ein Funkpagersystem alarmiert.
  • 1991 geht der erste Notarztwagen in Betrieb. 1993 übersiedelte das Rote Kreuz in die heutigen Räumlichkeiten.
  • 1999 wird der erste halbautomatische Defibrillator in Betrieb genommen, 2000 das erste Notruftelefon. 2001 wird das Kriseninterventionsteam gegründet, 2004 startet die Rot-Kreuz-Jugend.