Fürnsinn im Gespräch: „Immer um Ausgleich bemüht sein“

Nach groben Unstimmigkeiten im Konvent wurde von Rom nach einer Visitation ein Delegat und in weiterer Folge ein neuer Administrator für das Stift Klosterneuburg bestellt. Sein Name: Maximilian Fürnsinn.

Christoph Hornstein
Christoph Hornstein Erstellt am 25. September 2021 | 05:44
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Prälat Maximilian Fürnsinn ist als Administrator des Stifts Klosterneuburg seit Anfang Juli tätig.
Foto: Hanzmann/Stift Klbg.

Seit Anfang Juli hat er das Sagen im Stift Klosterneuburg: Maximilian Fürnsinn, ehemaliger Propst der Chorherren in Herzogenburg, führt nun die Geschicke in Klosterneuburg. Nach dem gesundheitlichen Rückzug von Propst Bernhard Backovsky wurde von Rom eine Neuwahl nicht zugelassen. Bischof Josef Clemens wurde nach einer apostolischen Visitation als neuer Delegat mit der Aufsicht des Chorherrenstifts betraut. Er setzte Maximilien Fürnsinn als Administrator ein. Die NÖN bat um ein Gespräch mit dem hohen Ordensmann.

NÖN: Das ist eine Frage, die sicher sehr oft an Sie gestellt worden ist: Ich habe gelesen, dass Sie den Beruf Fleischhauer gelernt haben. Passt das denn zu den Attributen eines hohen Ordensmannes? Fleischhauer sind ja nicht gerade die sensibelsten Menschen...

Maximilian Fürnsinn: Da kennen Sie die Branche nicht. Also meine Aussage war immer: Die sensibelsten und feinfühligsten Menschen sind die Fleischhauer. Wie überall gibt es Gute und Schlechte. Solche, die ihren Beruf gern machen, und solche, die ihn halt irgendwie machen.

Waren Sie nicht auch Novize im Stift Klosterneuburg?

Das stimmt, und ich war dann noch vier Jahre an der Ordenshochschule, als es die noch gab.

„Es geht einmal darum, einen Vergemeinschaftungsprozess zu initiieren.“

Was ist konkret Ihre Aufgabe hier als Administrator des Stifts Klosterneuburg?

Das Stift mit allen seinen Facetten zu leiten, wiewohl der Bischof in Rom mitverantwortlich ist. Wir zwei haben ein sehr gutes Verhältnis miteinander und uns in vielen Dingen miteinander ausgesprochen. Das passt. Meine Aufgabe ist es, jetzt hier einen gewissen Erneuerungsprozess einzuleiten.

Was heißt das konkret? Warum Erneuerung? Ist das Stift veraltet?

Es geht einmal darum, einen Vergemeinschaftungsprozess zu initiieren. Da ist sicher manches aus dem Ruder gelaufen, es hat gewissen Unruhen gegeben, und ich denke mir, da ist es jetzt wichtig, die Gemeinschaft hier wieder zusammenzuführen.

Nach dem Abtritt von Bernhard Backovsky sollen sich ja im Konvent zwei Lager gebildet haben. Das bedeutete eine ziemliche Spaltung im Haus...

Ich habe dazu eine andere Meinung. Es stört mich nicht so sehr, dass es in einem Kloster mehrere Sichten auf die Gemeinschaft gibt. Das halte ich für legitim und durchaus auch für etwas Lebendiges. Schwierig wird es dort, wo man einander nicht anerkennt, ausgrenzt oder nicht haben will – oder wie immer Sie das bezeichnen wollen. Man könnte es noch schlimmer bezeichnen. Ich denke mir, das Zusammenzuführen kann ein durchaus lebendiger Prozess sein.

Was haben Sie dahingehend bis jetzt alles in die Wege geleitet?

Auf diesem Weg der Gemeinschaftung habe ich auch schon einige Vorkehrungen getroffen. Ich habe jemanden ausgesucht, der uns von außen her begleiten wird, der das Arbeiten mit Gruppen beherrscht, habe auch eine Steuerungsgruppe aus dem Konvent aufgestellt, die diesen Prozess begleitet, den ganzen Prozess entwerfen und strukturieren und alle Probleme auf den Tisch legen wird. Auch Visionen, wie es weitergehen kann, werden entwickelt, und wenn das reif genug ist, wird die ganze Kommunität einbezogen.

„Wir haben hier wahnsinnig gute und gescheite Leute, die wissen, was sie wollen, die sich aber in ihren Ansichten unterscheiden.“

Das große Ziel ist, dass alle wieder an einen Strang ziehen…

Wenn Sie es so sagen wollen, ja. Mir geht es darum, dass man eine verantwortete Selbstleitung in dieser Gemeinschaft zusammenbringt. Damit meine ich, dass wieder alle miteinander Verantwortung für ihr Haus und ihre Gemeinschaft übernehmen. Das ist manchmal ins Rutschen gekommen. Das ist so ähnlich wie eine zerrüttete Ehe. Die gibt’s ja auch.

Gelingt das auch?

Ich bin da unglaublich positiv. Wir haben hier wahnsinnig gute und gescheite Leute, die wissen, was sie wollen, die sich aber in ihren Ansichten unterscheiden.

Hat Ihre Aufgabe auch mit den sexuellen Übergriffen der Vergangenheit zu tun?

Ja, selbstverständlich. Die Missbräuche, die es in diesem Haus gibt – wobei ich immer gerne dazu sage: Den Missbrauch, den es in Klosterneuburg gibt, hat es in der ganzen Kirche gegeben. Ich möchte damit zum Ausdruck bringen, dass das kein Einzelfall ist.

Das ist aber auch keine Entschuldigung…

Sie haben völlig recht, das ist keine Entschuldigung. Dass man sich dazu bekennt und die Verantwortung übernimmt, ist aber auch für den Bischof wichtig. Man kann nicht immer nur so tun und wegschauen.

Was ist der Unterschied zur Aufklärungsarbeit zwischen Ihnen und Propst Backovsky?

Ich gehe da vielleicht einen anderen Weg. Ich kooperiere sehr stark mit der Erzdiözese. Fälle, die es gegeben hat und die noch offen sind – vieles haben wir ja schon abgeklärt – habe ich der Kommission der Erzdiözese übergeben und möchte sie vor die Klasnic-Kommission bringen. Mir ist das insofern wichtig, als man dadurch diesen Verdacht wegbringt, wir würden uns das selber richten. Ich kann zusagen, dass wir das, was dort herauskommt, 1:1 übernehmen und umsetzen werden.

„Wenn sie in die Gesellschaft hineinschauen, stellt heute jeder sein Eigenes über die Gemeinschaft. Wir haben heute in allen Bereichen eine starke Gemeinwohldebatte. Dieser Satz gilt natürlich auch für Klöster.“

Wie machen Sie das konkret: Ermitteln Sie, oder führen Sie Gespräche?

Leute, die Beschwerden haben, wenden sich an das Haus oder an mich. Wir haben auch eine eigene Präventionsstelle eingerichtet – das möchte ich besonders betonen. Die greifen diese Dinge auf und bekommen den Auftrag, das vorzulegen. Präventionsstelle besagt auch, dass wir da sehr bemüht sind, Prävention wirklich zu betreiben. Ich glaube, da darf das Stift wirklich für sich positiv vermerken, dass wir für alle Angestellten des Stifts und für alle Konventualen verpflichtend eine Präventionsschulung vorgeschrieben haben, die schon im Laufen ist. Wir möchten das Vertrauen wiedergewinnen.

Das Ziel ist also eine restlose Aufklärung der Vorfälle und eine Entschuldigung?

Das, was an uns herangetragen wird, führen wir einer Aufklärung zu und selbstverständlich gibt es auch eine Entschuldigung. Sie sprechen etwas ganz Entscheidendes an, wir wollen den Opfern gerecht werden. Wir nehmen sie ernst, wir weisen sie nicht ab, damit sie auch zu ihrem Recht kommen. Man kann ihnen leider Gottes nicht alles abnehmen, was sie an Leid zu tragen haben.

Das Gemeinsame über das Eigene stellen: Das ist die Regel des Hl. Augustinus, des Ordensvaters der Chorherren. Was versteht man heute darunter?

Sie können diesen Satz einmal politisch anschauen. Es kann kein Staat ohne dieses Prinzip existieren. Wenn sie in die Gesellschaft hineinschauen, stellt heute jeder sein Eigenes über die Gemeinschaft. Wir haben heute in allen Bereichen eine starke Gemeinwohldebatte. Dieser Satz gilt natürlich auch für Klöster. Und das ist auch eine wichtige Botschaft für das Stift Klosterneuburg.

Das kann man ja sicherlich auch auf die aktuelle Impfdebatte umlegen?

Es geht darum, sich impfen zu lassen, um andere zu schützen. Auch hier wieder ist es notwendig, das Gemeinsame über das Eigene zu stellen.

Die einen pochen auf ihr Recht, sich frei entscheiden zu können. Die anderen fordern Solidarität ein. Zwei Fronten, die sich nicht leicht vereinen lassen?

Wir scheinen in der Gesellschaft ein bisschen die Balance zu verlieren. Um es zu verbildlichen: Es ist wie auf einem Surfbrett. Du kannst einmal in die eine Richtung gehen und dann wieder in die andere. Aber du musst immer um den Ausgleich bemüht sein, um nicht unterzugehen. Ich glaube, wir haben momentan so ein ethisch-moralisches Surfbrett, das wir nicht gut bedienen.

Wie lange werden Sie ihre Aufgabe im Stift Klosterneuburg noch wahrnehmen?

Das fragt jeder, aber ich kann das nicht beantworten. Ich habe ein Anfangsdatum für meine Aufgaben von Rom bekommen, nicht das Datum für das Ende. Das ist bei Rom immer so. Sie bestellen einen, aber sagen nicht, wie lange. Rom behält sich vor zu sagen, jetzt ist es genug oder nicht genug. Also, das weiß man nicht. Ewig will ich aber nicht dableiben. Mir ist wichtig, dass ich auch im Stift lebe und dass das Ordensleben gut geht und die Mitte dieser Gemeinschaft bildet.

Was ist Ihnen noch wichtig als Oberhaupt des Chorherrenstiftes Klosterneuburg?

Klosterneuburg ist ein großes Seelsorgsgebiet, und da geht es auch um die Frage: Wie geht es mit den Pfarren weiter? Da möchte ich im Konvent auch einen Prozess anstoßen, sich über das eigene Pfarrgebiet einmal klar zu werden. Wir müssen einmal klären, wie wir die vielen Pfarren in Klosterneuburg zusammenfassen.

Also eine neue Pfarrstruktur?

Eine veränderte Struktur. Mir geht es darum, dass man die Pfarrgebiete sucht, wo Klosterneuburger Priester miteinander arbeiten können, aber dass auch eine gewisse Kooperation der Mitbrüder geschaffen wird. Das gemeinsame Arbeiten halte ich für ein Modell der Chorherren. Wichtig ist mir auch hier, die Pastoral eines geistigen Zentrums zu entwickeln. Damit meine ich: Wofür steht dieses Stift Klosterneuburg? Das Stift ist ein Wirtschaftsfaktor und steht für Kultur. Es gibt aber auch Menschen, die einen geistlichen Anspruch stellen. Wofür steht da dieses Stift?

Und wofür könnte es noch stehen?

Zum Beispiel das Stichwort Jugend. Warum können wir nicht eine außerschulische Pastoraljugendseelsorge aufbauen? Ich denke auch, dass wir über Kultur auch viel stärker in das Seelsorgliche hinein wirken könnten. Ich denke da zum Beispiel an die aktuelle Ausstellung „Was leid tut“, wo man sich mit der Thematik Leid auseinandersetzt. Das wäre uns in der Corona-Zeit sehr zu Hilfe gekommen. Da geht es um Grundfragen der Menschheit: Warum dieses Leid? Was hat Gott mit dem Leid zu tun? Wie gehen wir mit Leid, mit Tod um? Die Kirche hat die Gottesfrage in der Pandemie nicht angesprochen. Wir haben es als Kirche nicht verstanden, in der Pandemie die Grundfragen des Menschen in den Medien zu thematisieren. Da sind viele Fragen offengeblieben, und das fällt uns jetzt in der Kirche auf den Kopf.

Sprechen Sie damit die Besuchszahl der Gottesdienste an?

Wenn ich die Zahl in den Gottesdiensten nach der Pandemie anschaue, denke ich, es ist eine gewisse Bequemlichkeit eingetreten. Man kann ja den Gugelhupf und den Kaffee auch beim Fernseh-Gottesdienst trinken. Der Gottesdienst wird sich wieder erholen, aber nicht ganz. Ich glaube nicht, dass alle zurückkommen, und wir werden neue Formen brauchen.