Thomas Wordie: „Virus wird uns noch lange begleiten“. Freiwillige leisten für die Pandemiebekämpfung einen enormen Mehraufwand. Bezirksstellenleiter Thomas Wordie spricht über die Herausforderungen der Corona-Zeit.

Von Claudia Wagner. Erstellt am 14. April 2021 (04:10)
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Seit einem Jahr ist das Rote Kreuz Klosterneuburg im Covid19-Dauerdienst. RK-Bezirksstellenleiter Thomas Wordie über den Test- und Impfeinsatz, die Stimmung im Team und die Wertschätzung der Bevölkerung.

NÖN: Wie sieht der Alltag im Roten Kreuz Klosterneuburg derzeit aus? Welche Unterschiede gibt es zu Vor-Corona-Zeiten?

Thomas Wordie: In Wirklichkeit ist kein Stein auf dem anderen geblieben. Alle Abläufe, natürlich vor allem im Rettungsdienst wurden überarbeitet und angepasst. Dies laufend – Beispiel: Anfangs Mund-Nasen-Schutz, jetzt FFP2 Maske – Anfangs ein Mangel an Schutzausrüstung – nun Standard. Aber nicht nur im Rettungsdienst hat es Anpassungen gegeben. Das Kurswesen wurde stark eingeschränkt. Manche Fortbildungen konnten auf e-Learning oder Webinare per Zoom umgestellt werden. Präsenzkurse, wie die Ausbildung zum Rettungssanitäter wurden nur noch in Kleingruppen, ohne Kontakt zur diensthabenden Mannschaft durchgeführt. Hier hat die Stadtgemeinde Klosterneuburg und die Feuerwehr Klosterneuburg mit Räumlichkeiten ausgeholfen. Im Sozialladen und Henryladen wurden strenge Hygienekonzepte umgesetzt. Manche Leistungsangebote wie Jugendstunden, oder auch Seniorennachmittage wurden durch telefonische Betreuung ersetzt. Ein Jahr mit laufenden Anpassungen und Veränderungen liegt hinter uns.

Ein wichtiges Einsatzgebiet ist derzeit die Teststraße. Welcher Mehraufwand ist das?

Pro Testtag stehen zwei Mitarbeiter im Einsatz. Das Rote Kreuz koordiniert hier den kompletten Dienstplan des medizinischen Personals. Mehr als 560 Stunden wurden in 12 Wochen geleistet. 85 Prozent durch Mitarbeiter des Roten Kreuzes Klosterneuburg. Sonst wurden so viel externes Personal wie möglich eingesetzt. Die Verwaltung dahinter geschieht über das Bezirksstellenkommando. Allein für die Teststraße Klosterneuburg sind hier mehr als 100 Stunden geleistet worden.

Wie ist die Testbereitschaft der Klosterneuburger?

Die Teststraße hat sich eingespielt. Viele die kommen sind mittlerweile „Stammgäste“ und man kennt sich. Die Testbereitschaft der Klosterneuburger schätze ich hoch ein. Die, die müssen und eine Bestätigung brauchen kommen regelmäßig. Für die Selbstkontrolle testen sich mittlerweile viele selbst zu Hause durch die „Nasenbohrer-Tests“.

Auch bei der Impfstraße ist das Rote Kreuz federführend – wie viele Mitarbeiter sind hier im Einsatz, wie viele Stunden?

Bisher haben wir eine interne Impfstraße für die eigenen Mitarbeiter mit einem Stundenaufwand von etwa 100 Stunden organisiert. Für den ersten Impftermin in Klosterneuburg standen 45 Mitarbeiter mit knapp 500 Stunden im Einsatz. Zusätzlich kommen noch Vor- und Nacharbeiten dazu.

Wie schätzen Sie die Impfbereitschaft der Klosterneuburger ein?

Die Nachfrage ist eine Hohe. Daher schätze ich die Impfbereitschaft hoch ein. Sehr viel Verwirrung hat aber die Diskussion um die unterschiedlichen Impfstoffe ausgelöst.

Ganz „nebenbei“ läuft auch der normale Alltag weiter – welche Dienste sind das und wie beeinflusst Corona diese?

Es gibt keinen Leistungsbereich, der nicht angepasst werden musst. Manche Bereiche, wie Seniorennachmittage, Spielenachmittage oder das betreute Reisen können im Moment nicht durchgeführt werden. Hier wird telefonisch Kontakt gehalten. Der Sozialladen war durchgehend geöffnet. Wie in jedem normalen „Supermarkt“ werden auch bei uns die Hygienemaßnahmen umgesetzt. Am stärksten ist natürlich der Rettungsdienst betroffen – mittlerweile selbstverständlich: Selbsttestungen zu Dienstbeginn, persönliche Schutzausrüstung bei jedem Einsatz und vor allem ein anderes einsatztaktisches Vorgehen. Es betritt immer zuerst nur ein Sanitäter den Raum und führt eine sogenannte „Covid-Abfrage“ mit einer Temperaturmessung durch. Die Bezirksstelle darf nur noch von im Dienst stehenden Personal betreten werden. Besuche „für einen Kaffee“ gibt es derzeit leider nicht.

Woran fehlt es – Mitarbeitern, Geld oder Wertschätzung?

Als Verein kann man nicht genügend Mitarbeiter bzw. Geld für soziale Aktionen haben. Wir wollen uns hier aber nicht beschweren. Die Unterstützung der Bevölkerung und durch unsere Mitarbeiter ist großartig. Sie sind für mich „Helden des Alltags“. Arbeiten zu gehen, zu studieren und daneben den Rettungsdienst, unsere sozialen Aktivitäten, die Jugendarbeit, die Katastrophenhilfe und die Ausbildung aufrecht zu erhalten – und dies in Pandemiezeiten, ist wirklich nicht selbstverständlich. Leider wird dies manchmal aber als „selbstverständlich“ hingenommen. Natürlich gibt es auch negatives Feedback. Häufig spielen hier natürlich Emotionen mit. Meist fehlen Informationen oder es handelt sich um „Informationen aus dritter Hand“. Für unsere Mitarbeiter war das letzte Jahr sicher eine Herausforderung und ich bin sehr stolz darauf, dass der Zusammenhalt so hoch ist.

Wie sehr beschäftigt einen Rot-Kreuz-Mitarbeiter die Pandemie emotional? Mit welchem Gefühl geht man in die Arbeit und danach wieder nach Hause?

Am Anfang hat Angst mitgespielt. Mittlerweile sind die Abläufe Routine geworden. Besonders unser Mitarbeiter über 65 Jahre im Henryladen oder in den Gesundheits- und Sozialen Diensten waren einem besonderen emotionalen Druck ausgesetzt. Im Rettungsdienst haben hier unsere Mitarbeiter für Stressverarbeitung nach belastenden Einsätzen laufend Kontakt zu unserer Mannschaft gesucht. Freiwilligen, Zivildienstleistende und hauptberufliche Kollegen haben aber außergewöhnliches geleistet und so konnten alle Leistungsbereiche aufrechterhalten bleiben und zusätzliche Leistungen erbracht werden. Diese „Aufwuchsfähigkeit“ ist nur in einem freiwilligen Verein möglich und wird leider nicht immer in der Öffentlichkeit so erkannt.

Welche Stimmung herrscht unter den Mitarbeitern?

Wir haben über 400 Mitarbeiter beim Roten Kreuz Klosterneuburg. Die Stimmung ist gut. Doch natürlich ist eine Covid-Müdigkeit wahrnehmbar. Laufende Anpassungen und vor allem Änderungen im sozialen Umfeld (Lockdown) drücken natürlich die Stimmung. Als Mitarbeiter des Roten Kreuzes ist man natürlich Vorbild und muss dies in der Öffentlichkeit auch entsprechend umsetzen. Nicht immer werden die Sicherheitsmaßnahmen geschätzt.

Wie wird die Corona-Arbeit des Roten Kreuz von der Bevölkerung in Klosterneuburg angenommen?

Eine Frage, die nicht wirklich zu beantworten ist. Die Rückmeldungen die wir erhalten sind überwiegend positiv. Natürlich gibt es aber auch die, denen man nichts recht machen kann. Eine Gesamtbeurteilung traue ich mir hier nicht abzugeben.

Wie beurteilen Sie die Corona-Situation in Klosterneuburg? Was läuft gut? Was läuft schlecht und was wäre die Lösung dafür?

Man kann immer etwas besser machen, aber ich glaube, dass wir auf einem hohen „Niveau raunzen“. Im Dezember wurde die erste Massentestung innerhalb von 14-Tagen auf die Beine gestellt, im Jänner die nächste. Jeweils mehr als 10.000 Personen wurden getestet. Seit 12 Wochen wird eine Teststraße betrieben – mehr als 40.000 Tests durchgeführt. Im Jänner waren Impfungen noch ein „Gerücht“ und Anfang April haben österreichweit zumindest 2 Millionen Menschen die erste Teilimpfung erhalten. Diese eingetragen im elektronischen Impfpass. Die Krise hat eine massive digitale Weiterentwicklung gebracht. Besprechungen per Zoom oder MS Teams waren vor mehr als einem Jahr noch eine Ausnahme. Heute sind Fortbildungen auf dieser Ebene kein Thema mehr. Was in so kurzer Zeit passiert ist, ist eigentlich sensationell. Vieles würde man im Nachhinein anders, wahrscheinlich besser machen. Besonders im Verwaltungsbereich merkt man in Österreich die immense Bürokratie. Aber im Überblick haben wir uns als Rotes Kreuz Klosterneuburg gut geschlagen und für die Bevölkerung Leistungen erbracht, die in die Chronik der Stadt Einzug finden werden.

Was wünscht sich das Rote Kreuz für die Zukunft?

Wie jeder wünschen wir uns, einer Rückkehr zu einer vernünftigen, planbaren Lebenssituation. Wir glauben aber, dass uns das Virus noch lange begleiten wird. Als Rotes Kreuz kommen in den nächsten Jahren herausfordernde Zeiten auch ohne Covid zu. Der Rettungsdienst wird gerade auf neue Strukturen umgestellt. Die größte Anpassung seit 1945. Auf der anderen Seite ist die Raumsituation der in die Jahre gekommenen Bezirksstelle nicht mehr tragbar. Hier wird dringend eine Lösung gesucht.