Eklat um Opern-Inszenierung: „Hat hier nichts verloren“. Das Stift Klosterneuburg ist empört über pornografische Szenen in der Stiftskirche und forderte entschärfte Version.

Von Claudia Wagner. Erstellt am 18. September 2019 (04:26)

Texte wie „Ich lock ihn dir in deinen Schoß“, Sex-Szenen im Altarraum – auf der Leinwand im Hintergrund Palästina-Präsident Jassir Arafat –, Sänger schmeißen Holzkisten auf den Marmorboden, Kinder turnen auf barocken Bänken, der Bildschirm zeigt schmusende Weltpolitiker. Die entschärfte Version der „Königin von Saba“ hatte es immer noch in sich. Eine Friedensoper zum Nahost-Konflikt war in der Stiftskirche geplant, stattdessen hinterlässt das Stück einen bitteren Nachgeschmack beim Gastgeber.

Nach der öffentlichen Vorpremiere setzte das Stift dem „Kulturverein Opernaufführungen Königin von Saba“ ein Ultimatum: Zwei Szenen – das Anmalen der nackten Königin mit schwarzer Farbe und der Auftritt ihrer Dienerin Astaroth in Tanga und mit goldenem Umschnall-Dildo – mussten entschärft werden, sonst sage das Stift die weiteren beiden Aufführungen ab. Sprecher Walter Hanzmann unterstreicht: „Da geht es nicht um eine entblößte Brust, das ist reine Provokation.“

Keine Bedenken bei Hintergrund-Check

Im Vorfeld habe sich das Stift genau mit der Oper beschäftigt. Einen Konnex zu Klosterneuburg schafft der Verduner Altar (siehe Artikel rechts), das Stück von Carl Goldmark erfreute sich vor dem Nationalsozialismus großer Beliebtheit (siehe Infobox links). Hanzmann: „Wir haben uns mit der Oper auseinandergesetzt und befunden, dass sie stimmig ist und gut zu unserem Haus und unserer Geschichte passt.“

Von sexualisierter, pornografischer Erotik sei nie die Rede gewesen, auch nicht im persönlichen Gespräch mit den Verantwortlichen der Oper. Umso größer der Schock, als dann bei der ersten Aufführung eine Frau mit Umschnall-Phallus um den Altar spazierte. „Das hat an einem denkmalgeschützten, sakralen Ort, unter dem Gräber liegen, nichts verloren“, ist der Stifts-Sprecher empört. Ein Mitglied des Ensembles habe sogar an Propst Bernhard Backovsky geschrieben, dass die Inszenierung „nicht tragbar“ sei.

„Aus meiner Sicht hat das Stift zurecht gehandelt. Wir haben uns selbst dazu verpflichtet, den Sakralraum zu achten“ Konrad Melchers, Produzent von „Die Königin von Saba“

Produzent Konrad Melchers versucht zu beschwichtigen: „Aus meiner Sicht hat das Stift zurecht gehandelt. Wir haben uns selbst dazu verpflichtet, den Sakralraum zu achten.“ Melchers hatte eine große Vision für „Die Königin von Saba“: Er wollte mit der Oper durch Kirchenhäuser ziehen und dem Werk von Carl Goldmark die Anerkennung einbringen, die sie in der Geschichte einst hatte. Mit der misslungenen Premiere in Klosterneuburg steht das Vorhaben unter keinem guten Stern. Aber: „Mir persönlich gefällt die neue Kombination mit Kleidung und Begleitfilm sehr gut.“ Statt dem goldenen Requisit war bei den zweiten Aufführungen eine Python zu sehen. Die Schlange, in der Bibel ein Symbol für Böses und Verführung, räkelte sich um die bekleidete Astaroth – von der Schulter weg, durch die Beine.

Ganz wollte Regisseur Peter P. Pachl aber nicht auf die Dildo-Szene verzichten. Video-Aufnahmen von der Generalprobe waren auch bei der zweiten und dritten Aufführung zu sehen, diesmal auf der Leinwand im Hintergrund. Pachl erklärt die Symbolik: „Astaroth ist ein zweigeschlechtliches Wesen mit männlichen und weiblichen Merkmalen. Im Lustgarten verwandelt sich die Sängerin, deswegen der große, goldene Umschnall-Phallus.“

Der Dildo verkörpert, so Pachl, die Verführungskraft und die Dämonenhaftigkeit der Dienerin. Die Alternative sei nur Schadensbegrenzung gewesen – die nächsten Aufführungen wünscht sich der Regisseur in Original-Fassung. Aber er ist offen für Änderungen: „Das ist einmal der erste Ansatz, das Stück wird sich noch weiterentwickeln.“

„Wir werden so einen scharfen Vertrag machen müssen, dass künftige Künstler erstmal zurückschrecken werden.“

Auch die Chorherren werden ihre Konsequenzen aus den Ausführungen ziehen: „Wir werden noch ausführlicher hinterleuchten, wer welchen Raum anfragt“, plant Hanzmann. Er denke an Vertragsklauseln mit strengen Haus- oder Verhaltensregeln. Das sei ein enormer Aufwand für das Stift. Der Sprecher bedauert: „Wir werden so einen scharfen Vertrag machen müssen, dass künftige Künstler erstmal zurückschrecken werden.“ Leider mache dieser Vorfall so einen Schritt notwendig.

Gar nicht davon betroffen ist die „operklosterneuburg“, seit Jahren ein verlässlicher Partner des Stifts. Um Verwechslungen vorzubeugen, stellt Intendant Michael Garschall klar: „,Die Königin von Saba‘ hat überhaupt nichts mit uns zu tun.“