PUK-Kehrer im Interview: „Materiell sind die fetten Jahre vorbei“

Erstellt am 25. August 2022 | 05:46
Lesezeit: 7 Min
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Verkehrstadtrat Johannes Kehrer stellt sich den Fragen der NÖN. Foto: Hornstein
Foto: Hornstein
Fast wäre die PUK 2020 drittstärkste Kraft in der Stadt geworden. Johannes Kehrer über damals, Aktuelles und die Zukunft.
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NÖN: Halbzeit der laufenden Amtsperiode. Welche Bilanz ziehen Sie?

Johannes Kehrer: Wir haben 2020 ein Mandat dazugewonnen und hätten fast die SPÖ überholt. Intern haben wir unser Team gefunden, trotz personeller Veränderungen. Wir haben gesprüht vor Ideen in der ersten Zeit, dann kam Corona.

Was hat Corona verändert?

Kehrer: Ich glaube, dass Corona einen positiven Effekt auf den Gemeinderat und auf das politische Miteinander gehabt hat. Aus Corona heraus ist es ein bisschen schwer, die größeren Projekte wieder anzupacken.

Was sind große Projekte?

Kehrer: Sehr viel tut sich in der Stadtentwicklung, Spar, Weidlinger Bahnhof, Weilguni-Areal. Da sind wir einerseits ein bisschen die kritischen Betrachter, gleichzeitig liefern wir aber konstruktive Vorschläge. Da geht es jetzt weniger ums Geld, sondern darum, wie sich die Stadt weiterentwickelt.

Was sind den die in Ihrem Verkehrsressort anstehenden Herausforderungen?

Kehrer: Da gab es einmal das Thema mit der Sanierung der Hangbrücke, die neue Busführung mit der Verdichtung auf den Außennetzen oder der Radwegeausbau – das läuft eigentlich wirklich alles sehr gut. Beim Radnetz fehlen jetzt noch die notwendigen Lückenschlüsse. Das sind die klaren Ziele im Verkehrsressort.

Wovon träumen Sie, wenn Sie an Stadtentwicklung denken?

Kehrer: An die Gestaltung des Rathausplatzes. Jetzt sitzen wir gerade da, im Monat August, wo dieser Platz durch das Filmfestival wirklich lebendig ist, wo man merkt, wie toll so ein Platz sein kann.

Wie soll der Rathausplatz nach Ihren Vorstellungen aussehen?

Kehrer: Wir wollen viel Aufenthaltsqualität bieten. Der Rathausplatz soll ein lebendiges Zentrum sein. Nicht nur im August. Ein Ort, wo man sich sozial austauschen kann.

Da müssten die Autos weg...

Kehrer: Da braucht es ein Parkplatzkonzept, um zu sehen, wo es andere Parkflächen gibt. Ich glaub nicht, dass es zwangsläufig erforderlich ist, dass man eine Tiefgarage baut, denn wir haben Parkflächen – wie die Parkgarage – die nicht oder wenig genützt sind.

Über dieses Thema reden wir schon Jahrzehnte. Warum passiert da nichts?

Kehrer: Es ist natürlich auch eine finanzielle Herausforderung. Ich glaube aber, man muss es einmal wirklich anpacken, aber da herrscht ein bisschen Angst. Jeder weiß, dass natürlich das Parkplatzthema die zentrale Frage ist. Aber dieses Thema anzupacken braucht Mut und eine klare Vision, weil große Ideen immer auch einen Widerstand bringen.

Fehlt es der Stadtregierung ein bisschen an Mut?

Kehrer: Ja. Das ist mein Appell an den Bürgermeister und an die ÖVP, mehr Mut zu beweisen. Es allen recht zu machen, das wird nie funktionieren.

Die Realisierung dieses Wunschprojekts wird sich in der zweiten Hälfte der Amtsperiode nicht ausgehen. Was wird sich denn ausgehen?

Kehrer: Vielleicht wird sich die Nachnutzung des Kinos am Rathauplatz ausgehen. Aber da müsste man schon den Platz mitdenken. Ich habe großen Respekt vor Kulturstadträtin Verena Pöschl. Wirklich toll, wie sie das Projekt angeht, alle ins Boot holt und wie gewissenhaft und transparent sie das macht. Ich hoffe nur, dass das die ÖVP intern auch so schätzt und dass es dann auch umgesetzt wird. Und dann das Projekt Gesundheitszentrum Martinstraße.

Das wird verkehrstechnisch ja eine Herausforderung…

Kehrer: Da wird gerade ein Verkehrskonzept erarbeitet. Die Erschließung über die Langstögergasse in beide Richtungen wird sich dort ausgehen. Wichtig ist allerdings auch, dass man dort auch die Flächen für den Schulverkehr schafft.

Ist nicht Klosterneuburg die Stadt der ungenützten Möglichkeiten?

Kehrer: Da haben Sie schon recht. Das Lebendigmachen der Stadt, wie gestaltet man den öffentlichen Raum, wie geht man mit einer Altstadt um – überall anders hat man Begegnungszonen. Dass Bedarf dafür besteht, zeigt sich gerade jetzt am Rathausplatz. Die Leute wollen das in Klosterneuburg. Es gibt auch Geschäftstreibende, die in diese Richtung Impulse setzten wollen, da müssen wir als Stadtgemeinde die Rahmenbedingungen schaffen.

Wenn die Entwicklung des städtischen Lebensraumes in Klosterneuburg so schnell ginge, wie der Wohnungsbau – wäre das nicht ein Hit?

Kehrer: Ja natürlich. Der private Wohnungsbau boomt, aber die Infrastruktur hinkt da nach und fehlt schon.

Verkehrsstadtrat Kehrer ist unmittelbar mit dem Thema Pionierviertel verbunden. Ist das Projekt des neuen Stadtteils für Sie gestorben?

Kehrer: Anscheinend kam das Projekt für uns zu früh. Es trauen sich die Verantwortlichen anscheinend nicht, so etwas umzusetzen. Leider steht es nun. Wenn man sich andere Städte und seine Ballungsräume in Europa anschaut, gibt es solche Projekte ja überall. Das ist halt wieder eine Mutsache, so etwas umzusetzen.

Es ist ja an Verkehrsproblemen gescheitert…

Kehrer: Nein. Prinzipiell braucht es Begleitmaßnahmen. Der Kreisverkehr wäre zu gewissen Zeiten überlastet. Aber da gibt es Maßnahmen, dass man das trotzdem schaffen könnte.

Der Kreisverkehr ist ja jetzt schon zu gewissen Zeiten überlastet…

Kehrer: Man braucht die Erfahrungen, die andere gemacht haben, und die Fantasie, dass sich dort jeder so verhält, wie wenn jeder zwei Autos hätte.

Sie glauben also noch immer daran, dass das ein autofreier Stadtteil wird?

Kehrer: Das ist alternativlos. Das wird so passieren. So geht nachhaltige und klimafreundliche Siedlungsentwicklung.

Die vorangegangen Sommergespräche waren von den globalen Krisenthemen geprägt. Ist es für eine Grün-Partei wie die PUK nicht doch auch erfreulich, dass durch die
Gaskrise der Umstieg auf nachhaltige Energieformen gepusht wird?

Kehrer: Ich bin natürliche gegen jeden Krieg und persönlich erschüttert, weil das erste Mal in meinem Leben so etwas in unmittelbarer Nähe passiert. Dass die damit verbundene Energiekrise, den Wunsch aus dem Gas auszusteigen fördert, ist klar und ein positiver Effekt. Allerdings wissen wir, dass man den Energiebedarf decken muss. So gibt es auch die Entwicklung, dass wieder Kohle verfeuert wird. Da muss man politisch nachhelfen, dass es ganz bestimmt nur in die eine richtige Richtung geht.

Bedrückt Sie privat die Krisensituation?

Kehrer: Ich habe eigentlich einen Grundoptimismus. Dass sich die ganze Welt biologisch verändert, die humanitäre Katastrophe in der Ukraine – das ist auch für mich sehr bedrückend.

Müssen wir zur Kenntnis nehmen, dass die fetten Jahre vorbei sind?

Kehrer: Die fetten Jahre sind vorbei – das passt meiner Meinung nach gut. Weil fett bedeutet, über ein angemessenes Maß hinaus. Die verschwenderischen Jahre sind mit Sicherheit vorbei. Trotzdem hat unsere Generation Chancen, die andere bei Weiten nicht hatten. Gesellschaftlich gibt es auch noch viel zu tun. Materiell sind die fetten Jahre vorbei. Aber das Szenario es wird alles schlechter, das sehe ich nicht.

Wie stehen Sie zu den Sanktionen gegen Russland?

Kehrer: Es ist, glaube ich, auch da alternativlos. Es geht darum, ob man so ein Verhalten akzeptiert, oder nicht. Es steht auch viel auf dem Spiel, denn es ist ein Kampf um Werte, Demokratie und Freiheit.

2025 haben wir wieder Wahlen. Wohin wird sich die Liste PUK entwickeln?

Kehrer: Bis jetzt war es immer so, dass diese Liste zugelegt hat. Ich glaube, wir bleiben unserer Linie treu.

Wenn Sie Bürgermeister wären, mit welcher Partei könnten Sie am besten zusammenarbeiten?

Kehrer: Ich weiß heute noch nicht einmal, ob ich 2025 antreten werde. Ich glaube, Politiker sollten nur für eine bestimmte Zeit wirken dürfen, damit neue Ideen und neu Zugangsweisen laufend Einzug halten können. Wir werden aber mit klaren Ideen in die Wahl gehen und da ginge es nur darum, wer diese Ideen mittragen will. Wir bräuchten in Klosterneuburg jemanden der Mut hat große Entscheidungen zu treffen, denn große Entscheidungen gibt es in Klosterneuburg schon lange nicht mehr.

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