Distance Learning: Unterricht daheim strengt an. Schüler, Eltern und Lehrer im Bezirk Korneuburg arbeiten zusammen, damit Homeschooling stattfinden kann.

Von Herwig Mohsburger, Christian Sturm und Josef Christelli. Erstellt am 20. Januar 2021 (04:21)
Cornelia Seitz und Sohn Kevin versuchen, gemeinsam die schwierige Zeit des Homeschoolings zu überstehen.
Sturm

Seit Wochen werden Kinder daheim unterrichtet. Die NÖN hat Eltern, Lehrer und Experten gefragt, wo die größten Probleme liegen.

„Den ersten Lockdown fanden wir okay, auch die Kinder waren noch total motiviert“, so Cornelia Seitz aus Harmannsdorf. Für die Schüler gab es einen Arbeitsauftrag für die ganze Woche, der am Freitag abgegeben werden musste. Ab dem zweiten Lockdown wurde es dann für ihren Sohn Kevin (14), der die NÖ Mittelschule in Harmannsdorf besucht, etwas anstrengend, erzählt Seitz. Motivation und Lust blieben auf der Strecke, von den Lehrern gab es wesentlich mehr Druck.

Ein weiteres Problem war laut Seitz, dass die Eltern nicht sofort informiert wurden, wenn Arbeitsaufträge nicht vollständig oder zu spät abgegeben wurden. Kevin wurde für die schulische Betreuung angemeldet, damit er seine Aufgaben zeitgerecht erledigt und bei Bedarf Unterstützung durch eine Lehrkraft erhält. Kevin selbst vermisst im Online-Unterricht manchmal die Erklärungen der Lehrer: „Wenn man etwas fragt, wird man aufgefordert, im Internet zu schauen“, erzählt er.

Homeschooling ist auch für Eltern eine Herausforderung. Seitz etwa hat sich das Buch „Mathe für Eltern“ zugelegt, weil sich viele Fachbegriffe geändert haben. Mit guter Zeiteinteilung und Hilfe durch Freunde oder Nachbarn werde die Familie auch Homeschooling überstehen. Kevin fehlen zwar die Freunde, aber mit Videotelefonie wird der Kontakt gehalten.

„Ich kann mich nicht mehr erinnern, wann meine Kinder zuletzt in der Schule waren.“ Albert Wilder, Vater aus Sierndorf

Vom Homeschooling betroffen ist NÖN-Verkaufsberater Albert Wilder. Mit Gattin und den beiden Kindern ist er in Sierndorf daheim. Während Wilder weitgehend im Homeoffice arbeitet, ist Ehefrau Martina als Lehrerin in der Schule. „Jetzt höre ich: Was gibt’s zum Essen?“ Neben seiner Arbeit kocht Vater Albert für die beiden Söhne.

„Ich kann mich nicht mehr erinnern, wann meine Kinder zuletzt in der Schule waren“, beschreibt Wilder die Situation. Beim Unterricht daheim gibt es durchaus große Unterschiede. Der Ältere hat Fernunterricht am Computer. „Er ist den Vormittag in der Schule – in seinem Zimmer halt“, so Wilder.

Anders sieht es beim Jüngsten in der Familie aus, der noch die Volksschule besucht: „Da gibt es Lernpakete auf Zetteln statt am PC“, so Wilder. Die Pakete werden bei der Schule abgeholt und wieder abgegeben. Problematischer ist die Beschäftigung der Kinder, weil Freunde fehlen. Bei Besuchen des Eislaufplatzes sei dann die Freude groß, wenn Schulkollegen getroffen werden.

„Mit drei Personen, die teilweise gleichzeitig im Internet arbeiten müssen, kommt unsere Verbindung manchmal an ihre Grenzen“, erzählt Angela Flandorfer aus Ernstbrunn. Sonst klappe es den Umständen entsprechend relativ gut. Flandorfer findet aber, dass die Teenies sehr unter den sozialen Abstrichen leiden: „Ich mache mir vor allem Sorgen um das psychische Wohl, weil die Jugendlichen kaum Kontakte zu Gleichaltrigen haben.“

Christian Ernst Gepp aus Thomasl erinnert daran, dass jeder, der keine Zeit hat oder überfordert ist, seine Kinder in die Schule schicken kann. „Meiner Tochter, sie besucht die Oberstufe, taugt die Schule zu Hause. Niemand wird ihre Zukunft stehlen“, erklärt Gepp.

In der schulischen Betreuung machen Kinder dieselben Übungen wie daheim, so Beate Rainer, Direktorin der Volksschule Harmannsdorf. Bei schwierigen Themen gibt es Online-Stunden, für Deutschförderung sogar täglich. „Ohne Unterstützung der Eltern geht es nicht. Von allen Seiten ist das Bemühen sehr groß“, lobt sie den Einsatz. In der ersten Klasse wurde zu Schulbeginn damit begonnen, den Schülern die Buchstaben mit allen Sinnen beizubringen, um für Distance Learning gerüstet zu sein. Deutlich zu erkennen sei die Isola tion der Schüler: „Sie freuen sich schon, wenn sie bei Online-Stunden die Schulkollegen am Computer sehen“, so Rainer.

Elisabeth Veverka aus Gerasdorf ist als Psychologin auch für das Hilfswerk tätig. Aktuell fordern nicht Lernprobleme – „Die fallen nicht auf, weil es wenig Rückmeldungen von den Lehrern gibt“, so Veverka –, dafür steigen die emotionalen Schwierigkeiten.

An Störungen haben bei Kindern durch Homeschooling laut Veverka die Depressionen wie auch selbstverletzendes Verhalten zugenommen. Zudem hätten Kinder verstärkt Probleme mit der zeitlichen Orientierung zwischen den Wochentagen, weil ihnen fixe Termine fehlen. Veverka: „Die Kinder brauchen wieder Schule und Kontakte.“

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