Nahziele statt Fernreisen prägten Sommer-Tourismus. Familien haben heuer die Umgebung erkundet. Beherbergungsbetriebe melden Verluste.

Von Herwig Mohsburger. Update am 17. September 2020 (15:58)

Der Sommer-Tourismus stand ganz im Zeichen von Covid-19 und brachte Verlierer, aber auch Gewinner. Tagesausflugsziele haben davon profitiert, dass viele Familien ihren eigentlichen Urlaub storniert haben. Beherbergungsbetriebe hingegen mussten schmerzhafte Einbußen hinnehmen.

 „Mit dem Gruppen- und Städtetourismus schaut es im Bezirk ganz schlecht aus“, erklärt Julia Teis von Weinviertel Tourismus. Da gebe es derzeit leider auch wenig Hoffnung auf eine Verbesserung. Anders sieht es beim Ausflugstourismus aus, der erlebe einen wahren Boom. Die Ausflugsziele im Bezirk sind vor allem im angrenzenden Wien sehr beliebt.

Verluste bei Beherbergungsbetrieben

„Es war besser als erwartet“, kommentiert Thomas Hopfeld vom Hotel Dreikönigshof in Stockerau das Sommergeschäft. In nackten Zahlen heißt das allerdings dennoch ein Minus von rund 50 Prozent zum Vorjahr. Die Reisegruppen seien „auf Null“ zurückgegangen. Im Tourismus  sei  man von Wien abhängig und da seien die Reisenden ausgeblieben.

Getroffen hat Hopfeld auch die Absage der Stockerauer Festspiele, weil neben einigen Nächtigungen von Besuchern auch das Catering ausgeblieben ist. Bei rund zwei Drittel Geschäftsreisenden ist auch dieser Bereich wichtig, da habe es auch einen deutlichen Rückgang gegeben. „Die klassischen Urlaubsreisen sind momentan ganz schwach“, so Hopfeld. Auch seine Prognose verheißt wenig Gutes: „Bis sich die Branche erfangen kann, wird es dauern. Gelingen wird es wohl erst, wenn es eine Impfung gibt.“

„Viele Reisegruppen haben ausgelassen, dieses Geschäft ist komplett zurückgegangen“, berichtet Otto Bauer, Seniorchef vom City Hotel Stockerau. Übrig blieben nur die Radfahrer. Trotzdem gab es laut Bauer ein Minus von 70 Prozent. „Sehr treue Kunden buchen schon noch“, sieht Bauer einen kleinen Hoffnungsschimmer. Auch der Bedarf an Firmenschulungen -  einem weitere Standbein - wäre da; „aber momentan gibt es kaum Buchungen“, so Bauer. Er habe bemerkt, dass die Kunden zwar kommen wollen, aber Angst haben. Beim Bustourismus sind eher ältere Gäste die Zielgruppe und die hätten die Einstellung „Ich muss ja nicht unbedingt fahren“, so Bauer.

Anita Scheiterer von der gleichnamigen Gasthof-Pension in Enzersfeld hatte nur einige Stammgäste, sonst kamen keine Touristen. Viele, die schon im letzten Jahr gebucht hatten, haben storniert. Die Zimmer sind hauptsächlich von Firmen belegt, die ihre Arbeiter unterbringen. Auch Übernachtungsgäste von Hochzeiten fehlen laut Scheiterer, denn „wer will schon mit Maske heiraten?“

Gut durch den Sommer gekommen ist Doris Winkler aus Niederhollabrunn, die mit ihrem „Traubengarten“ Urlaub am Bauernhof anbietet. Die Buchungslage sei gut gewesen, und die Nächtigungsdauer länger. Ihre Klientel stammt hauptsächlich aus anderen Bundesländern. „Die Gäste wollen Wein und Weinberge sehen“, nennt Winkler das Hauptinteresse. Natürlich werden auch Ausflüge etwa zur Adlerwarte oder zum Wildpark Ernstbrunn gemacht. Als gute Ergänzung sieht Winkler ihre Teilnahme an „Schau aufs Land“. Dabei dürfen Reisende eine Nacht gratis campen. Die Rentabilität entsteht, weil die Camper meist bei ihr essen, und dann im kleinen Laden einkaufen.

Großer Gewinner ist die Fossilienwelt

„Juli und August waren wirklich gut“, freut sich die Geschäftsführerin der Fossilienwelt in Stetten, Ursula Artner-Rauch, denn wegen des Lockdown unmittelbar nach der Winterpause konnte heuer erst am 1. Juli aufgesperrt werden. Gruppenreisen sind derzeit komplett out, aber viele Familien aus Niederösterreich, Wien und sogar aus dem Burgenland sind nach Stetten gekommen. „Heuer waren es wirklich die klassischen Familien mit Vater, Mutter und Kind, während sonst oft die Großeltern mit ihren Enkerln unterwegs waren“, beschreibt Artner-Rauch die Änderungen durch Covid-19. Viele Familien hätten offensichtlich „Urlaub daheim“ gemacht. Auch im Shop wurde mehr Geld als sonst ausgegeben, „da war wohl ein Urlaubsbudget übrig“, vermutet sie.

Insgesamt konnten in der Fossilienwelt sogar mehr Besucher als im Sommer 2019 begrüßt werden, wohl auch, weil das Wetter mitgeholfen hatte und es nicht so extrem heiß wie im vergangenen Sommer war. Trotz des starken Sommers lässt sich der Verlust vom Frühjahr laut Artner-Rauch nicht ausgleichen.  Und auch für den Herbst sieht es nicht rosig aus: „Wir warten auf Buchungen von Schulen.“ Denn kaum war in Wien die Corona-Ampel auf Gelb gesprungen, kam auch schon das Storno von einer Schulklasse.

Viel Licht und Schatten auf den Gleisen

Völlig unterschiedlich fällt die Bilanz bei der Regiobahn aus. Bei den Nostalgieexpress-Fahrten konnte im Vergleich zum Vorjahr sogar ein kleines Plus erzielt werden. Die könne damit zusammenhängen, dass viele Familien heuer keine Urlaubsreise gemacht haben, vermutet Narrenhofer. Ganz anders ist aber das Bild bei den Erlebniszügen: „Die sind tot“, beschreibt Narrenhofer die Situation. Die strengen Corona-Auflagen haben zum Kundenschwund geführt. Wer setzt sich schon in den Sonderzug mit der Maske?“, fragt er. Und an den Zielorten sind die meisten Veranstaltungen wie etwa die Weihnachtsmärkte bereits abgesagt worden. Für die Veranstalter der Fahrten bahne sich ein finanzielles Fiasko an, hieß es.

 „Besonders die Wochenenden waren sehr stark“, freut sich Franz Ladner, Gesellschafter der Weinviertel Draisine. Man habe es allerdings auch einfacher als andere Freizeitanbieter, „weil die Fahrt mit der Draisine eine Freiluftaktivität ist“, so Ladner. Allerdings ist das Segment der Reisegruppen weggebrochen. Mit Schulbeginn kamen aber Anfragen von Schulen, „weil trotz Corona eine gewisse Zuversicht der Lehrer da ist“, erklärt Ladner.

Auffallend sei im Sommer gewesen, dass viele Großfamilien und viele Kleingruppen unterwegs waren. „Die Menschen waren während des Lockdown daheim eingesperrt und wollten nun im Freundeskreis etwas unternehmen“, vermutet Ladner.

Der Wildpark Ernstbrunn hat relativ früh aufgesperrt und konnte schon im Mai viele Gäste begrüßen. „Der Sommer war stärker als sonst“, erklärt Leiter Sebastian Schmid. Er vermutet den Boom, weil weniger auf Urlaub gefahren wurde. Denn auch unter der Woche gab es viele Besucher, „Tagesausflüge sind wieder in Mode gekommen“, so Schmid. Nicht nur wie üblich kamen viele Großeltern mit Enkeln, sondern auch Gruppen von Familien.

„Kreuzenstein“ als Tagesausflugsziel

Ungefähr 70 Prozent machte der Anteil von Touristen aus dem Ausland bei den Besuchern der Burg Kreuzenstein in der Vor-Corona-Zeit aus, „die sind weg“, so Burgherr Hans Christian Wilcek. Dafür mehr zog es mehr Österreicher „zurück zu den geschichtlichen Wurzeln“, viele Tagesausflügler aus der Umgebung wurden gezählt. Der verspätete Öffnungsbeginn hat ein Minus von rund 100.000 Euro gebracht, „am Anfang sind wir allein auf der Burg gesessen“, erzählt der Burgherr. Insgesamt sei es ein schlechteres Jahr, auch im Herbst: „Die Schulen kommen nicht“, so Wilcek. Dabei wurde immer auf die Sicherheit geachtet. Wilcek: „Das Betreten der Burg war stets nur mit Maske erlaubt.“

Gleich nebenan bei der Adlerwarte Kreuzenstein registrierte Geschäftsführerin Christine Derler einen durchschnittlichen Sommer. „Reisegruppen sind ausgeblieben, wie auch Reisende aus dem Ausland. Dafür  waren mehr Familien zu Besuch“, so Derler. Immerhin habe das Wetter heuer gepasst, weil es nicht so heiß war. Für den Herbst gebe es  auch wieder Anfragen von Schulen.

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