Erstellt am 05. Mai 2015, 16:20

von NÖN Redaktion

„So können wir nicht weiter machen". Caritas-Geschäftsführer Klaus Schwertner erzählt im NÖN-Gespräch über seine Erfahrungen, die er in Catania gemacht hat.

Klaus Schwertner macht einmal mehr auf die Initiative www.gegen-unrecht.at aufmerksam.  |  NOEN, Martin Gruber-Dorninger

Sonntag Morgen, 19. April. Der Klosterneuburger Klaus Schwertner, Geschäftsführer der Caritas der Erzdiözese Wien, dreht das Radio auf. Er erfährt in den Nachrichten, dass über 700 Menschen bei ihrem Fluchtversuch von Afrika nach Europa im Mittelmeer ertrunken sind. Er macht sich sofort auf die Reise an den Schicksalshafen nach Catania auf Sizilien in Italien. Nach seiner Rückkehr nach Österreich, spricht er mit der NÖN über seine Erlebnisse und Erfahrungen.

NÖN: Wie haben Sie die ersten Stunden nach der Meldung verbracht?

Klaus Schwertner: Das war der Moment, an dem ich mir gedacht habe, wir können einfach nicht mehr so weiter tun, es muss sich etwas ändern. Gerade im Hinblick auf die nächste Generation will ich einmal nicht selber sagen müssen „wir haben das alle gewusst, aber wir haben nichts dagegen getan“. Wir haben dann eine Gedenkkundgebung am Wiener Minoritenplatz veranstaltet und wollten uns und den Menschen Zeit und Platz geben für Trauer. Am Mittwoch sind wir dann nach Catania gereist und, symbolträchtig, genau um fünf vor zwölf, dort gelandet. Das wird oft in dieser Diskussion vergessen. In den letzten 25 Jahren sind 25.000 Menschen dort ertrunken.

Man wollte den Leuten Platz geben, um zu trauern. Haben Sie das Gefühl, dass in Österreich dieser Platz überhaupt gebraucht wird?

Schwertner: Ich bin davon überzeugt und merke es auch in Klosterneuburg, Menschen zeigen große Solidarität im Umgang mit Flüchtlingen. In den letzten 14 Tagen ist unglaublich viel in einem unglaublichen Tempo passiert. Kardinal Schönborn hat sich in einem Brief an die Bundesregierung gewandt und in einem dramatischen Appell darum gebeten, nicht mehr zur Tagesordnung überzugehen. In der Zwischenzeit haben über 35.000 Menschen unsere Petition unterschrieben. Stoppen wir das Massensterben im Mittelmeer.

Was waren Ihre Eindrücke in Catania?

Schwertner: Wir wollten uns einen Überblick verschaffen. Wie schaut die Hilfe vor Ort aus? Wie geht die Bevölkerung mit der Situation um? Das war alles sehr spannend und ich würde das durchaus gerne mit der Solidarität der Menschen in Klosterneuburg vergleichen, das, was ich rund um die Initiative „Klosterneuburg hilft“ wahrnehme.

Inwiefern ist das vergleichbar?

Schwertner: Was ich in Catania erlebt habe an Hilfsbereitschaft, Nächstenliebe und Solidarität. Nicht lange überlegen, wir packen an, jetzt wird Hilfe gebraucht. Menschen, die italienisch lehren. Ich habe einen Bäcker kennengelernt, der Brot bäckt und das für die Caritas-Essensausgabe spendet. Ich habe einen Kellner getroffen, der zu mir gesagt hat, ich habe keine Geschwister, aber die Menschen, die über das Mittelmeer kommen, sind meine Schwestern und Brüder. Der Taxifahrer, der gesagt hat, natürlich, die brauchen unsere Hilfe, wir müssen hier zusammenhalten. Ich hätte mir das nicht gedacht. Ich habe mir das so nicht erwartet.

Außerdem haben Sie sich auch mit dem Bürgermeister Catanias getroffen?

Schwertner: Das hat mich besonders bewegt. Enzo Bianco hat sich zehn Minuten Zeit genommen, um mit uns zu sprechen. Er hat mir dort erklärt, dass er die „Initiative gegen Unrecht“ unterstützt, weil er die gleichen Anliegen hat. Er hat sich für mehr Menschlichkeit eingesetzt, er hat gesagt, er wünscht sich, dass die Verantwortlichen in der Politik den Verzweifelten ins Gesicht schauen. Und natürlich fühlen sich die Menschen dort im Stich gelassen an der Außengrenze der Festung Europa.

Durch Zufall haben Sie auch einen Klosterneuburger dort getroffen?

Schwertner: Das war mehr als ein Zufall, dass wir in Sizilien an einem Hafen aufeinander treffen. Er ist ein privater Bootsbesitzer. Er mag hier nicht mehr länger zuschauen, er mag hier aktiv werden. Das kann kein Zufall gewesen sein. Wir bleiben in Kontakt. Er hat mir Boote am Schiffsfriedhof gezeigt, in welchem Zustand diese Boote übers Meer kommen und er hat die Idee gemeinsam mit seinem Schiff Flüchtlinge zu retten. Er selbst wollte seinen Namen in der Öffentlichkeit nicht nennen, da er es als Selbstverständlichkeit ansieht, hier zu helfen. Als ganz normale Zivilcourage.

Fühlen Sie sich auch von der Politik im Stich gelassen?

Schwertner: Wenn sich die 28 Mitgliedstaaten der EU entscheiden würden, Mare Nostrum 2.0, quasi zu starten, eine echte Menschenrettungsaktion, finanziert durch die europäischen Mitgliedstaaten, dann würde das 22 Cent pro Europäer, pro Jahr kosten. Gleichzeitig hat die österreichische Bundesregierung nach den Terroranschlägen in Paris binnen vier Tagen nur für Österreich ein Sicherheitspaket für gepanzerte Fahrzeuge und für Hubschrauber in der Höhe von 300 Millionen Euro geschnürt. Das zeigt mir, die Mittel sind da, es ist eine Frage des politischen Wollens und nicht des Könnens.

Ist Urlaub am Mittelmeer nicht etwas sehr Gegensätzliches?

Schwertner: Am ersten Tag bin ich ans Meer hinuntergegangen, hinter mir der schneebedeckte Ätna. Ein Fischerboot ist gerade rausgefahren ins Meer. Das ist genau das, was es zum Ausdruck bringt. Auf der einen Seite die wunderschöne Urlaubsinsel, auf der anderen Seite gleichzeitig das Wissen, dass dieses Mittelmeer auch zu einem Massengrab geworden ist. Ich will niemandem den Urlaub vermiesen. Wir sollen uns nur bewusst werden, dass dort diese zwei Welten aufeinanderprallen.

 

Informationen gibt es im Internet unter folgenden Adressen:

www.zeitschenken.at

Petition unterzeichnen:

www.gegen-unrecht.at