Weniger als ein Straßenköter. HILFE/ Stift Klosterneuburg unterstützt Sozialprojekt in Rumänien und Moldavien

Erstellt am 25. Juli 2011 (12:26)
NOEN, Christoph HORNSTEIN
VON CHRISTOPH HORNSTEIN

KLOSTERNEUBURG / Es dauert etwas mehr als eine Stunde. Von da nach dort, vom wohlbehüteten Zuhause, mit Reichtum und Luxus, hin zum wirklichen Elend. Nur ein bisschen mehr als eine Stunde. Eine kleine Reisegruppe machte sich auf den Weg dorthin, setzte sich ins Flugzeug. Teils sind es Helfer, teils Berichterstatter, teils sind es Menschen, die Rumänien und Moldawien aufbrechen, um Freunde wiederzusehen. Wir waren noch nie da. Was würde uns erwarten?
„Concordia“ heißt das Zauberwort, das in Bukarest vor 20 Jahren den Kampf gegen die Armut der Ärmsten aufgenommen hat. „Concordia“, also Eintracht, säte der Mann, der vor 20 Jahren nach Bukarest gekommen war, um Leben zu retten, um Leid zu mildern. Pater Georg Sporschill rief 1991 dieses Sozialprojekt ins Leben (siehe Infobox). Er predigte nicht nur von Nächstenliebe, er praktizierte sie. Ob der einfache Jesuitenpater damals, als er sich zu den Bukarester Straßenkindern mit dem Schlafsack in den Park legte, geahnt hat, was aus seiner spontanen, persönlichen Hilfsaktion 20 Jahre später werden sollte?

Als die Räder des Flugzeugs auf dem Asphalt des Bukarester Flughafens aufsetzten, war auch die kleine Reisegruppe aus Klosterneuburg erleichtert, denn ein ungeheures Gewitter erschwerte die Landung. Mit dabei Vertreter des Chorherrenstift Klosterneuburg, eine Hand der vielen helfenden Hände, die ein Wachsen des Sozialprojekts „Concordia“ ermöglichen. Dem entsprechend werden wir im Jugendhaus Casa Iuda empfangen. Herzlich, wie alte Freunde. Es ist die Zentrale von „Concordia“ in Rumänien und wurde erst 2009 gebaut. Es gibt Essen und danach geht es früh zu Bett, denn der nächste Tag ist voll mit Terminen.

Die „Stadt der Kinder“, ein Kinderdorf am Rande der Großstadt Bukarest, ist die erste Station unserer Reise. Im März 2002 gründet Concordia in Ploiesti dieses Kinderdorf. Vier Wohnhäuser, ein Gemeinschaftshaus und eine Ausbildungs- und Sporthalle werden dort betrieben. So an die hundert Kinder - nicht nur Straßenkinder, sondern auch Kinder aus zerrütteten und verarmten Familien, finden hier in acht Familienhäuser ein neues Zuhause. Mit Pauken und Trompeten werden wir empfangen, die Kinder tragen Gedichte vor und singen - singen mit einer derartigen Inbrunst, dass uns Zuhörern das Herz aufgeht. Das macht uns den Abschied schwer.

Weiter ging es mit dem Kleinbus zur „Farm der Kinder“. Früher, zur Zeit des Kommunismus, eine Kolchose, jetzt eine Farm für Kinder mit Wohnhäusern, Landwirtschaft, und Werkstätten. Wir werden durch alle Bereiche geführt, es wird uns alles erklärt, wie , was funktioniert und dass dieser Ort - Aricestii, 80 km nördlich von Bukarest - gut funktioniert, sieht man in den Gesichtern der Kinder geschrieben. Wieder so um die hundert finden hier nicht nur ein Dach über dem Kopf, sondern eine Familie, Betreuung und Schulung.

Endstation nach einem Jahr ist der sichere Tod
Das alles, was nicht funktioniert, zeigt uns der nächste Tag. Wir sind dort, wo das Elend zu Hause ist: der Nordbahnhof von Bukarest. Das ist die Wohnadresse der Straßenkinder, die mittlerweile Jugendliche geworden sind und selbst Kinder bekommen haben. Natürlich auf der Straße, unter unglaublichen hygienischen Bedingungen. „Wir tun alles, damit wir sie von der Straße runter bekommen, aber manche wollen einfach nicht weg von hier“, so Streetworker Costin, der uns mit einem - nur echten Idealisten eigenen- Feuer in den Augen von seiner Arbeit erzählt. Er führt uns ganz nah an diese Menschen, die nichts haben, außer das, was sie am Leib tragen, und denen das Lackschnüffeln und das Setzen von Spritzen mit Kunstdünger, das Hirn zunebelt. Endstation nach einem Jahr ist der sichere Tod. „Wir können niemanden zwingen. Alles beruht auf Freiwilligkeit. Wir können nur Vertrauen schaffen“, weiß Costin. Wut kommt auf. Wut auf diejenigen, die sich eigentlich um ihre Ärmsten kümmern sollten. „Der Wert einer Gesellschaft misst sich daran, wie sie mit ihren Ärmsten umgeht“, fällt einem da ein, in dieser wild pulsierenden Hauptstadt eines EU-Landes, dort wo die Wirtschaft so toll boomt und sich Märkte für andere Länder öffnen. Dort werden sie einfach liegen gelassen, in der Wertigkeit tiefer als die vielen streunenden Straßenköter, die ein ähnliches Schicksal erleiden, wie die früheren Straßenkinder.

Straßenkinder gibt es in Bukarest, weil Diktator Ceausescu, Kinder zusammengefangen hat, um sie als Terroristen für seine Zwecke heranzuziehen. 1989 kam die Revolution. Die Türen unzähliger Kinderlager wurden geöffnet. Somit standen die Kinder ohne Eltern und Verwandten allein auf der Straße. Da ging‘s nur mehr ums nackte Überleben.
Auch im Bukarester Gefängnis ist unser Streetworker Costin an der Arbeit. Er verschafft uns anschließend einen Termin zur Besichtigung. Zuerst der historische Teil, der vor zwanzig Jahren stillgelegt wurde: die schlimmsten Haftverhältnisse, die sich nur ein Sadist ausdenken kann. Der kalte Schauer läuft einem über den Rücken. Dann der neu gebaute Teil. Leider nicht viel besser. 24 Gefangene in Dreistockbetten auf 30 Quadratmeter. Der Fernseher hat gerade noch Platz. Es hat 37 Grad. Fliegen. Dreck. „Die bekommen sicher was ins Essen, damit die nicht durchdrehen“, so die Vermutung eines der Besucher.

Alte und Kinder verarmt bleiben zurück
Am selben Abend noch weg. Mit dem Flugzeug geht es nach Moldavien, ein Land, dass zwischen den Mühlsteinen Russland und der Europäischen Union förmlich zermalmt wird. Wirtschaftlich ist da noch kein Kraut gewachsen, das ein bisschen Reichtum bringen könnte. Dabei ist es ein gutes Land mit ertragreicher Erde. „Es gibt in Moldavien keine Mittelschicht. Die sind alle fort, um Arbeit zu finden und überleben zu können. Zurück bleiben Alte und Kinder“, erklärt man uns.

Von der Hauptstadt Chisinau geht es nach Pirita, einer Landgemeinde am Ufer des Nistru. Hier hat Concordia zehn Kinderhäuser, eine Krankenstation, ein Kindergarten, ein Gemeinschaftshaus, eine Sporthalle, ein Gästehaus und Wirtschaftsräume erbaut. Wir besuchen die „Stadt der Kinder“ und werden wieder besonders liebevoll empfangen. Am nächsten Tag geht es weiter in das erste Sozialzentrum Casa Nadejda in Pirita. Täglich werden im Sozialzentrum hundert arme alte Menschen verpflegt. Volontäre bringen den Bettlägerigen das Essen mit Fahrrädern und Pferdekutschen nach Hause. Wir wurden eingeladen mit zu kommen...

Auf das Klopfzeichen die Antwort, die wohl auf Deutsch sowas wie „bitte hereinkommen“ heißen könnte. Die Tür wird aufgestoßen. In einem Raum, nicht größer als fünfzehn Quadratmeter, sitzt eine alte Frau in Lumpen. Um sie herum Unrat. Es riecht nicht gut. Die Sozialarbeiterin bringt das Essen. Wir erfahren, dass die Frau 70 Jahre alt ist, nur mehr ganz beschwerlich gehen kann, aber partout ihre eigenen vier Wände nicht verlassen will. Sie nimmt die Hilfe dankbar an. Mit weiteren 40 Suppenküchen wird im ganzen Land der Hunger von 5.000 Menschen gestillt.
„Wer ein Leben rettet, rettet die ganze Welt!“, so der Leitspruch von „Concordia“. Er soll denen, die helfen wollen Mut machen und versichern, dass auch die kleinste Hilfe gebraucht wird. Es dauert nicht viel mehr als eine Stunde, wieder zu Hause zu sein. In all dem Luxus, wohlgeborgen. Es dauert aber dann doch beachtlich lange, wieder zur Tageordnung zurück zu kehren...