NS-Lager: Ein Mantel wurde zum Symbol. In Gerasdorf hat man die Geschichte des großen Zwangsarbeiterlagers penibel aufgearbeitet und dokumentiert.

Von Herwig Mohsburger. Erstellt am 23. Juni 2021 (05:54)
István Gábor Benedek
Zur Einweihung des Gedenksteins im Jahr 2016 kam auch István Gábor Benedek. Er ist der letzte Überlebende des Lagers in Gerasdorf. Der Ehrenbürger der Stadt zeigt die Namen der Opfer.
Höberth/Archiv

Das Bundesdenkmalamt hat über 2.100 Lager der Nationalsozialisten, Zwangsarbeitslager, KZ-Außenstellen und Kriegsgefangenenlager ausgemacht und aufgelistet. Auch im Bezirk Korneuburg gab es NS-Lager, das bekannteste in Gerasdorf. Sonst sind die Quellen ungenau und widersprüchlich, zu den Lagern in und um Gerasdorf gibt es hingegen sehr genaue Aufzeichnungen.

Der Fliegerhorst erstreckte sich über den gesamten Ortskern von Seyring. Am Gelände fand sich ein Lager für italienische und jugoslawische Zwangsarbeiter. Es gibt allerdings keine eindeutigen Reste davon.

EU-Abgeordneter Lukas Mandl hat in seinem Garten einen Brunnen, von dem es heißt, er habe zum ehemaligen Fliegerhorst gehört. Sonst gibt es keine Hinweise auf den Flugplatz. Allerdings hatten zum Zeitpunkt der Ungarn-Krise 1956 Flüchtlinge alte Karten, auf denen noch ein Flugplatz eingezeichnet war. Sie landeten dann mitten auf den Feldern.

„Die jüdischen Feldarbeiter haben bei uns ganz normal mitgegessen.“ Josef Schilk, Zeitzeuge, Gerasdorf

Mandl war sehr engagiert, als es darum ging, die Geschehnisse rund um das Zwangsarbeiterlager von ungarischen Juden in Gerasdorf aufzuarbeiten. „Wir haben mit Zeitzeugen gesprochen, unterstützt von der Akademie der Wissenschaften und dem Simon-Wiesenthal-Institut“, erzählt er. An der Aufarbeitung sei die ganze Stadt beteiligt gewesen, auch die Neue Mittelschule Gerasdorf nahm im Zuge eines Schulprojekts daran teil. Höhepunkte waren im Jahre 2016 die Enthüllung eines Gedenksteins und eine Festschrift, die detailliere Informationen über die damaligen Verhältnisse liefert.

Insgesamt 281 ungarische Juden – Männer, Frauen und Kinder – waren im Jahr 1944 von März bis Oktober in dem Lager untergebracht. Haupteinsatz für die Männer war bei der Feldarbeit, Frauen wurden auch zum Nähen, in Bäckereien und bei der Firma Rütgers eingesetzt, bei der Bahnschwellen mit Teer konserviert wurden.

Bekannt ist auch, dass sich zwischen der Lagerinsassin Rózsa Braun und der Familie Anna und Matthias Seidl sowie deren Nachbarin Maria Neumayr eine freundliche Beziehung entwickelt hat. So wurde Brauns Sohn István Gábor Benedek ein Wintermantel geschenkt, durch den er die folgenden Aufenthalte in KZs in den Wintermonaten überleben konnte.

Erinnerung an Opfer bewusst am Bahnhof platziert

„Im Unrechtsstaat wurde auch Menschliches getan“, kommentiert Mandl Taten wie diese. Brauns Namen trägt heute eine Gasse beim Bahnhof Gerasdorf, Sohn Benedek war bei der Enthüllung des Gedenksteins vor fünf Jahren anwesend. „Wir haben den Stein mit den Namen aller Opfer bewusst am Bahnhof platziert, damit ihn alle sehen können“, sagt Mandl.

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Das Lager der ungarischen Juden in Gerasdorf auf einem Luftbild: der helle Komplex rechts im Bild neben dem Bahnhof.
Gemeinde Gerasdorf, Gemeinde Gerasdorf

Er findet es positiv, wie sich die Stadt mit dieser dunklen Vergangenheit auseinandergesetzt hat. Ein Zeitzeuge ist der 88-Jährige Josef Schilk aus Gerasdorf. „Am Sonntag bin ich immer mit meinem Vater zum Verwalter des Lagers gegangen. Da haben wir dann die Helfer für den Montag bestellt“, erinnert er sich. Soweit die Menschen arbeiten konnten, mussten sie bei den Bauern mithelfen. „In der Einfahrt haben die Frauen Mohnkapseln geöffnet“, erzählt Schilk. Die Arbeit auf den Feldern war deutlich schwerer, „die Bauern mussten ja auf Befehl Gemüse anbauen“.

Besser versorgt als erlaubt

Die Unterkünfte für die Juden waren laut Schilk Erdäpfelbunker direkt neben dem Bahnhof, die Versorgung war sehr bescheiden. Allerdings wurden die Feldarbeiter verbotenerweise von den Bauern besser versorgt. Schilk: „Die jüdischen Feldarbeiter haben bei uns ganz normal mitgegessen. Man brauchte ja Kraft für die Arbeit.“

An einem Sonntagnachmittag im Herbst war dann völlig überraschend Schluss: „Die Juden wurden auf Lkws abtransportiert“, erinnert sich Schilk. Über mehrere Stationen kamen sie in Konzentrationslager.

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