Die 4 häufigsten Impfstoffmythen: Mediziner klären auf

Die Klosterneuburger Herbert Huscava und Markus Saleh– zwei renommierte Mediziner – erklären sich bereit, mit Corona-Impfmythen aufzuräumen.

Christoph Hornstein
Christoph Hornstein Erstellt am 29. September 2021 | 05:04
Klosterneuburg - Die 4 häufigsten Impfstoffmythen: Mediziner klären auf
Klären auf: Die wei renommierten Mediziner Herbert Huscava und Markus Saleh (v.l.)
Foto: Hornstein

„Tagtäglich sind wir mehr gefordert, unsere durch weit gestreute Fehlinformationen und durch abstruse Verschwörungstheorien total verunsicherten Patienten aufzuklären und zu beruhigen.“ Der renommierte Allgemeinmediziner Markus Saleh ist überzeugt, dass die mittlerweile weltweit sechmilliardenfach verabreichten Impfstoffe gegen COVID-19 sicher, wirkungsvoll und vor allem konkurrenzlos im Kampf gegen die Pandemie sind.

„Bei unklaren Problemen mit dem Auto fährt man ja auch zum Profimechaniker und bittet nicht Google um Hilfe.“Herbert Huscsava

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Klosterneuburg - Die 4 häufigsten Impfstoffmythen: Mediziner klären auf
Markus Saleh, Arzt für Allgemeinmedizin und Geriatrie, Weidling.
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Und Saleh weiter: „Während sich viele Patienten, die bereits vor über sechs bis sieben Monaten grundimmunisiert wurden die Dritt-Impfung/Auffrischungsimpfung in unseren Ordinationen holen, zaudern etliche Mitmenschen immer noch mit der Entscheidung einer Impfung gegen eine COVID-19-Erkrankung und sind oft auch durch plausible, faktenbasierte und wissenschaftliche Argumente einer Entscheidung pro Impfung nicht zugänglich.“

Der Ärztliche Direktor und Leiter Tagesklinik des Landesklinikum Klosterneuburg, Herbert Huscsava , appelliert dafür, den Arzt des Vertrauens um Rat zu fragen: „Angst und Fehlinformationen schüren die Unsicherheit in der Bevölkerung. Bei unklaren Problemen mit dem Auto fährt man ja auch zum Profimechaniker und bittet nicht Google um Hilfe.“

Das LK Klosterneuburg versorgt sowohl akut an COVID-19 erkrankte als auch post-COVID-Patienten. Dabei fordern das Tragen von FFP2-Masken und Schutzkitteln in der gesamten Dienstzeit, körperliche Belastung durch schwerfälliges Drehen der Patienten in die notwendige Bauchlage und die zusätzliche psychische Belastung durch Todesfälle.

Klosterneuburg - Die 4 häufigsten Impfstoffmythen: Mediziner klären auf
Herbert Huscsava, Ärztlicher Direktor und Leiter der Tagesklinik des Landesklinikum Klosterneuburg.
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„Eine Impfung schützt zu 95 Prozent vor schwerer Erkrankung oder Tod durch das Virus“, so der Ärztliche Direktor.

Schon jetzt habe das Landesklinikum eine sehr hohe Durchimpfungsrate bei den Mitarbeitern: „Das ist mir sehr wichtig. Wir müssen unser Personal gesund halten und dafür Sorge tragen, dass unsere PatientInnen geschützt bleiben. Ich bin sehr froh, dass durch Impfaktionen und den tollen Einsatz der niedergelassenen Ärzteschaft in Klosterneuburg eine vergleichsweise hohe Impfquote besteht.“

Die NÖN bat beide Mediziner um ihre faktenbasierte Meinung über die vier häufigsten Corona-Impfmythen.

Mythos 1: mRNA-Impfung führt zu Genveränderung

Die in den Impfstoffen Pfizer/Biontech und Moderna enthaltene mRNA wird nach sehr kurzer Zeit von den Körperzellen bereits wieder abgebaut. Sie wird nicht in den Zellkern eingeschleust, kann damit nicht in die DNA, also in das Erbgut des Menschen, eingebaut werden und hat daher absolut keinen Einfluss auf die Erbinformation.

Aufgrund der Information dieser mRNA stellt der Geimpfte Teile des Viren-Mantelproteins selbst her, sogenannte „spike Proteine“, diese werden dann dem Immunsystem präsentiert, damit der Körper im „Trainingsmodus“ Abwehrstoffe gegen diese produziert. Bei einer möglichen Infektion ist dann das Immunsystem kompetent und fähig, die Abwehr entsprechend schneller zu starten. Damit ist die Behauptung, mRNA-Impfstoffe würden zu Genveränderungen führen, absolut falsch.

Mythos 2: Schnelle Zulassung macht mRNA-Impfstoff unsicher

Obwohl bis vor der Corona-Pandemie keiner der mRNA-Impfstoffe für Menschen zugelassen war, wurde die Technologie der mRNA-Impfstoffe nicht erst im Zuge der CoV2-Pandemie entwickelt, sondern in den Jahren zwischen 2003 und 2005, anlässlich der ersten (drohenden) Pandemie der Neuzeit, SARS-CoV1. Damals starben 700 Menschen weltweit, zum Unterschied von SARS-CoV2 war das Virus deutlich weniger ansteckend, die Inkubationszeit kürzer, und diese Viren befielen, anders als SARS-CoV2, ausschließlich die Lunge. Die Technologie der mRNA-Impfstoffe wird seit vielen Jahren in onkologischen Therapien eingesetzt und demnächst auch in einem Präparat zur Senkung des Cholesterinspiegels.

Anders als etwa in Großbritannien oder den USA gab es in der EU keine Notfallzulassung. Stattdessen setzt Europa auf eine sogenannte bedingte Marktzulassung. Der Unterschied: Bei einer bedingten Marktzulassung wird umfassender geprüft, die Hersteller tragen mehr Verantwortung für die Sicherheit des Medikaments.

Niemals zuvor wurden innerhalb so kurzer Zeit weltweit so viele Menschen mit den gleichen Impfstoffen geimpft, nämlich bisher über sechs Milliarden verabreichte Impfungen und parallel so viele Studien, nämlich über 30.000, durchgeführt. Niemals zuvor haben die niedergelassenen Ärzte innerhalb dieser kurzen Zeit so viele Impfungen gegen eine Krankheit verabreicht und damit entsprechend viele Erfahrungen sammeln können. Damit ist die Behauptung einer zu schnellen Zulassung und eines unsicheren Impfstoffes ebenfalls absolut falsch.

Mythos 3: Unfruchtbarkeit / Impotenz / Fehlgeburten durch Impfungen

Dezidiert geben uns die Zahlen recht, dass Impfungen weder unfruchtbar noch impotent machen. Ganz im Gegenteil besteht im Falle einer COVID-19-Erkrankung auch bei jungen Schwangeren die große Gefahr von Frühgeburten und Fehlgeburten sowie kindlicher Behinderungen, besonders, wenn durch die schwere Lungenentzündung der Mutter dem ungeborenen Kind nicht ausreichend Sauerstoff zur Verfügung gestellt werden kann. Aktuell sehen wir in unserer Babyvilla eine doch gut spürbare Steigerung der Geburtenzahlen gegenüber der letzten Jahre.

Impotenz: Die Liste der Komplikationen durch und nach COVID-Erkrankungen ist sehr lange und hängt teilweise mit entzündungsbedingten Blutgerinnseln in unterschiedlichen Organen zusammen. Das Virus macht da auch vor Penis und Hoden nicht Halt und kann zu Erektionsproblemen und im schlimmsten Fall zu Impotenz führen. Bei Impfungen gibt es diesen Zusammenhang nicht, wie das deutsche Robert-Koch-Institut durch wissenschaftliche Studien feststellt.

Mythos 4: Sterben an der Impfung

Ja, Impfreaktionen wie Fieber oder Müdigkeit sind häufig, das kennen wir auch von vielen anderen Schutzimpfungen. Es gibt aber keinerlei Hinweise darauf, dass die COVID-Schutzimpfung das Immunsystem schwächt. Genau das Gegenteil ist der Fall. Impfreaktionen zeigen, dass unser Immunsystem aktiv arbeitet und Antikörper bildet, um uns vor möglicher Infektion oder schwerem Krankheitsverlauf zu schützen.

Ja, es gibt Impfzwischenfälle, die beispielsweise durch Allergien auf einen Inhaltsstoff ausgelöst werden, aber auch die sind verschwindend selten. Die Gefahr, an SARS-COV2 zu versterben, ist auch unter jungen Patienten um ein Viel-Viel-Vielfaches höher als eine Impfkomplikation zu haben. Von den Langzeitfolgen der Post-COVID-Infektion wissen wir noch viel zu wenig, sehen aber schon jetzt, dass schwer Erkrankte auch nach Monaten noch große Einschränkungen der Gedächtnisleistung, des Stoffwechsels, des Nervensystems, der Muskulatur, des Kreislauf- oder des Atemsystems haben.