Exil-Jugend-Litaturpreis: Wo ist der letzte Berg?. Sahel Rustami erzählt in seinem Text von zwei Berg-Erlebnissen, die unterschiedlicher nicht sein könnten: der gefährlichen Flucht und einem Familienausflug.

Erstellt am 02. Dezember 2018 (10:26)
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Sahel Rustami erreichte den zweiten Platz beim Exil-Jugend-Literaturpreis.

Sahel Rustami erreichte den zweiten Platz beim Exil-Jugend-Literaturpreis. Mit seinem Text „Berge“ überzeugte der in Klosterneuburg lebende Afghane die Jury:

„Nach diesem Berg kommen wir an, das ist der letzte Berg zum Hinaufklettern. Ihr müsst aber auf kleine Kinder, Frauen und ältere Leute aufpassen. Und auch auf iranische Soldaten, deren Militärbasis sich hinter diesem Berg befindet. Sie dürfen auf euch schießen“, sagte der Schlepper nach 26 Stunden bergaufgehen. Ich sah die Resignation in den Augen der Leute, die mit mir den ganzen Weg von der iranischen Grenze bis zum „letzten Berg“ zusammen waren. Ich spürte nichts mehr in den Füßen. 26 Stunden ohne Essen und Pause waren sehr anstrengend für Leute, die in ihren Ländern nie ihre Häuser zum Zweck des Sporttreibens sicher verlassen konnten.

„Sind wir bald da? Ich glaub ich spüre meine Füße nicht mehr.“ Florian zieht die Wanderschuhe aus und reibt sich die Zehen. Dabei sind wir erst zwei Stunden unterwegs – hinter uns der Sessellift und vor uns schon in Sichtweite die Almhütte. Sie haben mir von einer Brettljause erzählt, die es dort gleich gibt. Ich habe keine Ahnung, was das ist.

Es war alles dunkel, genau wie das Schicksal von den kleinen Kindern, die unschuldig alles verlassen mussten, um zu überleben. Es war eine schreckliche Nacht. Ich sah kein Lächeln, keine Freude. Nur mit Erde verschmutzte Gesichter. Die Aussage des Schleppers, dass es der letzte Berg wäre, brachte den Leuten auch nichts. Weil er sagte jedes Mal, wenn Menschen aus der Gruppe stehenblieben und nicht weitergehen wollten: „Es ist der letzte Berg zum Hinaufklettern.“

Mein Blick fokussierte sich nur auf die kleinen Kinder. Jählings sah ich eine Szene, die mir mein schweres Herz endgültig zerbrach. Die Tränen eines vielleicht dreijährigen Kindes aufgrund seines Hungers waren auf seinem Gesicht eiskalt und es schrie, dass es etwas zu essen möchte. Kälte und Dunkelheit ließen mich das Schreien des Buben noch stärker hören. Ich machte meinen Rucksack auf und nahm die letzten zwei Scheiben Kekse heraus. Ich gab sie ihm und er hörte auf zu weinen und sagte lieb: „Danke!“

„Ich mag kein Kaninchen“, raunzt Florian beim Abendessen. Es ist der dritte Gang des Menüs und ich habe meine Portion schon aufgegessen. Poldi winkt dem Kellner und nach einem kurzen Gespräch bekommt Flo eine kleine Portion Spaghetti als Alternative. Jetzt lächelt er glücklich.

Eine Stunde war vorbei. Wir waren immer noch auf dem Weg über den letzten Berg. Der Wind frischte auf und ich griff irgendwo zwischen die Steine, damit ich mich gegen die kalte Brise anhielt und sie mich nicht vom Weg wehte. Plötzlich stürzte hinter mir ein Vater mit seinem Kind auf den Schultern den Abhang hinunter. Ich rannte hin, um ihnen zu helfen. Aber es war nutzlos, sie wurden von der Dunkelheit verschluckt. Die Mutter des Kindes schrie, dass jemand nach ihrem Mann und Kind suchen sollte.

Der Schlepper ignorierte sie und sagte: „Keine Zeit, wer jetzt dableibt, wird von den Soldaten erschossen.“ Ich war geschockt und fertig. Ich schwitzte am ganzen Körper und trotzdem fror ich. Ich wollte mir nicht vorstellen, wie die Mutter sich fühlte. Sie hatte jetzt nichts mehr zu verlieren. Das Leid, dass deine einzige Familie vor deinen Augen einen Berg hinunterstürzt, ist einfach zerstörend.

„Boah – da gehts 200 Meter hinunter!“ Ich hake noch schnell den Karabiner meines Klettergurtes im Sicherungsseil ein und sehe zu Florian hinüber. Er schaukelt grinsend auf dem Stahlseil der  Nepalbrücke“. Michi winkt uns vom anderen Ende des Klettersteigs zu: „Kommt schon, das ist voll leiwand!“

Nach einer weiteren halben Stunde kamen wir am Berggipfel an. Es lag überall Schnee. Man hatte eine weite Sicht auf andere Berge und wir hatten noch einen langen Weg vor uns. Es begann zu regnen. Der Schlepper sagte: „Wir müssen diesen Geröllhang hinunterrutschen. Dort drüben ist die Strecke nach unten flacher, aber wir müssen bis dorthin einen aufwändigen Umweg gehen.“

Wir richteten uns in einer Linie und gingen im Gänsemarsch hinter dem Schlepper. Die kleinen Tropfen des Regens schlugen uns ins Gesicht. Der Weg war sehr schmal und schwer zu erkennen.

Eiskalte Tropfen reißen mich aus dem Schlaf. Ich schrecke hoch und weiß im ersten Moment nicht, wo ich bin. „Komm schon, du Faulsack!“, ruft Poldi und spritzt mir noch ein bisschen Seewasser ins Gesicht. „Wir wollen schwimmen gehen!“ Ich nehme mein Handtuch von der  Sonnenliege und gehe ihm nach. Drüben beim Badesee winken Florian und Michi schon aus einem Tretboot.

Der Schlepper wurde langsamer und ich sah ängstlich nach vorne. Dort war eine Schlucht. Wir mussten der Schlucht zunächst ausweichen und am Ende ungefähr eineinhalb Meter hinüberspringen. Ich achtete auf die kleinen Kinder. Nach einiger Zeit kam ich dran. Ich zitterte. Ich sprang.

Mein linker Fuß rutschte an der Kante der Schlucht ab. Ich griff irgendwohin. Meine Finger erwischten die Spitze eines großen Steines. Der Tod stand vor mir. Meine Finger hatten keine Kraft mehr. Ich atmete aus, als wäre es meine letzte Ausatmung.

„Traust dich?“ Michi sieht mich herausfordernd an, während er die ersten Trittstifte neben dem Wasserfall hinaufklettert. Die Steilwand sieht gefährlich aus. Soll ich? Zum Spaß? Ist das Spaß? Weiter oben lässt er sich in den Sitzgurt gleiten und baumelt am Seil. „Es ist nicht gefährlich, du bist ja immer angehängt!“ Ich atme tief durch und nehme die ersten Meter in Angriff. Es ist wirklich ganz leicht.

Unversehens spürte ich zwei Hände, die meine Hände packten. Sie zogen mich hinauf. Das war wie ein Traum. Ich erlebte für ein paar Sekunden den Tod. Ich lag am Boden und nach einigen Minuten machte ich meine Augen auf. Ein junger Mann stand über meinem Kopf. Er gab mir ein bisschen Wasser und sagte: „Es ist nichts passiert, steh auf. Wir haben noch lang zu gehen.“

Ich kannte ihn. Er hieß Samir. Er war in Teheran im Haus des Schleppers. Er hatte wie viele andere Kinder keine Familie. Seine Familie starb im Krieg und er flüchtete mit 14 Jahren in den Iran. Er arbeitete dort als Bauarbeiter seit sechs Jahren. Natürlich illegal. Er sah immer ernst aus. Zum ersten Mal redete ich mit ihm im Haus des Schleppers beim Essen. Man musste dort den Schlepper bezahlen und er kaufte uns etwas zu essen. Wir durften nicht aus dem Haus gehen. Ich bestellte mir zu Mittag zwei Käsebrote. Beim Essen gab ich Samir

eines davon. Aber er nahm das nicht und sagte: „Ohne Essen kann ich es auch aushalten.“ Er wollte mir zeigen, dass er ein starker Mann ist. Aber nach ein paar Minuten reden fühlte ich, dass er sich im Inneren nach Zuneigung sehnte. Er brauchte jemanden, mit dem er reden könnte. Alleine flüchten und auf Baustellen arbeiten, vor allem in einem Alter, in dem man nur Sympathie und Familienzuwendung braucht, ist unvorstellbar.

„Geht’s wieder?“ Uschi sieht Florian sorgenvoll an. Der Junge ist im Freizeitpark neben dem Badesee aus der Wasserrutsche gestürzt. Das Knie ist blutig und er schluchzt. Tröstend klebt seine Mutter ein Pflaster darauf und hält ihn im Arm. Sie streichelt ihn, bis keine Tränen mehr fließen. Wenig später hat Florian den Sturz vergessen und rennt seinem Bruder hinterher.

Ich stand vom Boden auf. Mein Gewand war total zerrissen und meine Finger bluteten. Ich war für eine kurze Zeit wie im Koma. Ein imaginäres Koma. Es war eine Situation, in der ich mir dachte, vielleicht ist das Sterben viel einfach als diese Strapazen. Müde, hungrig,  verletzt, hoffnungslos, deprimiert, verschreckt und unsicher war ich in diesem Koma. Aber was war das schon im Vergleich zum Überleben. Man muss wohl vieles machen, um sein Leben zu retten.

Es brannte immer ein helles Licht in mir, ich durfte nicht aufgeben. Ich hatte meine Ziele immer vor den Augen, die ich mir schon als Kind in Gedanken aufbaute.

Ich rannte mit Samir weiter, dass wir die anderen nicht verlieren. Im Augenwinkel sah ich neben dem Weg etwas liegen. Es waren menschliche Körper. Sie bewegten sich aber nicht. Manche waren schon verwest, man sah die blanken Knochen. Ich wandte schnell meinen Blick ab und lief schneller, obwohl ich das Gefühl hatte, jemand schnürt mir die Brust zu. Die Körper waren wertlos, wie Abfall neben dem Weg.

„Ich habe da gleich neben dem Weg ein Edelweiß entdeckt! Kommt her, das müsst ihr sehen!“, ruft Uschi. Wir laufen alle zu ihr und betrachten die seltene, pelzig-weiße Pflanze. Ich streiche mit den Fingern darüber, sie ist weich, wie das Fell eines Tieres.

Es war die Zeit zum Runterrutschen gekommen. Der Geröllhang sah unendlich lang aus. Wir ließen uns hinuntergleiten, aber mussten dazwischen mit der Ferse abbremsen, damit wir nicht zu schnell wurden. Am Hang lagen viele Steine und sie zerkratzten uns den Körper. Nach einer Stunde kamen wir endlich unten an. Alle waren müde und fertig. Nur blasse Gesichter um mich herum.

Ich blickte mich um. Ich sah keine Häuser, keine Straßen. Nur Ebene und Wüste. Nur weitere Berge. Es war nicht der letzte Berg.

Langsam lasse ich den Blick schweifen. Es ist schön hier. „Dort drüben kannst du den Großglockner sehen, der Gipfel in der Mitte“, erklärt mir Poldi. Der Wind zerzaust meine Haare und ich halte mich am Gipfelkreuz fest, damit ich nicht das Gleichgewicht verliere.

Der letzte Berg wird für viele von uns nie herankommen. Vielleicht schaffen es einige in ein sicheres Leben. Aber für den Großteil werden die Schwierigkeiten nie aufhören. Es wird immer wieder Leute wie unseren Schlepper geben, die aus dem Leid anderer Profit  schlagen. Sie machen den Menschen Hoffnungen und lassen sie doch im Stich. Sie türmen immer neue Berge vor ihnen auf. Wo ist der letzte Berg?

Ich sehe noch einmal hinüber zu dem Gipfel, über den ich geklettert bin. Die Sonne verschwindet gerade hinter ihm und im Gegenlicht wirkt er wirklich mächtig. Wir sitzen zu fünft im Auto, ich wie üblich am unbequemeren Mittelplatz auf der Rückbank, und wir fahren nach Hause. Es war mein erster Urlaub mit meiner Gastfamilie in Österreich. Der Berg sieht freundlich aus im Abendlicht. Ich habe ihn bezwungen. War es mein letzter Berg?