Abschiebung von Zieh-Enkel: "Kämpfe wie eine Löwen-Omi". Nach sechs Jahren musste Naveed zurück nach Pakistan. Kritzendorfer Ärztin und Zieh-Oma entsetzt.

Von Christoph Hornstein und Thomas Peischl. Erstellt am 21. April 2021 (04:20)
Das letzte Weihnachten mit ihrem „Zieh-Sohn“ Naveed aus Pakistan. Marlies Bauer erinnert sich mit großer Trauer daran.
privat, privat

„Ich konnte mich nicht einmal bei ihm verabschieden!“ Marlies Bauer aus Kritzendorf ist 72 Jahre alt und Ärztin in Pension. Sie trauert um ihren verlorenen „Ziehsohn“ Naveed. Er ist Asylwerber. Sie hat ihn bei sich aufgenommen. Letzte Woche wurde er jedoch – wie „Heute“ berichtete – nach Pakistan in einer Blitzaktion abgeschoben. Bauer: „Ich weiß, die Chance ist sehr gering, dass er wieder zurückkommen kann. Die Hoffnung gebe ich aber nie auf.“

Um ihrer Freizeit Inhalt und Sinn zu geben und um zu helfen, trat Marlies Bauer 2015 dem Verein „Klosterneuburg hilft“, der sich den Asylwerbern in der leer stehenden Magdeburgkaserne annahm, bei. Sie unterrichtet Deutsch, organisiert Ausflüge und Fußballturniere. Später begleitet sie Asylwerber bei ihren Interviews mit dem Bundesamt für Fremdenwesen und Asyl (BFA). „Da habe ich festgestellt, dass es in den einzelnen Instanzen sehr viel bemühte Entscheidungsträger gibt, aber 60 Prozent sind leider garstig“, sagt die Ärztin in Pension. Manchmal werde den Asylwerbern nur nackte Willkür entgegengebracht.

„Ich weiß, die Chance ist sehr gering, dass er wieder zurückkommen kann. Die Hoffnung gebe ich aber nie auf.“

Auch Naveed begleitete sie bei seinem Interview. Er kam aus Pakistan, da war das BFA in Linz zuständig. Sein Fluchtgrund: Das schiitische Dorf, in dem Naveed lebte, ist von sunnitischen Dörfern umgeben. Ein geistig beeinträchtigter Bewohner eines benachbarten sunnitischen Dorfes hatte sich verirrt in Naveeds Dorf. Naveed hat ihn zurückgebracht. Daraufhin wurde ihm vorgeworfen, er spioniere. Naveed geriet ins Visier von fundamentalistischen religiösen Gruppen und wurde auch vom eigenen Dorf verstoßen.

2018 hat Marlies Bauer Naveed bei sich aufgenommen. Sein Quartier in Korneuburg wurde geschlossen. „Er war ein wunderbarer Mitbewohner, hat mir bei allen Hausangelegenheiten geholfen. Dieses Zusammenwohnen hat so gut geklappt, dass ich sogar einen Adoptionsantrag gestellt habe. Ich wollte ihn adoptieren, weil er mein Kind ist“, erzählt Bauer mit Tränen in den Augen. Das Verfahren läuft noch.

Ein Bild aus glücklichen Tagen an der HLW Tulln: Naveed Abbas (links) im Kreis seiner Mitschülerinnen und Mitschüler der Klasse 4B beim Weihnachtsgruppenfoto im Dezember 2018.
HLW Tulln, HLW Tulln

Nach seinem Schulabschluss hat Naveed dann mit einer Ausbildung zum Alten- und Behindertenpfleger (Caritas Fachschule für Sozialbetreuungsberufe) begonnen. Er musste die Ausbildung aber abbrechen, weil er im Krieg aufgewachsen ist und dadurch selbst schwere psychische Probleme hatte. Er hat dann selbst eine Therapie begonnen.

Am Montag, 12. April, wurde er zur Einvernahme in das Polizeianhaltezentrum beordert. Trotz gemeinsamen Haushalt und negativer Testung durfte Marlies Bauer nicht bei der Einvernahme dabei sein. Nur seine Anwältin. Aber als das Interview vorbei war, hat die Polizei Naveed unangekündigt abgeholt. Die Begründung, mit der die Polizisten die Abholung gerechtfertigt haben, war mit August 2020 datiert. Marlies Bauer und Naveed beteuern, diese aber noch nie zuvor gesehen zu haben. „Am darauf folgenden Dienstag wollte ich Naveed besuchen, aber ich durfte nicht. Angeblich hat er einen Mistkübel geworfen, und damit durfte niemand zu ihm. Auch über Telefon konnte ich ihn nicht erreichen“, erzählt Bauer weiter.

Am Mittwoch wurde Naveed mit einem Flugzeug nach Islamabad abgeschoben. Marlies Bauer konnte sich nicht einmal bei Naveed verabschieden. Schriftlich hätten beide – was die Abschiebung betrifft – nie etwas bekommen.

„Mein Glaube an den Rechtsstaat war getrübt, jetzt ist er ganz weg.“

„Ich kämpfe immer weiter, wie eine verletzte Löwen-Omi. In der Zeit des Zusammenlebens haben wir ein Oma-Enkel-Gefühl aufgebaut. Daher habe ich jetzt einen großen Verlustschmerz. Naveed war voll integriert. Ich habe mit ihm noch seinen 23. Geburtstag feiern können. Das Ganze ist wahnsinnig traurig für mich.“

Tief betroffen zeigt man sich auch in der HLW Tulln, wo Naveed im Schuljahr 2018/19 die Klasse 4B besuchte. Aufgrund seiner damaligen Deutschkenntnisse konnte er dem Unterricht noch nicht ausreichend folgen, er wurde daher als außerordentlicher Schüler geführt. „Obwohl er also damals wenig vom Unterricht verstanden haben kann und auch nicht auf einen Abschluss an unserer Schule hinarbeiten konnte, war Naveed jeden einzelnen Tag anwesend, hörte konzentriert zu und nahm alle Fördermaßnahmen an unserer Schule motiviert an“, erinnert sich seine damalige Klassenvorständin Beate Lichtenegger. Naveed habe sich rasch als aktives Mitglied im Klassenverband integriert, unglaublich schnell Deutsch gelernt und sich sogar einen Pflichtschulabschluss erarbeitet.

Naveeds Zieh-Oma ist übrigens nicht die einzige, die sich nicht einfach so mit Naveeds Abschiebung abfinden will: Unter dem Motto „Gebt Naveed sein Zuhause zurück“ organisiert die Junge Generation Bezirk Tulln (JGBT) in Zusammenarbeit mit „Klosterneuburg hilft“ am Mittwoch 21. April, um 18 Uhr am Klosterneuburger Rathausplatz eine Demo. „Pakistan ist für Naveed kein sicherer Ort – wann, wenn nicht hier, kommt das humanitäre Bleiberecht zum Einsatz“, fragt sich der JGBT-Obmann Valentin Mähner.

BFA: rechtskräftig und klar entschieden

Das Bundesamt für Fremdenwesen und Asyl betont, dass es sich hier um ein klar und rechtskräftig entschiedenes Asylverfahren handle. Der erste negative Bescheid sei bereits 2018 erlassen worden, Verwaltungs- und Verfassungsgerichtshof hätten diesen bestätigt. Aspekte des humanitären Bleiberechts seien bereits im Verfahren berücksichtigt worden: „So verständlich die menschliche Schiene sein mag, es sind viele Zwischenschritte passiert, bevor diese Abschiebung vollzogen wurde.“