Zusammenlegung in 1970ern war Ende für viele Gemeinden. Die Reform des Landes war für viele Orte im Bezirk Korneuburg ein harter Einschnitt, der zu Spannungen führte.

Von Herwig Mohsburger, Nathalie Lackner, Josef Christelli und Dieter Rathauscher. Erstellt am 21. April 2021 (04:36)
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Der letzte Gemeinderat eines noch eigenständigen Großrußbachs im Jahr 1970 vor der Zusammenlegung: Bürgermeister Josef Holzmann (Mitte) und alle Mitglieder waren aus dem Ort.
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Anfang der 1970er-Jahre blieb in Niederösterreich kein Stein auf dem anderen: Im Zuge eines zweijährigen Prozesses wurden die Strukturen gestrafft, zahlreiche einst eigenständige Gemeinden wurden zusammengelegt. Für 21 Orte im Bezirk jährt sich diese einschneidende Veränderung heuer zum 50. Mal.

„Die kleinen Gemeinden waren kaum in der Lage, das Administrative zu stemmen. Ihre Finanzen hätten auch nicht für Personal und größere Investitionen gereicht“, erinnert sich Leobendorfs Altbürgermeister Karl Stich an die damalige Situation. Was aber nicht heißt, dass die Zusammenlegungen allerorts auf Gegenliebe stießen; besonders drastisch waren die Maßnahmen in Würnitz, das sich lange gegen die Zugehörigkeit zu Harmannsdorf wehrte. 1975 kam es zur Zwangseingemeindung, Bürgermeister Friedrich Zott wurde gezwungen, die Schlüssel der Gemeindekanzlei abzugeben.

„Bei einer 80er-Feier in Oberrohrbach bin ich nicht freundlich empfangen worden.“ Karl Stich, Altbürgermeister, Leobendorf

Auch in Karnabrunn und Wetzleinsdorf griff die Landesregierung letztendlich ein: Die Orte wollten eigenständig oder der Hauptort einer Gemeinde bleiben, keinesfalls aber wollte man zu Großrußbach gezählt werden. 1972 wurde den Orten keine Wahl mehr gelassen.

Prägend waren die Gemeindezusammenlegungen für die Marktgemeinde Ernstbrunn: Sie bestand bis 1970 aus den Orten Ernstbrunn, Dörfles, Steinbach, Thomasl, Gebmanns und der land- und forstwirtschaftlichen Katastralgemeinde Ernstbrunnerwald, gehörte allerdings zum Bezirk Mistelbach. Durch die Umstrukturierungen kamen dann Simonsfeld, Naglern, Lachsfeld, Merkersdorf, Au, Oberleis und Klement dazu, und die gesamte Gemeinde wurde in den Bezirk Korneuburg transferiert.

Der letzte Neuzugang war Maisbirbaum; der kleine Ort wurde erst per Gesetz vom 3. November 1971 in Ernstbrunn eingemeindet. Die Spuren dieser Veränderungen sind bis heute vorhanden: Die Gemeinde Ernstbrunn hat drei Postleitzahlen und zählt zehn Feuerwehren. Mit dem SK Ernstbrunn und dem USV Klement gibt es auch zwei Fußballklubs und zwei Tennisvereine.

Für die Gemeindepolitiker galt es in dieser Zeit, Fingerspitzengefühl zu beweisen. Harmannsdorfs Altbürgermeister Leopold Steindl kam damals blutjung in den Gemeinderat: „Der Zusammenschluss war hart für die Gemeinden, denn plötzlich waren fünf Bürgermeister ihren Job los. Es war eine Situation, die eigentlich niemand wollte.“ Der damalige ÖVP-Bürgermeister Johann Neumeyer gab den ehemaligen Ortschefs Sitze im Gemeinderat und ernannte sie zu Ortsvorstehern. „Es war keine Liebesheirat, aber es hat sich zu einer Vernunftehe entwickelt“, kann Steindl, der 15 Jahre später zum Bürgermeister ernannt wurde, heute sagen.

In der Gemeinde Leobendorf zierte sich vor allem das überwiegend rote Oberrohrbach, seine Eingemeindung zu akzeptieren. Diese Skepsis bekam Karl Stich, der 1990 Bürgermeister wurde, auch Jahre später zu spüren. „Bei einer 80er-Feier in Oberrohrbach bin ich nicht freundlich empfangen worden“, schildert der Altbürgermeister. Aus Unterrohrbach wiederum kam eine Beschwerde, weil ein Kehrwagen „beim Hydranten Wasser entnommen hat, um in Leobendorf zu kehren“. Dabei war Unterrohrbach für Leobendorf ein Gewinn: Der Ort brachte Geld mit, der örtliche Schotter wurde für den Autobahnausbau verwendet.

Knapp war die Entscheidung in Kleinwilfersdorf: Die Bevölkerung wollte sich mit Ober- und Unterrohrbach zusammentun, weil sie auch eine gemeinsame Pfarre hatten. Bei einer Bürgerbefragung gab dann eine Stimme den Ausschlag für Leitzersdorf, erinnert sich der damalige Bürgermeister Karl Poisinger.

Für Reibereien sorgten die Maßnahmen des Landes auch in Niederhollabrunn, wie der spätere Bürgermeister Josef Bauer weiß. „Natürlich haben die Gemeinderäte damals auf ihr Recht gepocht. Wichtig und maßgebend waren aber die Bemühungen von Josef Wimmer. Er war in Niederhollabrunn Gemeindesekretär und hat zwischen allen Seiten vermittelt.“

Hinzu kam, dass durch die Zusammenlegungen Niederhollabrunn zur Marktgemeinde und Niederfellabrunn zur Katastralgemeinde wurden. Der Name der Großgemeinde stand zunächst nicht fest: „Die Marktgemeinde hieß nach der Zusammenlegung noch bis 1973 Niederbrunn. Erst im Laufe der folgenden Jahre wurde sie dann wieder zu Niederhollabrunn“, erzählt Bauer.

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