Eiserner Vorhang fiel: „Mit einem Mal eine neue Welt“. Der Zerfall des Ostblocks machte den Traum von offenen Grenzen binnen Wochen zur Realität.

Von Herwig Mohsburger. Erstellt am 08. Mai 2019 (04:34)
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Alois Mock (l.), Österreichs Außenminister, und sein ungarischer Amtskollege Gyula Horn (r.) beim Durchtrennen des Eisernen Vorhangs am 27. Juni 1989. Foto: Robert Jäger / APA-Archiv / picturedesk.com

Wer den Fall des Eisernen Vorhangs im Jahr 1989 bewusst erlebt hat, der hat auch seine ganz persönlichen Erinnerungen. Die NÖN hat sich umgehört, was den Menschen in Gedanken geblieben ist. Der ehemalige VP-LAbg. Karl Litschauer war zu dieser Zeit Abgeordneter zum Bundesrat. Durch den Wegfall des Eisernen Vorhangs „gab es schlagartig eine neue europäische Welt“, schildert er. Was ihn besonders freut: „Dass die Österreicher mitgeholfen haben und sehr hilfsbereit waren.“

Richentzky erlebte Fall in Warschau „live mit“

„Man hatte Bekannte auf beiden Seiten der Grenze“, erzählt der in Gmünd groß gewordene Litschauer. Die Grenze wurde als gefährlich angesehen, „beim Schwammerlsuchen musste man sehr aufpassen, um nicht von Tschechen verhaftet zu werden.“ Den damals für die Ostöffnung mitverantwortlichen Außenminister Alois Mock kannte Litschauer persönlich sehr gut, und er zollt ihm großen Respekt.

Der ehemalige Stockerauer SP-Bürgermeister Leopold Richentzky hat den Fall des Eisernen Vorhangs in Warschau „live miterlebt“. Er war unterwegs zur Partnerstadt Baranowitschi in Weißrussland. „Unser Zug hatte sechs Stunden Aufenthalt. In der Zeit sind ständig Truppentransporte aus dem damaligen Ostdeutschland in Richtung Russland vorbeigerollt.“

Die Situation sei für die Menschen schlagartig schlechter geworden, „weil plötzlich alles zusammengebrochen ist“, als die russischen Truppen und Verwaltungsstrukturen weg waren. Um ihrer Partnerstadt zu helfen, haben die Stockerauer in kürzester Zeit rund zwei Millionen Schilling aufgebracht, freut sich Richentzky. Damit konnten dringend benötigte Sachen wie Aspirin für die Spitäler angeschafft werden. „Bei unserer ersten Fahrt waren wir noch sehr skeptisch, was uns erwarten wird“, erinnert sich Richentzky. Mittlerweile war er mehrmals zu Besuch in Baranowitschi. Die nächste Reise ist für den 15. Mai geplant.

Verkehrszunahme als sichtbarste Veränderung

„Speziell das nördliche Weinviertel hat darunter gelitten, dass es von der dichten Grenze umgeben war“, schildert Harmannsdorfs Altbürgermeister Leopold Steindl (ÖVP) die Situation vor dem Fall des Eisernen Vorhangs. Als Reisender war man stundenlang an den Grenzen im Stau gestanden, „plötzlich war da dieses Gefühl, dass sich alles verändert hat“, so Steindl.

Die sichtbarste Veränderung in Harmannsdorf war für Steindl eine Zunahme des Verkehrs. Nach der Grenzöffnung hatte die Gemeinde ein großes Fest mit der Partnerstadt Trebic aus Tschechien organisiert, die Sprachbarriere war allerdings ein zu großes Hindernis für dauerhaft intensiven Kontakt. Positiv sieht Steindl, dass es möglich ist, für „seine“ Senioren Reisen, etwa zu den Schlössern in Südmähren, zu organisieren.

Nach der Öffnung wurde der Mangel offenbar

„Ich kann mich noch genau erinnern, wie das damals war“, erzählt Stockeraus Stadtamtsdirektorin Maria-Andrea Riedler. Bei einem Weihnachtsmarkt hatten Tschechen aus lauter Freude tschechischen Christbaumbehang verteilt – „obwohl sie selbst fast nichts besaßen“. Besonders markant war für Riedler, die mit Familie oft im Wohnwagen unterwegs ist, das Aha-Erlebnis, „dass Krakau näher ist als meine Geburtsstadt Innsbruck“. Der Eiserne Vorhang habe Reisen in den Osten „gefühlt um tausende Kilometer verlängert“.

Otto Pacher vom Korneuburger Museumsverein ist den Eisernen Vorhang seinerzeit mit dem Rad abgefahren. Er hat die Grenzsteine nicht nur gesehen, „man hat auch gewusst, dass da die Grenze ist“, beschreibt er das beklemmende Gefühl. Nach der Öffnung war Pacher oft in tschechischen Orten im Grenzgebiet des Waldviertels. „Man hat gesehen, wie rückständig das Leben war.“ Dann habe alter Hausrat wie Kühlschränke, für die Sperrmüllsammlung auf die Straße gestellt, „plötzlich Füße bekommen“ – ein erfolgreicher Versuch der Nachbarn, beim Wohlstand aufzuholen.

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