Zweifel an den neuen Impfzentren in Stockerau. Landesweite Impfzentren sorgen für Kritik bei den Freiwilligen. Notruf NÖ: Neue Struktur ist eine Notwendigkeit.

Von Michaela Höberth. Erstellt am 14. April 2021 (15:46)
Zwei Impfstraßen fanden bisher unter der Leitung von Stadtarzt Amir Baradar (Mitte) und seinem Team statt. Ab 22. April werden die Impfaktionen über das Land NÖ und das Rote Kreuz organisiert.
Archiv/Mikysek

„Es ist schade, dass hier über ein bestehendes, sehr gut funktionierendes System drübergefahren wird“, findet Judith Lojka. Sie ist eine der vielen Freiwilligen, die seit der ersten Stunde bei den Teststraßen und auch bei den beiden Impfstraßen mitgeholfen haben.

Ab 22. April werden die groß angelegten Impfaktionen jedoch nicht mehr länger von der Stadt, sondern in Form von landesweiten Impfzentren organisiert; 20 dieser Zentren werden in ganz NÖ eingerichtet, eines davon in der Stockerauer Milleniumshalle. Das Hauptargument: Es soll bald mehr Impfstoff geliefert werden, dank der neuen Impfzentren soll dieser dann auch deutlich schneller verimpft werden können.

Ein Schritt, den Lojka kritisch sieht: „Bisher wurden die Impfaktionen regional organisiert, viele engagierte Menschen haben ihr Herzblut in diese Sache gesteckt. Durch den persönlichen Kontakt – auch außerhalb der Impfstraßen – konnten wir vielen Menschen die Angst nehmen. Wenn sie dann in die Milleniumshalle gekommen sind, haben sie immer vertraute Gesichter angetroffen“, hat eine regionale Organisation für sie viele Vorteile.

Und Lojka ist nicht die Einzige, die in den neuen Impfzen tren Nachteile sieht: Gäbe es mehr Impfstoff, hätte man auch in den bisherigen Strukturen mehr impfen können, ist ein anderer Freiwilliger, der anonym bleiben möchte, sicher. Wobei ja gar nicht sicher sei, ob tatsächlich mehr Impfstoff geliefert werden kann. „Jedenfalls ist bisher nur ein Impftermin pro Woche in Stockerau vorgesehen“, hinterfragt er die Argumente des Landes. Für ihn steht fest: Mit den neuen Impfstraßen wurde eine GmbH und damit ein Geschäftsmodell geschaffen, es drohe ein Qualitätsverlust. „Und wer profitiert von diesem Modell?“, fragt er sich.

Stefan Spielbichler, Notruf NÖ: „Aufwendungen werden bei 75 Millionen Euro liegen.“
Notruf NÖ

Stefan Spielbichler, Sprecher des Notrufs NÖ, stellt klar: Die neuen Impfzentren sind von einem Geschäftsmodell weit entfernt. Im Gegenteil: „Die Aufwendungen dafür werden bei rund 75 Millionen Euro liegen.“ Dennoch führe an einer Neuorganisation kein Weg vorbei, wie er erklärt: „Bis Juli sind 800.000 Leute zu impfen. Diese Masse schaffen wir mit den bisherigen Strukturen schon rein logistisch nicht mehr“, macht er bewusst. Noch wichtiger sei jedoch, dass mit den neuen Impfzentren auch Rechtssicherheit für die freiwilligen Helfer geschaffen wurde; bisher erfolgte deren Bezahlung nach dem Zweckzuschussgesetz, mit dem neuen Modell können sich Freiwillige bei dem neuen Betreiber anstellen lassen, zum Beispiel als Zweitbeschäftigung. „Unser Wunsch ist es, möglichst viele Freiwillige mitzunehmen, nur in einem anderen Anstellungsverhältnis. Sie werden auf jeden Fall gebraucht“, betont Spielbichler.

In der Kalenderwoche 16 starten die neuen Impfzentren an allen Standorten, zunächst mit nur ein bis zwei Impfterminen pro Woche. „Ab Mitte Mai, wenn die großen Impfstofflieferungen erfolgen, werden die Zentren dann sieben Tage die Woche in Betrieb sein. Die Pro gnosen von Pfizer halten seit Mitte Januar“, kündigt der Sprecher an. In Stockerau wird vorerst nur donnerstags geimpft. Außerdem kann man sich nach wie vor bei niedergelassenen Ärzten impfen lassen.

„Durch die Standardisierung wird die Qualität in den Impfzentren sogar noch gehoben“, argumentiert Spielbichler. Die Impfungen erfolgen nach den gesetzlichen Vorgaben; es wird eine Aufklärung für die Patienten geben, ebenso wie eine Nachbehandlung. Geimpft wird von Fachpersonen. „Ohne die neuen Impfzentren haben wir nie die Chance, 800.000 Leute zu impfen. In allen Ländern, die viel impfen, läuft die Organisa tion über große Impfzentren“, hält Spielbichler fest.

Die Stadtgemeinde Stockerau steht hinter dem neuen Modell: „Für uns steht der Schutz der Bürgerinnen und Bürger und damit eine möglichst hohe Durchimpfungsrate in der Bevölkerung an erster Stelle, daher werden wir die Organisatoren des Impfzentrums mit voller Kraft unterstützen“, heißt es auf NÖN-Anfrage. Die Organisation der neuen Impfzentren wird an das Rote Kreuz übergeben, bisher hatten Stadtarzt Amir Ba radar und sein Team von Freiwilligen die Impfaktionen mit großem Erfolg gestemmt. Die gesammelten Erfahrungswerte wolle man weitergeben, so die Stadtgemeinde.

Da das neue Impfzentrum in der Milleniumshalle eingerichtet wird, baut Baradar die Teststraße im Sportzentrum neu auf, wo der Betrieb am 20. April startet. Am 17. April führt er seine letzte Impfaktion in der Milleniumshalle durch. Er ist sicher: Er und sein Team hätten die erhöhten Anforderungen meistern können. „Bisher haben wir rund 2.300 Personen geimpft, und wir hätten unsere Auslastung auch um 40 bis 50 Prozent erhöhen können. Außerdem hat die Zusammenarbeit mit dem Notruf NÖ immer perfekt geklappt“, so der Stadtarzt. Hinzu komme, dass noch nicht alle Ärzte, die Impfungen anbieten wollen, entsprechende Impfstoffe erhalten haben.