„Damit Kinder eine Zukunft haben. Und nicht auf das Sterben warten.““

Erstellt am 03. Juli 2022 | 05:54
Lesezeit: 5 Min
„Zuerst verhungern die Rinder, dann ältere Menschen und Kinder.“ Ein Reisebericht aus Äthiopien von Caritasdirektor Klaus Schwertner aus Klosterneuburg.
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„Seit einigen Tagen bin ich zurück aus Äthiopien. Mein Körper ist hier, meine Gedanken und mein Herz sind weiterhin dort. Was für intensive, berührende und dramatische Tage das waren. Was für ein wunderbares Land Äthiopien ist, so freundliche Menschen, entzückende Kinder, welch vielfältige Natur. Leider sind besonders dort die dramatischen Auswirkungen der Klimakrise bereits seit etlichen Jahren dramatisch spürbar. Es herrscht eine unvorstellbare Dürre, die schlimmste seit 40 Jahren. Das vierte Mal in Folge kommt einfach keine Regenzeit. Am Horn von Afrika droht eine Hungersnot gravierenden Ausmaßes. Jedes sechste Kind in Äthiopien erlebt seinen fünften Geburtstag nicht. Und wir bekommen es hier in Österreich nicht einmal richtig mit“, berichtet Klaus Schwertner, gf. Caritasdirektor der Erzdiözese Wien, von seiner Reise.

„Leichtfertig sprechen wir davon, dass mehr als 811 Millionen Menschen weltweit hungern.“

Äthiopien ist eines der ärmsten Länder der Erde und stark von internationaler Hilfe abhängig. Weltbank und EU finanzieren rund 40 Prozent des Staatshaushaltes. 7,4 Millionen Menschen in Äthiopien gehen täglich hungrig zu Bett – trotz des World Food Programms. Und die Situation spitzt sich zu: Durch den Krieg in der Ukraine fehlt es an Weizen. Eine weltweite Nahrungsmittelkrise droht. Das World Food Programm musste zuletzt die Essensrationen halbieren.

„Leichtfertig sprechen wir davon, dass mehr als 811 Millionen Menschen weltweit hungern. Wenn Zahlen von hungernden Kindern plötzlich Gesichter und Namen bekommen, ich ihre zarten, abgemagerten Händchen halte, dann kämpfe auch ich ehrlich gesagt mit den Tränen. Zum Beispiel als ich einem dreijährigen Mädchen vorsichtig den Arm streichelte, das von seiner Mama in eine Klinik gebracht wurde. Es war so abgemagert und dehydriert, so klein und zerbrechlich. Tezita, so heißt das Mädchen, wird die nächsten Wochen vermutlich nicht überleben. Besonders in Momenten wie diesen wird mir einmal mehr bewusst, wie wichtig die Caritasarbeit ist. Warum es unbedingt notwendig ist, weiter zu helfen. Weil unsere Hilfe sicherstellt, dass Kinder lachen, spielen und in die Schule gehen können. Damit sie eine Gegenwart und eine Zukunft haben. Und nicht auf das Sterben warten.“

Dürre gefährdet wirtschafltiche Existenz

Der Wasser- und Futtermangel am Horn von Afrika kostete auch rund sieben Millionen Tieren das Leben. Für die Nomaden und Halbnomaden in den Dürregebieten bedeutet der Verlust von Rindern, Schafen und Ziegen das Wegfallen ihrer wirtschaftlichen Existenz. Und die fehlende Milch trägt zur Unterernährung der Kinder bei.

„Wenn Kinder im Jahr 2022 an Hunger sterben, dann ist das Mord“, sagte Jean Ziegler, bekannt für seine drastischen Formulierungen und deutlichen Worte. Anders hat es Karl Heinz Böhm formuliert: „Lass uns die Sprache sprechen, die auf der ganzen Welt verstanden und gesprochen wird: Die Sprache des Herzens.“ Zwei Sätze, an die der Klosterneuburger auf seiner Reise immer wieder denken musste.

Mit der Spendenkampagne „Wir haben Hunger satt“ macht die Caritas die nächsten Wochen auf dieses himmelschreiende Unrecht aufmerksam, um die Hilfe weiter auszubauen. Bei akuten Hungersnöten werden Nahrungsmittelpakete verteilt und Geldhilfen geleistet. Unterernährte Kleinkinder werden in Babyfeeding-Zentren und ältere Kinder in Schulen mit einer täglichen warmen Mahlzeit versorgt. Kleinbauern erhalten Saat, die auch unter Trockenheit gedeiht, Schulungen für diversifizierten Anbau mit Gemüse und Hilfen für den Umstieg von der reinen Viehzucht. Ein Spital und elf kleine Ambulanzen in abgelegenen Regionen sichern die medizinische Versorgung für rund 400.000 Menschen im Jahr.

Die Caritas unterstützt in Äthiopien zahlreiche Programme, die speziell Frauen fördern. Teilweise sind die Projekte bereits ausgelaufen, werden von den Menschen aber selbstständig fortgeführt. Wie mit einmaliger Hilfe Frauen auf Dauer unterstützt werden, zeigen viele „Mutmach-Projekte“: Mit nur 45 Euro wird eine Ziege finanziert. Das Tier trägt zu einer ausgewogenen Ernährung bei und steigert das Einkommen für die Familien. Tiere werden auch als „Sparbuch“ gehalten, um durch Verkauf Geld in Notsituationen zu haben.

„‘Wir können ja nicht alle retten.‘ Allen, die das sagen, würde ich gerne das Gefühl schicken. Das Gefühl, einer verzweifelten Mutter ins Gesicht zu schauen, die seit Monaten ihrem kleinen Kind nicht ausreichend Nahrung geben konnte. Die ihr völlig abgemagertes und dehydriertes Kind ganz vorsichtig im Arm hält und weiß, dass es vermutlich nur noch wenige Wochen zu leben hat. Dieser Mutter zu sagen, Hilfe ist ja nur ein Tropfen auf den heißen Stein, ist schon ziemlich menschenverachtend und überheblich. Sagen wir solche Sätze nicht ziemlich unwissend und aus einer immer noch verdammt privilegierten Situation heraus? Für diese Mutter und ihr dreijähriges Mädchen entscheidet diese Hilfe zwischen Leben und Tod. Vielleicht sollten wir das im Hinterkopf haben, wenn wir leichtfertig solche Sätze sagen. Die Folgerung daraus kann ja wohl nicht sein, niemandem zu helfen. Sollten wir nicht alles unternehmen, um möglichst vielen Menschen zu helfen. Hilfe zur Selbsthilfe zu leisten? Ich bin überzeugt davon. Bitte helfen auch Sie. Jede Spende macht einen Unterschied. Danke“, appelliert Schwertner.

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