Erinnerungen an 1945: Ein Augenzeugenbericht. Der Klosterneuburger Guido Zbiral, Jahrgang 1933, schildert in einem Bericht seine Erinnerungen an das Kriegsende in der Babenbergerstadt.

Von Victoria Heindl. Erstellt am 24. Mai 2020 (05:56)
An die Zerstörung der „Alten Mühle“ kann sich Guido Zbiral noch genau erinnern.
NOEN

Vor 75 Jahren endete der Zweite Weltkrieg. Zahlreiche Sendungen, Feiern und Berichte haben sich in den letzten Wochen mit diesem bedeutenden Datum beschäftigt. Aber für die meisten ist es ein Datum, das wir nur aus den Geschichtsbüchern kennen.

Einer, der sich an diese Tage noch sehr gut erinnern kann, ist der Klosterneuburger Guido Zbiral, Jahrgang 1933. Er schildert seine Erinnerungen an das Kriegsende in der Babenbergerstadt.

Detonationen und Panzerkollonen

„Die Beschreibung neben dem Bild von der schwer beschädigten ,Alten Mühle’ ist falsch, aber Frau Heindl kann nichts dafür, denn sie hat nur das abgeschrieben, was auch im Buch über Klosterneuburg falsch steht.

Etwa zehn Tage vor dem 8. April legte die Deutsche Wehrmacht einen sehr schweren Sprengkörper auf die Brücke direkt vis-á-vis der Alten Mühle, der wie eine große Fliegerbombe aussah (etwa 500 kg oder noch schwerer), den ich mir von allen Seiten ansah. Ich habe mich sehr gewundert, dass dieser auf der Brüche platziert wurde und nicht darunter.

Am Ostersonntag oder -Montag nachmittags ging ich mit meinem jüngeren Freund im Domanig-Garten in Richtung Südwest spazieren; plötzlich eine sehr nahe heftige Explosion; ich sah über den Dächern der ,Gartenstadt’ Trümmer gegen den Himmel fliegen, und wir beide wurden durch die nachfolgende Druckwelle zu Boden geschleudert, blieben aber unverletzt. Die Russen kamen an dieser Stelle erst etwa eine Woche später vorbei, dabei gab es keine Kampfhandlungen, was ich mit eigenen Augen gesehen habe.

Nach der versuchten Brückensprengung gab es noch keine unmittelbare Russengefahr, und es war weder deutsches Militär noch der Volkssturm zu sehen, daher sahen wir uns ungehindert das Ergebnis der Sprengung an. Uns bot sich genau das Bild, wie in der NÖN gezeigt. Die Brücke war nicht zerstört, sie hatte nur ein Loch, die Russen hätten sie passieren können. Aber die Alte Mühle wurde durch die Druckwelle sehr stark beschädigt.

Die letzten Stunden des 1.000-jährigen Reiches vor dem Einmarsch der Russen am 8. April in Klosterneuburg habe ich sehr intensiv erlebt: Ich bin mit unserer ,Restfamilie’ noch ungehindert nach St. Gertrud zur Heiligen Messe gegangen, gelegentlich waren Detonationen von Sprengungen (?) zu hören.

„Wenn die Russen gewollt hätten, hätten sie mich schon nahe der Hölzlgasse abknallen können, aber Kindern haben sie nichts angetan.“Augenzeugenbericht vom Kriegsende in Klosterneuburg von Guido Zbiral

Es waren etwas weniger Menschen als sonst zur Messe gekommen, ich und mehrere Buben haben ministriert. Während der Predigt von Dr. Pius Parsch hat es plötzlich sehr starke Detonationen gegeben, es war wie ein Trommelfeuer von mehreren Minuten Dauer. Von der Predigt war nichts mehr zu verstehen, und Dr. Pius brach die Predigt ab, aber die Heilige Messe wurde noch beendet. Als alle Menschen gegangen waren, stieg ich mit Wallner Hans auf den Kirchturm, um Ausschau zu halten, was rundum eigentlich los ist.

Es gab ständig Detonationen, wir konnten aber nicht feststellen, woher diese kommen. Es war mir klar, dass es höchste Eile war, nach Hause in die Kierlingerstraße zu laufen. Ich befand mich auf den Straßen und Gassen alleine, nur zwei- oder dreimal haben mich Volksstürmer angefeuert, noch schneller zu laufen, denn die Russen kommen. Als ich von der Hofkirchnergasse kommend in die Kierlingerstraße einbog, sah und hörte ich die Panzerkolonne rasch näher kommen.

Ich bin den russischen Panzern entgegengelaufen! Es wurde nicht geschossen, es gab keine Kampfhandlungen – soweit ich sehen konnte –, die deutsche Wehrmacht und der Volkssturm waren verschwunden.

„Noch lange nicht vorbei“

Als ich das Straßengeländer zwischen der Kierlingerstraße und der etwas tiefer liegenden Kurve zur Domaniggasse erreichte, befand ich mich in gleicher Höhe mit dem ersten Panzer.

Wenn die Russen gewollt hätten, hätte sie mich schon nahe der Hölzlgasse abknallen können, aber Kindern haben sie nichts angetan. So habe ich unversehrt das Domanighaus erreicht, wo in einem tief gelegenen Keller Frau Domanig mit ihren acht Kindern und meine Restfamilie in großer Angst mich erwarteten. Damit war der 8. April aber noch lange nicht vorbei.“