Leben mit Post Covid: Ein Kampf mit dem eigenen Körper. Der Kampf mit dem eigenen Körper: Die Klosterneuburgerin Gabriele Schuh-Edelmann leidet an Spätfolgen ihrer leichten Corona-Krankheit: „Der Körper hat die Kontrolle und er ist gnadenlos.“

Von Claudia Wagner. Erstellt am 15. September 2021 (04:18)
Gabriele Schuh-Edelmann
Im November erkrankt Gabriele Schuh-Edelmann, Kommunikations-Leiterin der Stadtgemeinde Klosterneuburg, an Corona, sie hat einen leichten Verlauf. Doch die Symptome werden schlimmer: Seit April leidet die 42-Jährige an Post Covid. Gemeinsam mit Hausarzt Markus Saleh will sie Bewusstsein für die Krankheit schaffen.
Wagner

Als Gabriele Schuh-Edelmann, Sprecherin der Stadtgemeinde Klosterneuburg, im November 2020 positiv auf Covid-19 getestet wird, hat sie milde Symptome. Nur der leichte Geruchsverlust weist damals auf Corona hin. Heute, rund zehn Monate nach der scheinbar überstandenen Infektion, ist der Krankheits-Verlauf alles andere als leicht: Erschöpfung und körperliche Schwäche, eine chronische Gesichtsnervenentzündung, Stechen in der Brust, Beine wie Blei, Geschmacksveränderungen, kognitive und mentale Schwierigkeiten. Diagnose: Post Covid.

Die Bandbreite an Symptomen ist groß, das macht die Krankheit tückisch. Erste Herausforderung: die Anzeichen erkennen und richtig deuten. Schuh-Edelmann ist anfangs auf der falschen Fährte: „Von einer Sekunde auf die andere ist ein Schmerz in der linken Gesichtshälfte eingeschossen. Ich dachte zuerst, das sind Zahnschmerzen.“

Die vermeintlichen Übeltäter, die Zähne, werden gleich von drei Ärzten begutachtet – „sie haben nichts gefunden. Über Google bin ich dann auf die Trigeminusneuralgie – das ist eine Gesichtsnervenentzündung – gekommen und habe mir gedacht, das sind genau die Schmerzen, die ich habe.“ Ein Arzt bestätigt den Verdacht und verschreibt Medikamente. Seit April ist Schuh-Edelmann in Behandlung. Auf die Tabletten kann die 42-Jährige bis heute nicht verzichten – zu groß wären die Schmerzen.

„Es ist eine gespenstische Krankheit, weil man äußerlich nichts sieht und kein Befund was hergibt.“ Gabriele Schuh-Edelmann, Post Covid-Patientin

Covid-19 greift auch das zentrale Nervensystem an. Weitere Symptome verdichten sich bei Schuh-Edelmann im April, rund fünf Monate nach der akuten Infektion: Überreizung, leichte Stressbarkeit, aber auch körperliche Erschöpfung: „Am Anfang sagt man noch, das ist nicht so schlimm, das geht schon. Aber es wird wirklich so schlimm, dass das Umfeld es auch bemerkt. Man kann es einfach nicht mehr wegleugnen.“

Markus Saleh, Hausarzt in Weidling, kennt die Hilflosigkeit im ersten Stadium der Krankheit: „Man zweifelt am Anfang an der eigenen Leistungsfähigkeit. Blutdruck, Blutzucker, Gewicht – das kann man alles messen, Post Covid aber nicht. Es ist ein Neuland.“ Und zwar für Patienten und Mediziner: „Auch für die Ärzte ist es ein bisschen ein Chamäleon. Post Covid simuliert viele Krankheiten, die du glaubst zu kennen. Dann testest du auf die Krankheit, aber findest nichts.“ Schuh-Edelmann hat eine Unmenge an Untersuchungen hinter sich – sogar ein MRT, um wegen verschwommenen Sehens einen Gehirntumor auszuschließen. „Es ist eine gespenstische Krankheit, weil man äußerlich nichts erkennt und kein Befund was hergibt“, unterstreicht die Betroffene.

„Man zweifelt am Anfang an der eigenen Leistungsfähigkeit. Blutdruck, Blutzucker, Gewicht – das kann man alles messen, Post Covid aber nicht"

Die Symptome sind aber sehr wohl real: Schüttelfrost und fiebriges Gefühl, Erschöpfung, leere Akkus, Muskelkater und schwere Beine. Jeder Tag beginnt damit, die eigene Verfassung abzuschätzen: Schaffe ich das, was ich mir vorgenommen habe, oder nicht? Die Klosterneuburgerin betont: „Der Körper hat die Kontrolle. Er steuert dich und er ist gnadenlos.“ Manche Tage gehen nur in der Waagrechten, gelegentlich ist sogar Lesen oder Musik hören zu viel. Schuh-Edelmann: „Es ist wie Gehen im Tiefschnee. Es ist alles ein Vortasten, du weißt bei keinem Schritt, ob du einsinkst oder ob dich die Schneedecke hält. Es ist ein Kampf. Das klingt drastisch, aber so ist es.“

„Auch für die Ärzte ist es ein bisschen ein Chamäleon. Post Covid simuliert viele Krankheiten, die du glaubst zu kennen"

Der Kampf mit dem eigenen Körper spielt sich auf allen Ebenen ab: vor allem physisch, aber auch kognitiv und mental – es kommt zu Reizüberflutungen, Antriebslosigkeit, Konzentrationsschwierigkeiten. Verpflichtungen des Alltags – Haushalt, gesellschaftliche Treffen oder Arzttermine – können zu viel sein und belasten. Schuh-Edelmann: „Man darf nicht über die eigene Grenze gehen, die Antwort gibt der Körper nämlich sofort. Egal wie sehr man will, manchmal geht’s nicht.“

Mentales Training, Achtsamkeitsübungen und positives Denken helfen, die Beschwerden im Zaum zu halten. Besonders wichtig: Tempo rausnehmen und die Unterstützung von Familie und Umfeld. „Ich habe den besten Arbeitgeber und die besten Kollegen, die mir sehr helfen. Ich kann arbeiten, weil ich es in meinem Tempo tun darf. Es ist viel Verständnis da. Aber ich weiß: Wenn ich in einem körperlichen Beruf tätig wäre, könnte ich nicht mehr arbeiten.“

Das Leben ändert sich schlagartig

Mit den Post Covid-Symptomen macht das Leben eine 180 Grad-Kehrtwende. „Ich empfand mich als gesunden Menschen. Ich habe keine Vorerkrankungen. Ich war ein sportlicher Mensch und habe drei- bis viermal die Woche Sport gemacht und im Urlaub war ich am Berg wandern. Das alles ändert sich schlagartig“, will die Stadt-Sprecherin Bewusstsein für Post Covid schaffen. Die Krankheit sei ein „echtes Handicap“: „Ich empfinde es als wirklich schwere Krankheit. Es beeinträchtigt mich körperlich, kognitiv, emotional und mental wirklich ganz erheblich.“

Nur eins beeinflusst die Krankheit nicht: die Fähigkeit, über sich selbst zu schmunzeln. „In der Familie witzeln wir schon, zum Beispiel über die Spiegelei-Geschichte. Ich wusste, dass ich am Sonntag Spiegeleier gebraten habe. Am nächsten Tag komme ich drauf: Wir haben die Spiegeleier ja gar nicht gegessen. Drei Tage später haben wir sie im Wohnzimmer auf einer Ablage gefunden. Wie sie dort hingekommen sind, weiß ich nicht mehr. Man muss darüber lachen können, weil sonst verzweifelt man.“

„Es werden immer mehr Patienten, die die Symptome jetzt auch schon deuten können“

Was hilft noch gegen die Verzweiflung? Recherchieren, darüber reden, keine Selbstzweifel ranlassen und Verbündete suchen. Und natürlich: Impfen, denn das schützt sowohl vor Covid-19 als auch vor Post Covid.

Statistisch hat jeder zehnte Infizierte mit Spätfolgen zu kämpfen, treffen kann es jeden. Der Weidlinger Hausarzt sieht einen Anstieg an Post Covid-Betroffenen: „Es werden immer mehr Patienten, die die Symptome jetzt auch schon deuten können“, weiß Markus Saleh. Er warnt: „Viele von denen, die im Spital liegen, die die Impfung abgelehnt haben, wissen ja gar nicht, was ihnen noch alles bevorsteht.“

„Viele von denen, die im Spital liegen, die die Impfung abgelehnt haben, wissen ja gar nicht, was ihnen noch alles bevorsteht.“

Die Krankheit – das hat Schuh-Edelmann am eigenen Leib erlebt – betrifft das gesamte Umfeld: „Mein Familienleben ist derzeit sehr begrenzt.“ Die Sehnsucht nach einer Berg-Wanderung ist groß. Die aufrichtigen Worte an alle Impf-Skeptiker: „Ich kann mir nichts vorstellen, dass so schlimm sein kann wie diese Hölle, die ich jetzt gerade durchmache.“