Fall des eisernen Vorhangs: Befreiung von Furcht &Angst. Nationalrat und ÖVP-Menschenrechtssprecher Höchtl erzählt von dem „einmaligen Erlebnis“ vor 30 Jahren.

Von Claudia Wagner. Erstellt am 08. Mai 2019 (03:12)
Robert Jäger / APA-Archiv / picturedesk.com

Zwei Kilometer entfernt von der tschechischen Grenze wuchs der kleine Josef Höchtl als Spross zweier vertriebener Südmährer auf. Die Grenze war unheimlich, angsteinflößend, bedrohlich. Der heutige Wahl-Klosterneuburger erinnert sich: „Man durfte nicht zu nahe kommen. Der Zaun hatte Stacheln, war elektrisiert, Soldaten wachten mit Schießgewehren.“ Erzählungen der Eltern und Erlebnisse aus der Jugend motivierten Höchtl: Er wurde Nationalrat, ÖVP-Sprecher für Menschenrechte und Gründer der Gesellschaft für Völkerverständigung.

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Freunde und Polit-Kollegen: Klosterneuburgs Völkerverständigungspräsident Josef Höchtl und Ex-Außenminister Alois Mock.

Seine Agenda sollte auch am Eisernen Vorhang nicht scheitern – schließlich hatte Höchtl mit seinem Status als Nationalrat quasi einen Freibrief: Auf Wunsch des Prager Kardinals ließ der Politiker tausende Bibeln drucken, die er dann über die Grenze schmuggelte. Schwer illegal, „aber wir hatten ja einen Diplomatenpass. Der war Goldes wert“, denkt Höchtl über 30 Jahre zurück.

„Ein mühsames Thema für Mock“

Gespräche mit Ex-Kommunisten und die politische Lage stimmten den Klosterneuburger hoffnungsvoll für die Zukunft: „Die Vermutung lag nahe, dass irgendwann der Zusammenbruch folgt.“ Die Geschichte gibt Höchtl recht: Ab Mai 1989 wurde der Zaun, der Völker und Staaten entzweite, zerschnitten, Europa war wieder eins. „Das war ein einmaliges Erlebnis und eine wunderbare Befreiung von Furcht und Angst, die alle Leute zu der Zeit hatten“, schildert der damalige Nationalrat.

Mit Außenminister Alois Mock – Freund, Trauzeuge und Patenonkel seines Sohnes – telefonierte Höchtl umgehend. „Wir haben sehr eng zusammengearbeitet. Der Eiserne Vorhang war für Mock, der immer ein freiheitsliebender Mensch war, ein mühsames Thema“, so der Klosterneuburger.

Mit dem Fall des Vorhangs siegten Demokratie, Meinungsfreiheit, Menschenrechte und Wohlstand in Europa. Höchtl: „Das wird heute alles als Selbstverständlichkeit verstanden. Dabei hätten wir das gleiche Schicksal wie der Osten gehabt, wären die Russen dominierend geworden.“ Das Gedankenexperiment blieb Dystopie, Höchtl konnte sich weiter für die Völkerverständigung einsetzen. Unmittelbar nach dem Fall rief er dafür eine Organisation ins Leben, der Höchtl heute als Präsident vorsteht. „Der Fall war zumindest auch Motiv. Jetzt galt es, mit all diesen Völkern zu reden, weil das plötzlich auch möglich war“, erzählt der Ex-Nationalrat.

Als Völkerverständigungs-Präsident reist Höchtl durch die Welt. In der ersten Mai-Woche stehen Termine in Tschechien im Kalender. Wird da das Aus des Eisernen Vorhangs gefeiert? „Wir werden sicherlich daran denken und mit dem ein oder anderen Gläschen darauf anstoßen“, verrät der Zeitzeuge.

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